• 2001: Über gute Ratschläge und die Kommunikation
  • 2002: Vom Anpassen
  • 2003: Vom Anpassen II
  • 2004: Vom Anpassen III
  • 2005: Über die Nähe
  • 2006: Der gute Abt – Über das Wesen der Entscheidung
  • 2007: Vertrau der Tränenspur – Vom Wesen des Abschieds
  • 2008: Der Junge mit der Glocke
  • 2009: Der Schlüsselstein
  • 2010: Die Prinzessin ohne Land
  • 2011: Von der Sehnsucht …und der Suche nach Gott oder auch: Der große Irrtum.
  • 2012: Der gestrenge Stadtschreiber
  • 2013: Der Abschied - Von der engen Beziehung zwischen Nähe und Distanz
  • 2014: Die Wald-Schusterei
  • 2015: Der Mann mit den Wörtern
  • 2016: Die Rückkehr der Prinzessin ohne Land
  • 2017: Frau Madeleine Keßler ist tot
  • 2001: Über gute Ratschläge und die Kommunikation

    Es war in einem fernen Land und ein kleiner, ehrgeiziger Junge entschied: “Ich will mich ganz viel anstrengen, um etwas aus meinem Leben zu machen” und fortan passte er gut in der Schule auf, er war interessiert, hörte den Erwachsenen zu und wollte so schnell wie möglich so werden wie diese. Er wuchs und sammelte Ratschlä- ge, die er nur konnte, um sich auf das Berufsleben vorzubereiten.

    Und eines Tages war es dann soweit. Er stand auf der Schwelle zum Beruf und der wußte genau, er hatte eines sicher gelernt: ja nie die eigene Meinung zu sagen. Das hatten ihm viele Ratschlaggebende gesagt, dass dies das Schlechteste ist, was man im Beruf machen kann. Und siehe da, er kam gut an. Alle fanden ihn spannend, interessant und er ng sehr schnell an Karriere zu machen.

    Und eines Abends hatte er die Idee: “Je länger ich meine Meinung nicht sage”, dachte er, “um so mehr muss ich behalten, wo ich was gesagt habe, damit ich nicht irgendwo das Falsche sage, und da dies nie meine Meinung ist, ist es für mich sehr viel schwieriger alles zu behalten.” “Also”, dachte er, “führe ich ab jetzt ein Meinungs- buch und schreibe ganz genau auf, wo ich welche Meinung vertreten habe, so dass ich nachlesen kann”. Ab diesem Zeitpunkt schrieb er genau auf, wann er welche Meinung wie vertrat und siehe da, seine Karriere startete ab dann erst richtig durch. Er war glücklich und schrieb jeden Abend alles auf. Und da er immer mehr Verantwortung bekam und immer mehr weltweit mit Menschen in Kontakt kam, wurde das Aufzuschreibende im- mer mehr. Er hatte schon zwei Bibliotheken voll geschrieben und so langsam wurde es viel. Doch er behielt es noch gut im Griff, aber er spürte genau, die Bücher drückten ihn und er musste immer häu ger nachlesen, was er wo vertreten hat, damit er konkurrent eine Meinung vertrat, die nicht die seinige war. Die Karriere ging weiter und die Bücher ut wuchs und wuchs und man sah dem Mann deutlich an, dass er fast mittlerweile die ganze Nacht benötigte, um aufzuschreiben welche Meinung er wo an diesem Tage vertreten hatte. Er wurde müde und krank. Seine Karriere bekam einen Knick, die Menschen mochten ihn nicht mehr und er schrieb immer mehr und immer schneller alles auf, um ja nicht noch schlechter dran zu sein. Doch offensichtlich war es zu spät. Sein Betrieb schloss ihn aus und der Mann war am Boden zerstört. Man sah ihn eines Morgens mit vielen, vielen Lastwagen ausziehen und er ward in dieser Stadt nie mehr gesehen. Die Leute sagten: “nun ja, steile Karriere birgt Gefahr in sich” und man vergaß ihn.

    Nur die Menschen auf dem Land erzählten sich noch eine komische Geschichte: An einem Morgen kam of- fensichtlich ein Mensch aus der Stadt mit vielen Lastwagen an, in denen handgeschriebene Bücher lagen. Früh morgens räumte er sie alle aus den Lastwagen und häufte alle auf einen riesengroßen Haufen. Die Leute erzählen, dass er früh am Morgen diesen Haufen anzündete und ganz still neben dem großen Haufen, der lichterloh brannte, saß und weinte. Er weinte bis die letzte Flamme erloschen war. Man sagt, das Feuer dauerte drei Tage und drei Nächte. Der Mann verschwand dann, doch die Augenzeugen erzählen, er wäre so leicht weg- gegangen, dass man von seiner Traurigkeit während dem Verbrennen seiner Bücher nichts mehr spürte.







  • 2002: Vom Anpassen

    Es passierte vor langer, langer Zeit in einem Wald am Oberrheingraben. Im Herbst platzte eine Akazienbohne und der Samen segelte vom Wind getragen in Richtung Boden. Einer der Samenkörner betete: „Oh Gott, lass’ mich nicht so sein wie die anderen, lass’ mich an einen besonderen Platz fliegen.“ Die Zufälle des Windspiels ließen das Samenkorn an einem Wegekreuz, an dem sich drei Wege kreuzten, niedergehen. Der Samen wurde zum Keimling und alsbald stand schon ein 10 cm hohes Akazienbäumchen neben dem Wegekreuz. Es war ein besonderer Platz, da an diesem Weg viele Handwerker vorbei kamen, die oft hier rasteten. Es war die Zeit des großen Kathedralenbaus und so kamen auch Zimmerleute vorbei: die einen aus Spanien, die gegen Norden zogen und die anderen aus England, die gegen Süden zogen. Die Akazie war sehr stolz, wie der Zufall es so wollte.

     

    Die ersten drei Zimmerleute, die sie hörte, redeten über ... Holz. Zimmerleute reden immer über Holz. Sie sagten, dass die Eiche jetzt besonders wichtig wäre, um das Dachgebälk zu halten und beschrieben die Eiche ziemlich genau.

     

    Die Akazie dachte: „Jetzt ist es wichtig, eine Eiche zu sein.“ Und, da die Zimmerleute die Eiche genau beschrieben hatten, ließ die Akazie sofort einige Äste wachsen, die wie eine Eiche aussahen. Sie war sehr stolz und dachte: „Jetzt bin ich wichtig.“

     

    Es kamen Monate später Zimmerleute vorbei, die die Qualitäten der Esche lobten. Die Akazie erschrak, wandte sich um einen halben Kreis und ließ nach vorne wiederum Äste wachsen, die wie Eschenäste aussahen.

     

    Die Zimmerleute, die mit ihren verschiedenen Moden aus verschiedenen Ländern kamen, lobten reihum Ulme, Buche, Zwergesche, Kirsche, Kastanie und deren Vorzüge für das Dachgebälk. Unsere Akazie passte sich jedes mal an, wandte sich jedes mal um einen halben Kreis und ließ neue Äste der entsprechenden Modeholzform wachsen. Über das Ergebnis war sie jedes mal sehr stolz, da sie sehr gut zuhörte, was die Zimmerleute von ihr verlangten und sie bekam jedes mal die Form des Baumes gut hin. Sie träumte von einer Karriere als Balken in der Kathedrale, in einem reichen Kaufmannshaus, vielleicht sogar einer Bibliothek und sie roch schon Weihwasser, feines Essen und den Geruch von staubigen Büchern.

     

    So verging Jahr um Jahr, Winter um Winter und unsere kleine Akazie mit den vielen verschiedenen Ästen wuchs sehr knorrig und sehr viele verschiedene Äste waren an ihr dran. Aber sie war stolz auf sich und sich dachte an die vielen Akazienschwestern und –brüder, die im Wald standen und als Brennholz oder als Ufersicherung enden werden. Sie freute sich auf ihr eigenes Schicksal und träumte immer wieder von diesen großen Kathedralen, den Herrenhäusern, den Bibliotheken und dachte: „Ich habe es gut gemacht, ich habe es richtig gemacht.“

     

    Sie war zufrieden mit sich, bis ...

    ... zwei kleine Bauernkinder angelaufen kamen und sich am Wegekreuz niederließen. Das Mädchen sagte: „Du, hier sind wir genau richtig. Hier müssen wir auf Vater warten.“ „Bist du sicher?“ fragte ihr Bruder und das Mädchen zeigte gedankenverloren auf die Akazie und sagte: „Na klar, das ist doch das Wegekreuz bei der Krüppelakazie.“ Die Akazie schüttelte sich und fragte sich, ob sie richtig verstanden hatte. Der Bruder schaute die Akazie genau an und sagte: „Stimmt es ist die Krüppelakazie.“ Die Akazie jedoch verstand die Welt nicht mehr. Krüppelakazie, sie hieß bei den Bauern Krüppelakazie. „Ach“, dachte sie, „das sind nur die Bauern und die sind dumm.

     

    Am anderen Tag kam ein Mann und man sah sofort: ein Handwerker. Er ließ sich am Wagekreuz nieder und wartete. Einige Stunden später kam aus der anderen Richtung sein Kompagnon und sie winkten sich von Weitem zu. Der andere rief: „Sehr schön, du hast es gefunden, das Wegekreuz bei der Krüppelakazie.“ Der Akazie wurde es kalt ums Herz. Sie gingen von dannen.

     

    Der Akazie wurde angst und bange. Auch die Handwerker nannten sie Krüppelakazie. Sie sah die großen Träume vom Balken sein in der Kathedrale oder in Herrenhäusern und Bibliotheken vor ihren Augen schwinden. Plötzlich spürte sie die wahnsinnigen Schmerzen in ihrem Stamm von den vielen Halbkreiswindungen, die sie durchgemacht hatte. Auch spürte sie in jedem verformten Blatt die Energie, die verloren geht, ein anderes Blatt wachsen zu lassen als ein Akazienblatt. Sie fühlte sich schrecklich krank. Die Schmerzen blieben, der Winter kam und die Akazie weinte bitterlich (Fortsetzung Weihnachten 2003).

     

    jd







  • 2003: Vom Anpassen II

    Am Anfang jenes Winters wurde sie innerlich wütend.

     

    „Alle sind schuld. Ich wollte doch nur nicht so sein wie andere Akazien und sie haben mich alle angeschmiert, diese Zimmerleute, die hier vorbeikamen,“ bettelte sie. Ich wollte denen nur wohlgefällig sein und als großer Balken in einem großen Kaufhaus, in einer Kathedrale oder meinetwegen auch in einem Bauernhaus - na ja - in einem großen Bauernhaus, enden. Ich wollte nichts Böses, ich wollte nur gefällig sein. Sie haben mich alle angeschmiert.“

     

    Die Akazie, die unter ihren Schmerzen durch die vielen Umdrehungen litt, spürte Bitterkeit und kalte Wut. Plötzlich war sie auf alle normalen Akazien, die irgendwo im Wald stehen, neidisch. Die sind jetzt normal, dachte sie, und werden als Ufersicherung enden aber immerhin geachtet und ich, ich stehe hier und heiße Krüppelakazie. Da fiel ihr wieder der Wind ein, der sie damals per Zufall als Samenkern an dieses Wegekreuz geblasen hat. „Ich verfluche dich Wind. Du bist der Anfang meines schrecklichen Lebens“. Und die Akazie verschloss ihr Herz und verbrachte den Winter einsam und voller Bitterkeit.

     

    Im Frühjahr, als schon die vielen verschiedenen Blätter an dieser Akazie wieder ausschossen, kam ein Mönch am Wegekreuz vorbei. Er bekreuzigte sich vor dem Wegekreuz und setzte sich unter die Akazie und vesperte. Die Akazie sah seinen roten Haarschopf, seine Kutte aus grober Wolle und sie wusste: Das ist ein irischer Mönch.

     

    „Wieder so einer“, sagte sie, „der mich anschmieren will. Wahrscheinlich bringt er aus Irland irgendeine neue Mode mit. Aber diesmal, diesmal werde ich nicht darauf reinfallen und werde gar nichts mehr tun. Ich bin ja die Krüppelakazie und werde sie bleiben,“ giftete sie und sah voller Verachtung auf den Mönch hinab. Der Mönch schaute plötzlich zu ihr hoch und die Akazie erschrak. „Ach Gott, konnte er mich hören?“ Der Mönch schaute die Akazie zum ersten Mal genau an, sah ihre vielen verschiedenen Blätter und Holzarten, die die Akazie immer noch trug. Der Mönch sprach mit sanfter Stimme: „Ach Akazie – offensichtlich hatte er sie gehört – du bist also die berühmte Krüppelakazie!“ Die Akazie wurde hellhörig und sagte: „Ich? Berühmt?“ „Ja, sagte der Mönch.“ Auch bei mir zu Hause erzählt man von einer wundersamen Akazie am Wegekreuz. Ich bin froh Dir zu begegnen.“ Die Akazie kniff die Augen zusammen und sagte zum Mönch: „Hör auf mit Deinen Schmeicheleien. Du bist auch von denen, die mir eine neue Mode beibringen wollen. Ich will mich nicht mehr verändern. Ich bin genug reingefallen. Durch Eure Zunft bin ich eine überflüssige Krüppelakazie geworden und Ihr seid alle Schuld an meinem Unglück.“

     

    Der Mönch schaute die Akazie sanft an und er streichelte ihren Stamm. Die Akazie erschrak, weil ihr diese Berührung zu nah war und zog sich zusammen. „Hab keine Angst Krüppelakazie,“ sagte der Mönch. „Ich spüre wie verbittert und einsam Du bist.“ „Ja,“ sagte die Akazie, jetzt schon schluchzend, „und Ihr seid alle schuld.“ Der Mönch antwortete sanft: „Krüppelakazie, Du selbst wolltest es doch so, Du selbst wolltest Dich doch immer wieder anpassen. Es hat Dich doch niemand gezwungen. So ist das Schicksal auf Erden von Anpassern.“ Die Akazie schrie vor Schmerzen und sagte: „Nein, nein. Ich bin nicht schuld. Ich wollte nur wohlgefällig sein. Ihr alle habt mich angeschmiert. Alle, die Zimmerleute, die hier vorbeikamen, alle, alle haben mir versprochen, dass ich was werde, wenn ich mich anpasse. Niemand hat sein Versprechen gehalten.“ Jetzt weinte der Mönch leise und er streichelte noch mal sanft über den Akazienstamm und sagte ihr: „ Akazie, Du hast dir selbst etwas versprochen. Es ging schief. Du bist die Krüppelakazie, akzeptiere es.“ Der Mönch schaute die Akazie traurig an und umarmte ihren Stamm kurz, um ihr nicht wehzutun, packte sein Vesper ein und ging.

     

    Er drehte sich noch einmal um und winkte der Akazie traurig nach. Die Akazie hatte die Sätze vom Mönch gehört. Sie wurde sehr traurig und dachte: „Ich bin nicht nur die Krüppelakazie, jetzt muss ich auch noch die Krüppelakazie werden. Dabei wollte ich nur eine große Karriere machen. Mein Leben ist verpfuscht.“

     

    Und somit bemühte sich die Akazie von diesem Frühjahr an, sie selbst, die Krüppelakazie zu werden. Es fiel ihr schwer, wie sie das machte, konnte keiner mehr berichten, da wieder mal durch viele Kriege und andere Wirren sich die Wege in Europa änderten und das Wegekreuz geriet in Vergessenheit.

     

    jd







  • 2004: Vom Anpassen III

    Irgendwann starb die Akazie und niemand konnte berichten, ob ihr weiteres Leben gut verlief und sie es schaffte, sich selbst zu werden.

     

    Viele Jahre später ging ein Möbelschreiner, weil er auch ein bisschen allein sein wollte, alte Wege durch den Oberrheingraben. Er kam - ob Zufall oder nicht - an dem alten Wegekreuz vorbei. Das Kreuz war mittlerweile mit Efeu völlig umrahmt und die Krüppelakazie, die schon lange tot war, stand vom Efeu umrahmt als Baumstumpf da. Doch der Möbelschreiner mit gekonntem und fachmännischem Blick merkte sofort, dass dieser Baum etwas Besonderes hatte. Er befreite den Baum vom Efeu und siehe da, er erkannte einen wundersamen Baum, der aus mehreren Holzarten bestand. Er kannte so was nicht und dachte: „Ich möchte irgendwann mal Kinder haben – er war gerade auf der Suche nach einer Frau und er fühlte sich alleine. Ich mache aus diesem wunderbaren Holz, was offensichtlich aus mehreren Holzarten besteht, die Wiege für meine Kinder.“ Er lief schnell zurück und holte aus seiner Werkstatt eine Axt, fällte den toten Baum und machte sich ans Werk. Er arbeitete drei Tage und drei Nächte und am Ende hatte er eine wunderschöne Wiege gebaut. Die verschiedenen Holzarten schimmerten von heller Eiche über rötliches Kirschholz bis hin zu dem dunklen Nussbaum. Er war sehr stolz auf seine Arbeit und wusste: „Diese Wiege wird irgendwann mal meine Kinder beherbergen.“ Der Wunsch des Schreiners ging in Erfüllung. Er heiratete eine liebe Frau und zusammen bekamen sie sieben Kinder. Vor seinem Tode vererbte er diese Wiege an seine älteste Tochter, die gerade schwanger war. Da sagte er: „Dies ist eine besondere Wiege. Ich habe sie gebaut, da seid Ihr noch nicht mal auf der Welt gewesen. Versorge sie gut. Gib sie Deinen Kindern weiter, so dass sie unserer Familie lange Glück bringt.“ Die Wiege schützte jahrhundertelang die Nachfolgen des Möbelschreinermeisters und irgendwo steht sie heute immer noch auf der Welt, voll Hoffnungen und voll Leben, die Kinder von heute auf dieser Erde zu begrüßen.

     

    Beten wir zu Gott, dass dort, wo die Seele der Krüppelakazie ist, sie um diese Wiege weis. Falls sie die Versöhnung mit sich selbst nicht geschafft hatte, hilft vielleicht diese Wiege, sich mit ihrem Schicksal, dass sie selbst gewählt hatte, zu versöhnen.

     

    jd







  • 2005: Über die Nähe

    Es war in der Zeit, wo in unserem alten Europa die benediktinischen Kloster in ihrer Blüte standen. Die heute bekannten wertvollen Kodexe wurden gerade geschrieben, die Kräuterheilkunst wurde von den alten Kelten übernommen und dieses Wissen in Klöstern zusammengefasst, Klostergebäude und Kunstwerke wurden zur Herrlichkeit Gottes errichtet.

     

    Zu dieser Zeit gab es in einem abseits gelegenen Moor ein kleines, bescheidenes Frauenkloster, das noch aus der Anfangszeit der Klosterbewegung stammte. Das Kloster hatte nur eine kleine Kapelle, Schlafgemächer für die Nonnen und den Kapitelraum, der Raum, wo sich die Nonnen jeden Tag trafen. Küche und Essensräume waren sehr bescheiden und bestanden alle aus alten Steingebäuden.

     

    Das Kloster hatte keinen großen Zulauf, da es mit den Jahren im Moor in Vergessenheit geraten war und es wurde nur von wenigen Menschen besucht. Diejenigen wussten jedoch, dass dieses Kloster ein wahrer Schatz beherbergte. Die Äbtissin mit den wenigen Nonnen, die es dort gab, hatte die Kräuterheilkunst so verfeinert, dass die Salben und Kräutermischungen große Heilkraft besaßen. Die Äbtissin hatte sich schon damit abgefunden, dass sie dieses Kloster bis an ihr Lebensende führen würde, ohne dass dieses zu einer großen Blüte kam. Alle Nonnen hatten vor ihr großen Respekt, da sie mit den Heilkräutern von gleich zu gleich reden konnte und der Kräutergarten, der gleich links neben der Kapelle lag, war einzigartig. Alle Nonnen arbeiteten regelmäßig in diesem Kräutergarten. Jedoch hinter dem Kapitelsaal, gleich neben der großen alten Eiche, gab es einen winzigen Kräutergarten. Die Nonnen wussten, dass hier die Äbtissin die wunderbarsten Geheimnisse der Heilkräuter behütete. Die Nonnen respektierten, ohne dass dies je ausgesprochen wurde, diese Domäne der Äbtissin. Aus Erfahrung wussten die Nonnen, dass die Heilkräuter von dort diejenigen mit der erstaunlichsten Heilkraft waren.

     

    So gingen die Jahre dahin und die Äbtissin wurde etwas traurig. Sie machte sich Sorgen über den Nachwuchs, und was aus dem wunderbaren Wissen der Nonnen werden würde.

     

    Eines Tages, es war im Herbst und das Moor lag unter tiefem Nebel, strandete ein junger Mann im Kloster. Helle Aufruhr war unter den Nonnen, da sie keinen Besuch, schon gar nicht von Männern, gewohnt waren. Der junge Mann bemerkte, das Durcheinander, das er verursachte und ging einige Schritte zurück. Man holte schnell die Äbtissin und als sie auftrat wusste der junge Mann sofort, die kann ich ansprechen.

     

    „Guten Tag“, sagte der junge Mann, „ich hörte von einem alten Mann, in dem Dorf, von dem ich stamme, dass hier irgendwo in diesem Moor ein kleines Kloster liegt. Bin ich hier richtig?“ Die Äbtissin zog etwas erstaunt die Augenbrauen hoch und sagte „Vielleicht, was wollen Sie denn hier?“ Der junge Mann sagte: „Es wäre mir schon geholfen, wenn ich einige Tage hier übernachten könnte, um dann weiter zu ziehen.“ Die Äbtissin, für die diese Situation ebenso neu war, rief die Nonnen im Kapitelsaal zur Beratung zusammen. Der junge Mann sah sich draußen etwas um und an seinem Gesicht sah man, dass es ihm gefiel.

     

    Die Äbtissin trat hervor und sagte ihm: „Junger Mann, sie können hier bleiben und Herberge in unserem Kapitelsaal beziehen. Wir möchten Sie jedoch bitten, sich an unsere Klosterregeln zu halten, d. h. Sie müssten, vor 4:00 Uhr aufstehen, so dass wir unseren Raum, wie gewohnt, nutzen können. Wir können Ihnen für einige Tage Herberge bieten.“ Der junge Mann dankte und richtete sich in einer kleinen Ecke im Kapitelsaal ein.

     

    Die Äbtissin schlief schlecht und träumte. Am anderen Morgen, als sie unruhig aufwachte, entschied sie, ich gehe in den Kräutergarten, da werde ich Ruhe finden. Sie ging morgens früh hinaus und hörte plötzlich eine Stimme. Sie blieb stehen und im Nebel im Kräutergarten sah sie den jungen Mann mit den Pflanzen reden. Sie blieb still stehen und wartete, bis sich der junge Mann aus dem Garten entfernte. Dann ging sie zu ihren Pflanzen und spürte, die Heilpflanzen hatten gehört, was der junge Mann zu ihnen sprach und waren entzückt und beeindruckt. Die Äbtissin, die inneres Glück verspürte, ging in die Kapelle und suchte Rat bei Gott. Sie war irritiert und unsicher. Sie hatte sich immer gewünscht, dass eine ihrer Nonnen diese Gabe hatte und jetzt kam ein junger Mann, der zumindest behauptete, er wäre geschickt aus seinem Dorf und er hatte diese Gabe. Sie betete Stunden und als sie zum Abendessen über den Hof in das Gebäude ging, war sie sehr erstaunt, dass der junge Mann mit den anderen Nonnen dabei war das Tageswerk mit den Heilkräutern zu verbringen. Eine Nonne kam zur Äbtissin und sagte: „Äbtissin, der junge Mann, der ist begabt.“ Und die Äbtissin sagte: „Ich glaube, er spricht auch zu den Pflanzen.“ Wiederum verspürte die Äbtissin Glück und Unsicherheit. So gingen einige Tage der Unsicherheit und des Glücksgefühls dahin. Der junge Mann gehörte plötzlich zum Kloster und die Äbtissin hatte ein schlechtes Gewissen. Es war gegen die Klosterregel und doch konnte sie von dem jungen Mann nicht lassen, da dieser offensichtlich ihre eigene Begabung hatte. Manche Nonnen waren erstaunt, dass die Äbtissin ihn nicht fortschickte. Manche munkelten, ob das denn so richtig sei.

     

    Nach einer Weile sah man plötzlich die Äbtissin und den jungen Mann bei langen Abendspaziergängen im Moor nebeneinander gehen. Sie redeten kaum, jedoch hatte es von außen den Anschein, als wären sie in einem intensiven Dialog und als ob sie ohne viele Worte viel austauschen würden. Manche Nonnen flüsterten, wie die Äbtissin aufblühte und wie ihre Augen, jedes Mal, wenn der Mann zugegen war, hell aufleuchteten. Sie waren jedoch alle zu schüchtern, irgend etwas zu sagen. Die Ehrfurcht vor der Gabe von diesem jungen Mann ließen sie still bleiben. An einem Abend auf einer dieser langen Spaziergänge sah eine der Schwestern, wie die Äbtissin den jungen Mann mit in den Kräutergarten hinter der Eiche mitnahm. Sie ging sehr schnell zu den anderen Nonnen und sagte: „Sie hat ihn mitgenommen.“ Die Nonnen waren betroffen und sie entschieden alle in die Kapelle beten zu gehen. Was sie jedoch nicht voneinander wussten: sie beteten alle einzeln, dass der junge Mann bliebe, weil es der Äbtissin offensichtlich sehr viel besser ging und das Kloster dadurch vielleicht aufleben würde. Niemand machte sich Sorgen, dass das eigentlich gegen die Regel war, sondern alle beteten inbrünstig, dass er blieb. Und so war das dann auch. Der junge Mann gehörte fortan zum Kloster und übernahm immer und immer mehr wesentliche Aufgaben im Heilkräutergarten und den Pflanzen ging es unter seiner Hand gut. Alle Mitbewohnerinnen im Kloster erstarkten und sie hatten sogar die Kraft, ihre Gebäude zu renovieren. Nun sah man die Äbtissin und den jungen Mann regelmäßig zu dem der Äbtissin vorbehaltenen Kräutergarten hinter der Eiche gehen. Sie brachten von dort immer wieder besonders gute Kräuter mit und man gewöhnte sich bei diesem Anblick an diesen Rhythmus. Ein wenig eifersüchtig waren die Mitschwestern, dass sie nie in diesen Garten mitgenommen wurden. Der junge Mann wurde immer sicherer und führte immer mehr den Ton im Kräutergarten an. Er verfeinerte manche Samen noch und manchmal sah man die Äbtissin mit gehobenen Augenbrauen, jedoch still, wie sie seinen Anweisungen zuhörte.

     

    Es war an einem lauen Sommerabend, da sah man den jungen Mann mit einem Spaten und anderen Gartengeräten, in das kleine Kräutergärtchen – dieses mal alleine – hinter der Kapelle gehen. Die Äbtissin war mit den Nonnen in der Kapelle beim Beten. Spät am Abend sah man den jungen Mann wieder kommen, stark ermüdet. Alle legten sich wie immer schlafen. Am anderen Morgen hörte man plötzlich durch das Moor einen Schrei. Es war ein furchterregender Schrei, wie wenn er von einem verletzten Tier käme. Alle Nonnen schreckten auf und liefen auf den Hof. Auch der junge Mann ist davon aufgewacht und kam raus. Er lächelte und irgendwie schien er zu wissen, um was es ging. Die Äbtissin kam mit großen Schritten vom kleinen Garten hinter der Eiche her und schrie nur noch. Sie schrie und schrie und als sie den jungen Mann sah, der immer noch lächelte, schlug sie wild auf ihn ein. Die Nonnen, die nun so etwas gar nicht gewöhnt waren, drückten sich alle an die Wand des Klosters und sahen ängstlich zu. Die Äbtissin schrie nur noch, „das war mein Garten, was hast Du mit meinem Garten gemacht? Ich habe Dir so vertraut, ich habe Dir so vertraut“ und sie schlug auf ihn ein und der junge Mann antwortete nur, „aber das wolltest Du doch, Du hast doch gesagt, dass ich ...“ Die Äbtissin schrie: „Nichts habe ich gesagt. Du hast alles kaputt gemacht.“ Der Mann fing an sich zu wehren und schlug einfach zurück. Die schüchternen Nonnen liefen in die Kapelle und wussten gar nicht, was sie beten sollten. Sie hofften nur, dass es aufhörte. Doch es ging den ganzen Tag. Sie wagten nicht aus der Kapelle zu gehen. Abends wurde es ruhiger und man hörte den jungen Mann rufen, „ich gehe fort, Du willst nichts teilen, Du willst alles für Dich behalten und ich werde meine Gabe woanders einsetzen.“ Die Äbtissin schrie: „Fort mit Dir, fort, Du hast mein Vertrauen missbraucht.“ Und die Nonnen hörten in der Kapelle, dass der Mann hinaus in die Nacht ging. Man sah die Äbtissin wochenlang nicht mehr im Kloster. Niemand wusste, wo sie war und die Nonnen waren ganz hilflos und sie entschieden, dass sie weitermachen würden wie bisher. Die Kräuter wuchsen zwar weiter, aber man spürte, dass die Heilkraft nachließ. Nach einigen Wochen war die Äbtissin plötzlich wieder da. Mit sehr, sehr traurigen Augen schaute sie die Nonnen an und sagte: „Wir machen weiter.“ Man sah sie morgens wieder mit den Kräutern reden. Die Nonnen spürten jedoch, die Kräuter antworteten ihr nicht mehr. Die Äbtissin sah alt aus und ging nicht mehr ins Kräutergärtchen hinter die Eiche.

     

    Von diesem Zeitpunkt an änderte vieles im Kloster und das Kloster nahm auch andere typische Klosterarbeiten auf. Man machte Kerzen, Goldbrokate und so wuchs das Kloster und wurde zu einem bekannten Kloster in der ganzen Region. Nur die Alten sprachen noch von der Heilkraft von früher. Die Äbtissin jedoch erholte sich nie von diesem Tag. Das Kloster war erfolgreich, aber nichts war mehr so schön wie damals. Dies spürten die alten Nonnen und sie erzählten den jungen Nonnen, die mittlerweile dazugekommen waren, von dieser schönen Zeit.

     

    Eines Tages kam ein Händler vorbei, der durch alle Herren Länder gereist war und er erzählte aus einem fernen Land von einer großen Kräuterhandlung, die am Rande einer wunderbaren Stadt Kräuter in die ganze Welt verschickte. Die Äbtissin, die das auch hörte, fragte den Händler: „Hast Du solche Kräuter dabei?“ „Ja“, sagte der Händler, „ich habe noch einen Rest.“ „Kannst Du sie mir zeigen?“ „Gerne, Äbtissin“. Der Händler gab ihr eine Holzkassette. Die Äbtissin öffnete diese und nahm einige Kräuter in die Hand. Mit der anderen Hand streichelte sie diese Kräuter und man sah in ihren Augen das Glück aus früheren Tagen und gleichzeitig eine große Traurigkeit. Sie stand da mit ihren Kräutern in der Hand und sie wusste, von wem sie kamen.

     

    Dies ist eine Geschichte aus alter Zeit. Nie jemand erfuhr jedoch, was in diesem kleinen Kräutergarten hinter der Eiche passiert war. Alle hatten jedoch verstanden, dass etwas sehr Wertvolles und sehr Wundervolles für immer zerstört war. Die Kräuter jedoch, die aus jener Zeit stammten, behielten ihre Heilkraft.

     

    jd







  • 2006: Der gute Abt – Über das Wesen der Entscheidung

    Es war Herbst und der Cellerar des Klosters hatte alle Hände voll zu tun: die Ernte, die die Bauern ins Kloster brachten zu dokumentieren, in die entsprechenden Keller zu schaffen, die Qualität des Weines zu überprüfen, das Rauchfleisch zu überprüfen und in die Räucherkammer zu hängen. Er war sehr beschäftigt. Das Kloster, das in einem Seitental eines kleinen Gebirges lag, war in den letzten Jahren sehr gewachsen und es hatte an Bedeutung gewonnen.

    Das Skriptorium war angebaut worden und das Kloster hatte für viele Mönche große Anziehungskraft entwickelt.

     

    An jenem Sonntag im Herbst ging der Abt an die Vorbereitung für das feierliche Hochamt. Er dachte an sein Kloster und war zufrieden. Er hatte einen strengen Prior gefunden, einen guten Kellermeister, eine Heerschar an Laienbrüdern, die zwar etwas verunsichert aus der Welt in das Kloster geflohen waren, jedoch gute Arbeiter waren. Mittlerweile hatten sich auch eine Handvoll Intellektuelle ins Kloster eingefunden und der Abt dachte: Es ist gut so.

     

    Das Kloster lag etwas abseits der Pilgerwege nach Santiago de Compostela und so war dies alles nicht von selbst gekommen. Er war ein wenig stolz auf sich und dankte Gott. Als er mit den letzten Beschäftigungen zum Hochamt fertig war, hörte er einen großen Aufruhr im Klosterhof. Es klopfte hektisch an seiner Tür und einer der Brüder trat ein. Der Bruder erzählte aufgeregt, dass eine Frau sich in der Nacht in den Klosterhof eingeschlichen hatte. Man habe sie jetzt in der Ecke zwischen Stall und Apotheke in einer Nische gefunden.

     

    Der Abt faltete die Stirn: „Eine Frau im Klausurbereich?“

    Er ging auf den Hof und sah ein kleines, in sich gekrümmtes Bündel auf dem Pflaster liegen. Offensichtlich war die Frau krank und - wie auch immer - hier in diesem Kloster gestrandet.

    Er ging zu ihr und sagte: „Frau, wer bist Du und was treibt Dich zu unserem Kloster?“ Die Frau blickte schüchtern auf und sah um sich herum die Brüder, den Cellerar, den Prior und diesen hochgewachsenen Abt stehen. Sie sagte nichts, sondern schaute den Abt nur an. Ihre Augen hatten etwas Trauriges, aber waren sehr stechend und vor allem grün.

    Der Abt erschrak und wendete seinen Blick ab.

     

    Der Prior sprach den Abt an: „Mein Abt, diese Frau muss sofort vor die Türen des Klosters geworfen werden. Sie ist im Klausurbereich. Das geht nicht.“

    Der Cellerar, ein kleiner dicker Mann, der den Prior noch nie wegen seiner Prinzipienreiterei leiden konnte, trat hervor und sagte: „Mein Abt, jeder Blinde sieht doch, dass diese Frau unsere Hilfe benötigt. Lassen Sie mich diese Frau gemeinsam mit unserem Apotheker pflegen und wenn Gott es will, sie heilen.“

    Die Brüder murmelten alle durcheinander. So ein Durcheinander hatte der Abt in seinem Kloster noch nie erlebt.

    Schweißperlen traten auf seine Stirn und er sah die Frau noch einmal an. Der gleiche stechende Blick traf ihn und er wurde sehr unsicher.

    Der Prior sagte fast schon drohend: „Mein Abt ...“

     

    Der Abt sagte etwas verunsichert: „Bringt die Frau erst einmal in den Stall und lasst uns nach dem Hochamt das Kapitel einberufen.“

    Das Kapitel, die Klosterversammlungen, in der alle relevanten Klosterdinge besprochen wurden, kam nach dem Hochamt im Kapitelsaal zusammen.

    Der Abt nahm seinen zentralen Stuhl ein und die Brüder saßen um ihn herum.

     

    Nun sagte der Abt: „Tragt Eure Meinung zu dieser Frau vor.“

    Der Prior meinte: „Es gibt nichts vorzutragen mein Abt, unsere Regeln sind klar. Diese Entscheidung ist getroffen. Die Frau muss hinausgeworfen werden.“

     

    Viele der Brüder bejahten diese Meinung und nickten still.

    Schon wieder trat der Widersacher des Priors, der Cellerar auf und meinte: „Mein Abt, Gott ist barmherzig und wir haben nicht das Recht, diese Frau hinaus zu werfen. Sie wird draußen in dem beginnenden Herbst und später im Winter sterben. Wir müssen sie pflegen gemäß unserem Hilfeauftrag.“

    Der Prior schrie dazwischen: „Hier hat keine Frau im Kloster zu sein. Das ist gegen unsere Klosterregel. Wir sind hier alle in Klausur. Und im übrigen bringen Frauen nur Unheil.“ Der Abt fühlte sich hin- und hergerissen und sprach: „Brüder, geht mit mir in die Kirche und betet mit mir für eine gute Entscheidung.“

    Wieder ging ein Gemurmel durch die Bruderschaft.

    Der Abt hatte sie noch nie um Hilfe gebeten bei einer Entscheidung. So strebten sie alle zum Beten in die Kirche.

     

    Der Cellerar, der als Letzter hinausging, nahm den Apotheker am Arm und zog ihn hinweg in Richtung Stall.

    Der Prior, der offensichtlich Augen auf dem Rücken hatte, winkte zwei Brüdern mit den Augen zu, die wiederum still und heimlich dem Cellerar und dem Apotheker nachstellten. Alle anderen Brüder folgten dem Abt und beteten für die Entscheidung des Abts.

    Der Abt kniete sich mitten in die Kirche und bat Gott um Entscheidungshilfe. Er betete mit großer Inbrunst.

    Für die Bruderschaft wurde es eine lange Nacht und am frühen Morgen stand der Abt auf und sagte zu seinen Brüdern: „Brüder, es steht eine Arbeitswoche vor uns, wir verschieben die Entscheidung um eine Woche. So lange soll die Frau im Stall bleiben.“

     

    Das hagere Gesicht des Priors mit seiner langen Hakennase wurde aschfahl und man sah ihm seine Wut an. Er ging hinaus und ging hinauf zum Skriptorium. Dort warteten die beiden Brüder, denen er das Zeichen gegeben hatte.

    „Mein Prior“ sagte der eine beflissentlich und untergeben, „der Cellerar und der Apotheker haben die Frau gepflegt und berührt. Das geht doch nicht.“ Der andere nickte und stimmte zu. Der Prior lächelte kalt und ging dann seinen alltäglichen Arbeiten nach.

     

    Der Abt, der in der Woche an seinem Schreibtisch saß, wurde jeden Tag unruhiger.

    Er spürte die Unsicherheit und die Unruhe der gesamten Bruderschaft und war sehr unentschlossen. Er hörte die Worte des Priors und er hörte die Worte des Cellerars. Und in den Worten der beiden Brüder konnte er den Willen Gottes spüren. Die ganze Woche über ließ er einzelne Brüder, insbesondere die hervorragenden Theologen kommen und ließ sich beraten.

    Am Ende der Woche rief er die Kapitelversammlung wieder zusammen und fragte: „Wie geht es der Frau?“

    Der Prior stand auf und sagte: „Offensichtlich sehr gut, da unser Cellerar sich sehr viel um sie kümmert.“

    Der Cellerar errötete. Bevor er seinen Kopf demutsvoll nach unten neigte tötete er mit seinen Blicken den Prior. Er blieb jedoch stumm.

    Ein kleiner Mönch, der eigentlich nie etwas in dieser Versammlung sagte, sprach: „Mein Abt, diese Frau muss aus der Klausur raus“ und dabei zitterte er, als wäre der Teufel hinter ihm her. Er war sichtlich durch die Präsenz dieser Frau gestört. Ein Anderer sagte: „Mein Abt, Du hast doch den Blick dieser Frau gesehen. Es ist der Teufel selber, der ins Kloster eingezogen ist. Hinaus, fort mit ihr“ und einige stimmten in diese Forderung mit ein.

    Als der Prior dies hörte, schob er die Kapuze seiner Kutte über seinen Kopf und als niemand sein Gesicht sah, lächelte er still.

     

    Der Abt schaute in die Augen des Cellerars, der mit Tränen in den Augen durch ihn hindurch sah. Der Abt war sehr hin- und hergerissen. Er wollte den stechenden Blick dieser Frau nicht mehr sehen, weil er ihn sehr verunsicherte. Trotzdem war Barmherzigkeit und Liebe ein Gebot Gottes. Wie sollte er sich wohl entscheiden?

     

    Und so gingen die Wochen und Monate dahin und man sah den Abt häufig in der Kirche Gott um eine Entscheidung bitten.

    Der Prior hatte mittlerweile durchgesetzt, dass man dem Apotheker und dem Cellerar verbot die Frau zu pflegen. Er ließ jedoch seine Spione weiterhin im Einsatz. Die gesamte Bruderschaft war verwirrt und aufgebracht. Das Leben im Kloster war nicht mehr dasselbe: die Brüder arbeiteten unregelmäßig und die Gebetsstunden waren nicht mehr von allen Brüdern besucht. Der Cellerar, dessen Augen immer trauriger wurden, hatte offensichtlich in den letzten Wochen vor allem sich selber mit seinem Wein bedient. Schon oft in der Frühe wankte er durchs Kloster: offensichtlich stockbesoffen.

     

    Eines Tages - er wusste - dass er vom Prior genau beobachtet wurde, schleppte er sich zum Abt hin, kniete vor ihn und sagte: „Mein Abt, ich bitte Dich, triff Deine Entscheidung und hilf dieser Frau.“ Der Abt schaute ihn traurig an und meinte: „Bruder, ich mache mein Bestes. Ich bete Tag und Nacht um eine Entscheidung Gottes.“

    Der Cellerar schaute ihn unglaubwürdig an, schüttelte den Kopf und ging ohne noch etwas zu sagen, hinaus.

     

    Am 1. Advent – es war in dem Tal schon sehr kalt geworden und der erste Raureif lag morgens auf den Feldern - rief der Abt seine ganze Bruderschaft zusammen. Die Brüder waren aufgeregt: hat der Abt seine Entscheidung getroffen?

    „Ich habe eine große Entscheidung getroffen“ sprach der Abt. In der Kirche wurde es kathedralenstill. Man hörte den Abt atmen. Er sprach weiter: „Ich werde oben in den Bergen in unsere alte Einsiedelei ziehen, um dort Gott ganz alleine um eine Entscheidung zu bitten.“ Die Brüder schauten ihn alle unverständlich an und der Bruder, der der Frau jeden Tag vor den Stall etwas zu essen legte, sagte: „Mein Abt, die Frau isst jeden Tag weniger. Sie braucht Hilfe.“ Der Prior stand auf und sagte: „Fort du Wicht. Sie gehört nicht hier her.“ Daraufhin sagte niemand mehr etwas.

     

    Der Abt jedoch traf seine Vorbereitung und danach zog er mit seinem Bündel und seinem Stab aus dem Kloster.

    Nach einem langen Tagesmarsch war der Abt in der alten Einsiedelei - einer Halbhöhle - angekommen. Er richtete sich kurz ein und fing an zu beten. Er betete Tag und Nacht und die Zeit verging und verging. Er betete jeden Tag und jede Nacht intensiver um Aufklärung, was er entscheiden sollte.

    Seine Gebete waren so intensiv, dass er nach einer Weile gar nicht mehr aus der Höhle ging und somit das Zeitgefühl völlig verlor. Der Tag war für ihn wie die Nacht und er betete und betete. Die Zeit verging ...

     

    Nach dieser langen Auseinandersetzung mit Gott selbst spürte er eines Tages: Das ist die richtige Entscheidung. Jetzt wusste er, wie er zu entscheiden hatte. Er spürte eine große innerliche Freude und Erleichterung. Er nahm somit sein Bündel und ging hinaus aus seiner Höhle. Er merkte, dass es Frühjahr war und er genoss die ersten Sonnenstrahlen und die aufwachende Natur und ging frohen Mutes hinunter. Nach einem langen Tagesmarsch kam er in seinem Kloster an.

    Er ging hinein und wollte sofort die Brüder zusammen rufen, um ihnen seine Entscheidung – die Entscheidung Gottes – mitzuteilen.

     

    Das Kloster selbst war jedoch verändert. Im Hof wuchs Unkraut und er sah keinen Mönch im Hof. Er lief schnell in die Kirche, doch diese war offensichtlich verlassen. Er ging durch den Kapitelsaal und durchs Skriptorium. Im Skriptorium war das Dach an einer Stelle kaputt und die Sonnenstrahlen schienen auf den schon faulenden Boden.

     

    Der Abt war entsetzt. Er ging zur Klosterpforte zurück, die immer mit einem Mönch besetzt war. Doch auch hier war niemand. In seiner Panik lief der Abt hinunter ins Dorf, wo er einen Mann mit einem Wagen voll behauener Steine traf und sagte: „Guter Mann, Du kennst mich ja, ich bin der Abt Deines Klosters.“ Der Mann schaute ihn sehr verstört an und sagte: „Ja, ich erkenne Dich. Du bist sehr viel älter geworden.“ Der Abt meinte: „Wieso älter? Ich war einen Winter in der Einsiedelei und betete um eine wichtige Entscheidung.“ Der Mann schaute ihn mit großen Augen an. „Mein Abt, geht es Ihnen gut?“ Der Abt sagt: „Ja, wunderbar, ich habe meine Entscheidung nach langem Beten getroffen. Aber was ist in meinem Kloster los? Kannst du es mir sagen? Wo sind meine Brüder?“

     

    Der Mann schaute verstört weg. „Mein Abt, dann gehen Sie wohl besser zum Dorfvorsteher.“ Der Abt lief schnell die Treppe hinauf und ging zum Dorfvorsteher und verlangte Aufklärung. Der Dorfvorsteher schaute ihn völlig erstaunt an und sagte: „Mein Abt, dass Sie leben?“ Der Abt wurde wütend und verlangte vom Dorfvorsteher: „Sag’ mir, was ist in meinem Kloster los?“ Er sagte: „Mein Abt, Sie sind seit mindestens 10 Jahren weg. Es ist großes Unheil über Ihr Kloster gekommen. Als Sie weg waren ging es noch eine kurze Weile wie gewohnt: Das erste Jahr haben wir unsere Ernte abgeliefert und es war alles in Ordnung. Dann liefen jedoch Gerüchte durch das Dorf, dass man die Frau in der Zelle des Cellerars gefunden hatte und der Prior setzte durch, dass man ihn und diese Frau aus dem Kloster warf. Da unten in der alten Hütte am Bach richteten sie sich ein und dort lebten sie eine Weile. Jedoch der Prior gab keine Ruhe und ging selber mit einer Abordnung von Mönchen nach Rom. Er wollte eine Strafe für den Cellerar und die Frau erwirken. Jedoch diese Abordnung kam nie wieder. Die Mönche, mein Abt, waren dann so verunsichert, dass sie sich in alle Winde zerstreuten.“

     

    Der Abt konnte zwar kaum noch reden, aber er brachte noch ein Danke heraus und ging wieder hinaus. Dort stand immer noch der Mann mit dem Wagen. Der Abt merkte jetzt, dass er die Steine auf dem Wagen erkannte. Es waren die Steine seines Klosters. Der Abt schaute auf die Steine, schaute den Mann an. Der Mann stammelte: „Mein Abt, ich bin arm und da oben braucht die Steine niemand mehr.“

     

    Wie vor den Kopf geschlagen ging der Abt zu der Hütte am Bach. Dort fand er den Cellerar, der mittlerweile den ganzen Tag soff.

    Als der Cellerar seinen Abt sah, schaute er ihn erbost an und sagte zu ihm in einem sehr schroffen Ton: „Hinaus, Du Abt, der keiner ist. Hinaus, mit Dir will ich nichts mehr zu tun haben.“ Der Abt fragte den Cellerar: „Wo ist die Frau?“

    Der Cellerar schrie: „Hinaus“.

    Der Abt ging.

     

    Man hörte nichts mehr von dem Abt seit diesem Tage. In dem Dorf hörte man nur, dass der Prior in Rom große Karriere gemacht hat und einer der engsten Berater des Papstes war. Niemand wusste, was mit der Frau geschehen war.

     

    Heutzutage sind von diesem Kloster nur noch Ruinen übrig.

    Jedoch an kalten Wintertagen erzählen sich die Alten im Dorf, dass man an sehr kalten Tagen in den Klosterruinen eine Männerstimme hört, die laut um Verzeihung schreit.

    Dies sind jedoch nur die Geschichten der Alten, die Jungen glauben daran nicht mehr.

     

    jd







  • 2007: Vertrau der Tränenspur – Vom Wesen des Abschieds

    Es war vor langer, langer Zeit in jenem Land, wo die Störche herkommen.

    In diesem Land wurden die Störche jahrelang auf ihre Hauptaufgabe vorbereitet: Die kleinen menschlichen Wesen, die aus einem streng bewachten Tal im Storchenland kamen, zu den Menschen zu bringen. Die jungen Störche waren dort in einer strengen Schule. Es war nicht immer leicht, ein guter junger Storch zu sein.

     

    Einer dieser jungen Störche wollte besonders gut sein. Dadurch hatte er aber auch einen besonders kritischen Kopf entwickelt und er wollte mitdenken. Die älteren Störche sahen - wie alle Lehrer dieser Welt - dies nicht so gern. Aber er war fleißig und lernte mit. So wuchs unser junger Storch langsam zur Reife und zum großen Flug mit dem Menschenkind an.

     

    Die letzten Monate vor dem großen Abflug – das hatte sich schon bei den jungen Störchen rumgesprochen – hatten sie eine Reihe von Regeln zu lernen, was sie bei ihrem großen Flug zu beachten hatten.

     

    Bisher hatten sie die ganze Welt auswendig gelernt, wo der Himalaya war, wo die großen Meere waren und die jungen Störche kannten die Erde in- und auswendig.

     

    In den letzten Monaten – das wussten sie auch – kam der gestrenge älteste Storch und brachte ihnen diese Regeln bei.

     

    Unser Storch lernte folgende Regeln:

    Fliege direkt zu dem Ort, zu denen das Menschenkind gelangen muss; mache keinen Umweg.
    Schau das Menschenkind nicht an, schaue geradeaus, fliege schnell.
    Lege es am Giebel des Hauses ab und fliege sofort weiter.
    Fliege dann einmal um die ganze Welt und komme dann sofort ins Storchenland zurück.

    Unser ehrgeiziger, kritischer Storch fand diese Regeln komisch. Er fragte sich: „Warum habe ich dann die ganze Erde gelernt, wenn ich sie dem Menschenkind nicht zeigen darf? Warum muss ich einfach einmal um die Erde fliegen? Ich kann doch direkt zurück kommen.“

     

    Natürlich – er dachte ja kritisch – fragte er den ältesten Storch. Alle Anderen in der Klasse erstarrten und es war Kathedralenstille. Jeder wusste, dem ältesten Storch stellte man keine Fragen! Er war nun wirklich von der alten Schule. Alle erwarteten Schreckliches.

     

    Doch der älteste Storch ging zu dem jungen Storch, legte ihm einen Flügel um die Schulter und sagte: „Junger Storch, ich verstehe Deine Fragen. Ich kann Dir aber darauf keine Antwort geben. Ich kann Dir nur sagen, halte sie ein... und glaube mir, es ist ein sehr guter Rat!“

     

    Dabei hatte der älteste Storch nasse traurige Augen. Alle jungen Störche waren völlig erstaunt. So kannten sie den ältesten Storch gar nicht und auch unser junger Storch war völlig verwirrt. Ab dem Moment hörte er im Unterricht nicht mehr zu und dachte an die Regeln und an das, was der älteste Storch gesagt hatte.

     

    Eines schönen Tages war es nun soweit. Die Abschlussprüfung war geschafft, die jungen Störche warteten auf ihr Päckchen mit dem Menschenkind und waren zum Start bereit. Alle waren nervös, alle haben sich jahrelang vorbereitet. Nun war endlich der Tag da. Alle hatten ein wenig Angst.

     

    Unser junger Storch war seltsam still und ihm war mulmig. Gleichzeitig war er froh, dass es endlich soweit war.

     

    Die ganze Storchengemeinschaft war angetreten: Das ganze Tal stand voller Störche. Aus dem Tal, wo Menschenkinder wuchsen, brachte man die Päckchen der Menschenkinder hoch. Beim Überreichen der einzelnen Menschenkinder klapperten alle Störche durch das Tal. Das Geräusch ging im Storchenland über alle Berge und im ganzen Storchenland war es in dieser Zeit still. Sogar der Wind hörte in dieser Zeit auf, zu wehen.

     

    Nun war es endlich an unserem jungen Storch. Er bekam sein Päckchen und er flog ab. Er hatte auch den Ort und das Haus erhalten, wo er sein Päckchen abliefern musste. Da er sich jahrelang darauf vorbereitet hatte, wusste er den Weg ganz genau. Er flog aus dem Storchenland hinaus und er wusste, hinter den ersten Gebirgen geht es dann rechts sonnenwärts über ein Steppenland.

     

    Er flog in der richtigen Höhe und sah von ganz oben die wunderschöne Erde. Er war so ergriffen, dass er sein mulmiges Gefühl vergaß. Er schaute sich die Erde an, sah die Gebirge, die Steppen, sah ganz viele interessante Wesen umher laufen und sah auch Gewässer, Flüsse, Bäche, die ihn natürlich besonders interessieren, denn dort - hatte er gelernt - gibt es die gute Nahrung für ihn.

     

    Bei all dieser Schönheit war er so ergriffen, dass er tief durchatmete während dem Flug und beim Ausatmen fielen ihm plötzlich - wie vom Blitz getroffen - die Regeln wieder ein: „Schau das Menschenkind nicht an, schaue geradeaus, fliege schnell.“

    Er erinnerte sich an die komische Antwort vom ältesten Storch auf seine Fragen und plötzlich empfand er einen unbändigen Drang, das Menschenkind anzuschauen. Er zögerte noch.

     

    Der älteste Storch hatte gesagt: „Halte sie ein und glaube mir, es ist ein guter Rat.“

    Doch dann besann er sich auf seinen Ehrgeiz, auf sein kritisches Denken, auf das er so besonders stolz war, er sagte: „Ich wollte immer ein besonderer Storch sein. Komm, habe Mut, schau das Menschenkind an!“

    Und er schaute, während er über die Steppen weiterflog, das Menschenkind an. Zwei kleine Äuglein schauten ihn interessiert an und es lächelte ihm ein liebes Gesicht entgegen. Kleine Patschhändchen wackelten und das kleine Menschenkind lachte, spielte mit seinen Zehen. Er war völlig fasziniert. Er dachte gar nicht mehr daran, das Menschenkind nicht anzuschauen und schaute es nun permanent an. Bei seiner ersten Pause am Bach legte er das Menschenkind vorsichtig nieder und hat sich zur Stärkung ein paar Fische gefangen.

     

    Er schaute sich um und er kannte diesen Bach nicht wirklich, sondern er hatte nur gelernt, dass dieser existiert und er fand ihn viel schöner als das, was er gelernt hat. Er hat noch einen kleinen Fisch gefangen und ging zum Menschenkind, welches still im Päckchen lag. Er gab ihm den Fisch und das Menschenkind fing an zu schreien. „Hm“, dachte der Storch, „das war wohl nicht das Richtige.“

     

    Er ging zurück zum Bach, nahm etwas Wasser in seinen Schnabel und versuchte es damit. Das Menschenkind trank und sah zufrieden aus. „So“, sagte der Storch, „komische Storchenschule. Man lehrt uns das alles nicht. Gut, dass ich ein kritischer Storch bin.“

     

    Der Storch nahm das Päckchen und flog weiter. Er wusste, er hatte noch vier Tage Flug vor sich und er wusste auch, bei Nachteinfall würde er über ein sehr raues Gebirge fliegen, wobei hinter dem Gebirge ein größeres Sumpfland beginnen würde. Als es dunkel wurde, flog er zur Nachtrast nieder und legte das Menschenkind vorsichtig neben sich. Eigentlich hatte man ihm gelehrt, keine Pause zu machen, aber er wollte es dem Menschenkind gemütlich machen. Vorsichtig umschlang er das Menschenkind mit seinen Flügeln, so dass es gut warm hatte.

    Das Menschenkind schlief und unser Storch schlief mit ihm ein.

     

    Am nächsten Morgen wachte unser Storch früh vom Geschrei des Menschenkindes auf. Er sah es an - er war wieder ergriffen - ging schnell zum Bach, holte Wasser und das Menschenkind lächelte wieder. Der Storch hat noch einige Fische gefangen und flog los, um an sein Ziel zu gelangen.

    Doch irgendein Impuls ließ ihn noch einmal inne halten. Jetzt hatte er die ganze Welt gelernt, er wusste wie sie aussah aber er wusste sie viel schöner. Er hatte jetzt so ein liebes Menschenkind bei sich, dass er - dies spürte er genau - es mochte und er hatte die Fähigkeit, dem Menschenkind die ganze Welt zu zeigen. So kam er auf die Idee, auch die 2. Regel zu brechen. Sollte er jetzt nicht über die ganze Welt fliegen? Sollte er jetzt dem Menschenkind nicht alles zeigen? Die Adresse kannte er ja, er würde es halt später abliefern. Der Storch flog auf den ersten Baum und setzte sich zum Nachdenken hin. Natürlich hatte er dabei immer ein Auge auf sein Menschenkind. Er saß über einen Tag da, wobei er natürlich nicht vergaß, jedes Mal dem Menschenkind etwas zu trinken zu geben. Dann hatte er entschieden: Er flog runter, nahm das Päckchen mit dem Menschenkind und voller Freude flog er los über die ganze Welt. Es begann eine wunderbare Zeit für den Storch und auch für das Menschenkind.

     

    Das Menschenkind wuchs schnell und konnte jetzt schon aus dem Päckchen seinen Kopf herausstrecken und die ganze Erde sehen. Der Storch hatte großen Spaß daran, von ganz oben auf die Bergspitzen zu fliegen. Das Menschenkind jauchzte vor Freude.

    Er hob nach oben ab, flog über die ganzen Täler hinweg zu den Seen, landete am Rande von Seen und das Menschenkind lachte und schaute den Storch ganz lieb an.

    Der Storch wurde immer sicherer, dass seine Entscheidung gut war und er merkte auch, das Menschenkind gedeihte und wuchs. Beide mochten sich sehr.

     

    Der Storch lehrte dem Menschenkind das Fischen. Man sah das Menschenkind mit seinen kleinen staksigen Beinen etwas unelegant in den Sümpfen herum stochern, aber es hatte gelernt, mit seinen Händchen blitzschnell Fische zu fangen, so wie die Störche mit ihrem Schnabel.

     

    Unser Storch war stolz auf das Menschenkind. Das Menschenkind schaute den Storch an und drückte es mit seinen Patschhändchen ganz fest an sich. Das waren die schönsten Momente. So sah man die beiden eine Weile in jeder Ecke und an jedem Fleckchen dieser Erde – außer dort, wo der Storch das Menschenkind hinbringen sollte.

     

    Sie hatten großen Spaß miteinander und eines Tages fing auch das Menschenkind an, zu klappern. Der Storch war erstaunt, klapperte zurück und so konnten sie plötzlich miteinander sprechen. Es vergingen Jahre mit schönen Erlebnissen.

    Nur einmal war etwas Komisches passiert, was das Menschenkind nicht verstand.

     

    Einmal kam von der Gegenseite ein anderer Storch geflogen. Er flog einmal um sie herum, schaute unseren Storch sehr böse an und flog kopfschüttelnd davon. Das Menschenkind hatte fragend geklappert, warum dieser Storch so böse geschaut hat.

    Der Storch sah etwas verlegen weg und klapperte, er wüsste es nicht. Das Menschenkind fand dies zwar komisch, aber es ging ihm so gut bei unserem jungen Storch, dass es diesen Vorfall einfach vergaß.

     

    Unser Storch saß an manchen Abenden still da und wenn es ihm nicht so gut ging, dachte er an die Adresse, die er im Kopf hatte. Ein schlechtes Gewissen hatte er schon, weil er eigentlich seinen Auftrag nicht erfüllte und je länger er mit dem Menschenkind um die ganze Welt flog, desto weniger verspürte er den Drang, das Menschenkind abzuliefern. Im Gegenteil: Es erschien ihm unmöglich und so umflog er den Ort, an dem er das Menschenkind abliefern musste, weiträumig.

     

    Man sah die Beiden jeden Abend irgendwo Quartier beziehen; in einem Baum, an einer Höhle, auf einem Kirchturm und es war so rührend, wie sie sich aneinander schmiegten und gemeinsam einschliefen. Es war eine Freundschaft, wie es sie kaum gibt. Beide waren zufrieden, beide waren erfüllt von der Entdeckung der Erde und so machten sich beide irgendwann keine Sorgen mehr. Das Menschenkind verstand zwar nicht, warum es mit dem Storch lebte und von oben herab sah es oft andere Menschen, die anders lebten. Allerdings war es nicht so schlimm für das Menschenkind. Der Storch hatte manchmal schlechte Träume und ein schlechtes Gewissen, aber am anderen Morgen war das alles weg und so ging es weiter.

     

    Eines Morgens jedoch kam das Menschenkind dem Storch so schwer vor. Der Storch hatte schon mehrere Wochen gespürt, dass die Flügel ihm am Abend weh taten und er hatte Mühe, weil das Menschenkind wuchs.

     

    Das Menschenkind - der Storch hatte bisher immer eine Ausrede gefunden - interessierte sich zunehmend für andere Menschenkinder, die unten auf der Erde liefen und in Häusern wohnten. Auch große Menschen gab es da. Bisher hatte er immer eine Ausrede gefunden, nicht zu nahe an die Wohnung dieser Menschen heran zu fliegen und sagte, dort gäbe es keine Fische und die Fische bräuchten Ruhe, deswegen wäre es besser, die Beiden wären allein.

     

    Der Storch hatte mittlerweile dem Menschenkind alles beigebracht, was es von der Erde wusste. Somit war auch das Menschenkind zu einem kritisch denkenden Menschen groß geworden.

     

    Eines Tages am Abend - sie waren wieder weit weg von den menschlichen Wohnungen angekommen - klapperte das Menschenkind: „Sag mal, wie machen es denn die anderen Menschen? Du sagst immer „Da wo keine Ruhe ist, sind keine Fische“. Wie essen die denn?“

     

    Und der Storch merkte, diese Frage könnte von ihm sein. Er wurde ein wenig traurig und klapperte zurück: „Ich weiß es nicht.“ Das Menschenkind lachte klappernd: „Du behauptest das nicht zu wissen? Das glaube ich Dir nicht. Du weißt doch alles!“ Der Storch war verlegen und klapperte „Ich werde es Dir morgen sagen.“, in der Hoffnung, dass das Kind alles vergaß.

     

    Am nächsten Morgen war jedoch das Kind als erstes wach, rüttelte am Storch und klapperte: „So, Du willst es mir sagen.“ Der Storch klapperte „Was will ich Dir sagen?“

    „Ja, wie die anderen Menschen sich ernähren!“ Und der Storch blickte traurig. „Ich weiß es nicht.“ „Oh ja“, sagte das Menschenkind. „Endlich etwas, was Du nicht weißt. Komm, lass uns nahe an sie heran fliegen. Die sehen doch alle so nett aus. Ich werde denen winken und lächeln und wir fragen sie.“

    Dem Storch machte das Angst, aber er hatte keine Wahl. Er musste fliegen. Er nahm es in das Päckchen und sagte kein Wort mehr, sondern schaute sehr böse. Diesen Blick kannte das Menschenkind gar nicht und unterwegs fragte es, „Sag mal, warum schaust Du so?“. Der Storch antwortete unwirsch „Sei still und lass mich in Ruhe!“ Das Menschenkind erschrak, denn so kannte es den Storch nicht. Es weinte. „Ich wollte Dir nicht weh tun.“ Der Storch merkte, was er angerichtet hatte, weinte auch und sagte. „Nein, nein, ich auch nicht. Es tut mir leid!“

     

    Irgendwie spürte das Menschenkind, dass es nicht gut war, zu den Menschen zu fliegen und sagte: „Komm, lass uns wieder in die Berge fliegen. Wir bleiben heute alleine.“ Sofort war der Storch wieder begeistert und das Menschenkind dachte: „Oh, das ist gut so.“

     

    Eine Woche später sagte das Menschenkind jedoch wieder: „Du, wir sollten jetzt wirklich mal zu den Menschen fliegen.“ Der Storch hatte wieder diesen Blick. Nur diesmal hatte das Menschenkind sich vorgenommen, nicht nachzugeben.

     

    Der Storch flog still und die Luft war zum Zerschneiden. Er flog in das nächstgelegene Dorf und setzte das Menschenkind hinter dem ersten Bauernhof nieder. Das Menschenkind ging fröhlich klappernd auf andere Kinder, die auf der Wiese spielten, zu und klapperte weiter „Hallo Ihr, wie ernährt Ihr Euch?“ Die Anderen schauten völlig verdutzt dieses klappernde Kind an und liefen schreiend weg. Nur einer blieb stehen, schaute das Menschenkind an und fing an zu lachen. Es zeigte mit dem Finger auf das Kind und lief laut lachend davon.

     

    Der Storch stand still etwas hinten dran und erinnerte sich plötzlich an die Regeln. Das Kind kam in Angst und Panik zurück, klapperte: „Was ist los? Warum mögen die mich nicht? Sind die anders als ich? Bin ich böse?“ Der Storch sagte mit traurigen Augen: „Nein, komm. Bleib bei mir. Wir fliegen weg.“ Das Menschenkind dachte „Hm, siehst Du, hättest Du dem Storch gefolgt. Er hatte doch Recht.“ Das Kind setzte sich in sein Päckchen und sie flogen wieder weg.

     

    Abends schmiegten sie sich besonders eng einander. Da jedoch das Menschenkind ein kritisch denkendes Kind war, ließ es ab dem Tag nicht mehr los und der Storch wurde zunehmend hilfloser. Das Kind wurde größer, alle Flügel und Federn taten ihm weh und es war nicht mehr so schön. Noch ein paar Mal flog der Storch das Menschenkind zu den Menschen und jedes Mal war es schrecklich. Ab diesem Zeitpunkt begann für die beiden eine andere Zeit. Der Storch dachte öfters an den ältesten Storch und war mit seinen Gedanken immer wieder weg. Das Menschenkind forderte dann seine Aufmerksamkeit ein und der Storch war deutlich überfordert.

    Er atmete oft schwer.

     

    Als sie mal wieder im Wald waren gab es Momente, wo das Menschenkind plötzlich Lust hatte auf diese Beeren, die im Wald wachsen und manchmal - ohne dass es der Storch sah – diese auch aß. Sie schmeckten viel besser als Fisch.

    Dem Menschenkind dämmerte es: „Es gibt noch viele andere Sachen, als diejenigen, die der Storch kennt.“ Es hat dann oft nächtelang nicht geschlafen, weil es dachte „Der Storch hat mich angeschmiert!“

     

    Doch wie sollte das Menschenkind mit diesem Gedanken leben? Es hatte nur den Storch. Wenn der Storch ihn angeschmiert hat, hatte es niemanden mehr. Bei dem Gedanken blühte Angst auf und das Menschenkind spürte Panik. Und so wurden ihre Flüge zunehmend stiller und öfter kam Streit wegen Details auf. Es wurde jeden Tag beschwerlicher. Der Storch hat gespürt, es kann so nicht weitergehen. Er war jedoch hilflos.

     

    Der Storch nahm sich jeden Abend vor, mit dem Menschenkind zu besprechen, wie es jetzt weiter geht. Und jeden Abend schaute der Storch dem Menschenkind in die Augen und dachte dabei, dass er es bald nicht mehr bei sich hat. Jeden Abend sagte er aber: „Ich rede morgen mit ihm.“ Ab da schlief der Storch schlecht und sein Leben wurde nicht mehr schön. Das Menschenkind lachte auch schon lange nicht mehr und sie blieben mittlerweile länger in einer Gegend und flogen kaum noch. Als wieder einmal ätzende Tage hinter ihnen lagen, in dem sie sich zerfleischend zerstritten um Alltagdetails, hatte der Storch sich vorgenommen „Es geht nicht mehr, ich erzähle meinem Menschenkind jetzt alles.“

     

    Am Abend - er wollte gerade ansetzen – klapperte das Menschenkind: „Wenn Du mir jetzt nicht sagst, was Du alles weißt und was hier läuft, dann gehe ich einfach weg!“ Der Storch wurde innerlich bitter böse und sagte. „So, dann geh doch, geh doch. Ich bin gespannt, wohin Du gehst ohne mich.“ Das Menschenkind drehte sich um und ging einfach weg.

    Der Storch zwang sich zu schlafen, was er natürlich nicht konnte. Ab Mitternacht hatte er so Sehnsucht nach dem Menschenkind, dass er los flog, um sein Kind wieder zu finden. Er klapperte und klapperte, wurde immer panischer, weil er es nicht finden konnte.

     

    Doch plötzlich hörte er es zurück klappern und flog mit einer Freude hin. Das Menschenkind stand zitternd da, alleine. Beide umarmten sich und weinten. Sie entschuldigten sich und schworen sich, dass sie nie wieder so streiten werden. Sie legten sich in dieser Nacht besonders nah aneinander und hofften, dass alles wieder gut ist. Doch am anderen Morgen, als sie sich anschauten wussten sie, es wird nie mehr so, wie es war. Die Frühstücksfische schmeckten nicht und der Storch sagte traurig: „Ich erzähle Dir alles.“

     

    Das Menschenkind erstarrte und es hörte die Geschichte aus dem Storchenland, die Regeln, was der Storch eigentlich hätte tun sollen und zu was das Menschenkind da war. Das Menschenkind erstarrte vor Wut, schaute den Storch fassungslos an. Es fielen ihm keine Wörter ein. Irgendwann kam plötzlich ein menschlicher Schrei aus seiner Brust. Diesen Schrei hörte man durch Berg und Tal. Das Kind entdeckte, dass es eine Stimme hatte. Es ging wütend auf den Storch zu, schrie und klapperte „Du hast mich angeschmiert! Du weißt gar nichts über mich. Du hast immer so getan, als wüsstest Du alles. Du hast mir gar nichts beizubringen! Du hast mir gar nichts beigebracht!“ Es schlug auf den Storch. Der Storch zitterte vor Angst, schützte sich nicht, sondern nahm einfach die Schläge an. Beide sahen sich fassungslos an und der Storch sah das Menschenkind mit furchtbar traurigem Gesicht an und sagte „Komm, ich bringe Dich hin.“

     

    Nackte Angst stand dem Menschenkind in den Augen. Doch es sagte nichts. Es kletterte in sein mittlerweile viel zu eng gewordenes Päckchen und der Storch flog still los. Er flog diesmal, wie er es gelernt hatte Tage und Nächte und er bog eines Morgens in ein Tal ein, wo ein großer Fluss und viel Sumpf war. Dort lag das Dörfchen, wo er das Kind abliefern musste. Man hatte ihm gesagt, es war das Haus eines Menschen, der Holz bearbeitete und er sollte es vor das Haus legen, welches die Menschen Schreinerei nannten, ablegen. Er flog dahin und wollte schon das Haus anfliegen. Das Menschenkind klapperte „Nein, nein Storch, heute noch nicht. Heute bleibe ich noch bei Dir. Wir machen es morgen.“

     

    Das Menschenkind legte seine Hände um den Storchenhals und der Storch spürte, wie er das mochte.

     

    Sie verbrachten hinter dem Haus im Wald die Nacht. Sie taten beide so, als würden sie schlafen. Am anderen Morgen flog der Storch mit dem Menschenkind los und brachte es vor die Schreinerei. Dort standen zwei ältere Menschen, die beide traurig aussahen; als ob ihnen seit Jahren etwas fehlte. Sie schauten fassungslos auf dieses komische Paar. Der müde Storch und ein Kind, das klapperte. Doch sie spürten... Ach, sie wussten eigentlich nicht, was sie spürten. Das Kind zitterte vor Angst und der Storch ging ganz komisch für einen Storch, staksig rückwärts und blieb daneben stehen. Plötzlich flog er weg. Das Menschenkind klapperte: „Komm zurück, komm zurück.“ Die Menschen wussten nicht, was sie machen sollen, nahmen das Kind in den Arm. Das Menschenkind schlug um sich, der Storch flog höher, höher und war dann plötzlich weg.

     

    Am nächsten Morgen - das Menschenkind hatte nicht geschlafen - guckte es aus dem, was die Menschen ein Fenster nannten, hinaus - es war es ja gar nicht gewohnt, in einem Haus zu schlafen - und sah ihn. Da stand er, der Storch. Es lief hinunter. Sie umarmten sich, sehr lange.

     

    Doch dann kam der Mann aus dem Haus, riss das Kind vom Storch los und scheuchte den Storch fort. Das Kind weinte laut und der Storch klapperte „Willst Du es wirklich? Willst Du es wirklich? Du siehst doch, es tut Dir nicht gut.“ Das Kind wusste nicht, was es tun soll und weinte nur noch laut. Da kam die Frau heraus, nahm das Kind, schaute den Storch traurig an, schaute zu ihrem Mann und sagte: „Du weißt, was Du zu tun hast.“ Der Mann ging ins Haus und kam mit einer Flinte raus.

     

    Das Kind riss sich von der Frau los und so standen sie nun da. Der Mann mit der Flinte, die Frau etwas hinter ihm, das Menschenkind zwischen der Flinte und dem Storch. Der Storch und das Kind weinten. Der Mann setzte an und das Kind klapperte leise „Ich will nicht, dass Du gehst, aber Du musst jetzt gehen.“ Der Storch klapperte zitternd „Ich habe es immer gut gemeint. Ich habe nicht alles falsch gemacht. Ich wollte es gut machen. Ich mag Dich so, ich mag Dich so.“ Das Kind klapperte traurig zurück „Ich Dich auch. Ich werde Dich nie vergessen!“ Der Storch sagte „Ich auch nie. Ich werde nie ein anderes Menschenkind im Päckchen haben!“ Das Kind klapperte „Geh jetzt schnell. Geh jetzt, ehe etwas Böses passiert.“

     

    Der Storch sagte „Mein Herz zerbricht!“ Er flog weg. Und während er wegflog, hörte er das Blei noch hinter sich ins Holz schlagen. Während er weiterflog, spürte er in seinen tiefen Schmerzen, dass dem ältesten Storch das Gleiche passiert war. Er verfluchte ihn in alle Ewigkeit. Er hatte bis jetzt ein Storchenleben gehabt, wie kein anderer. Er wusste Geheimnisse der Menschen wie kein anderer Storch. Jedoch, er hatte alles falsch gemacht.

     

    Lange, lange Zeit später in diesem Tal erzählten die Alten an Wintertagen eine komische Legende: Dass es früher in diesem Tal eine Frau gab, die alleine lebte, im Tal umher irrte und mit Störchen sprechen könnte. Man sah sie ihr ganzes Leben – sie wurde sehr alt – umher irren und mit den Störchen klappern. Die Störche flogen zu ihr und sie klapperte so, als würde sie etwas fragen. Man sah die Störche regelmäßig den Kopf schütteln und wieder wegfliegen.

     

    Viele Störche fanden es spannend, dass es dort einen Menschen gab, der klapperte und so flogen sie - nachdem sie das Menschenkind ablieferten - auf ihrer Welttournee als letztes in dieses Tal, um mit dieser Frau etwas zu klappern, bevor sie ins Storchenland zurück kehrten. Und so haben sich in diesem Tal viele, viele Störche angesiedelt.

     

    Wenn die Alten diese Geschichte erzählten, lachten die Kinder immer und sagten „So ein Quatsch.“ Doch die Alten schauten dann traurig und sagten: „Kinder, Ihr lacht. Hört doch mal an Vollmondtagen und Ihr werdet ein trauriges Klappern des Storches hören und schaut dann auf den Mond und Ihr seht: Sogar der Mond weint!“

     

    Die ganz Alten erzählten sogar, dass man auf der Anhöhe an diesen Tagen einen Storch sah, der so traurig klapperte und seine Musik dazu machte und den Mond weinend. Aber wen interessieren heute noch diese alten Geschichten?

     

    Vertrau der Tränenspur und lerne leben ...

     

    jd







  • 2008: Der Junge mit der Glocke

    – Von der intimen Beziehung zwischen Zwang und Fähigkeit –

     

     

    In einer längst verschollenen Zeit herrschte ein Abt in seinem Kloster mit großer Macht und Grausamkeit. Das Kloster war ein sehr bekanntes, für seine Bibliothek, für die große Frömmigkeit seiner Mönche und vor allem für die größte und bekannteste Glocke, die die Christenheit damals kannte.

     

    Dieser Glocke war ein ganzes Gebäude gewidmet und sie wurde nur an großen Feiertagen - Weihnachten, Ostern - und natürlich an jedem Sonntag benutzt. Der Abt war ein stolzer Mann, so dass er es eigentlich gerecht fand, dass er die größte Glocke der Christenheit in Gewahrsam hatte.

     

    Direkt unten am Klosterberg war ein kleines Dorf, das - wie viele andere Dörfer in der Gegend auch - zu dem Kloster gehörte und in dem die Bauern, die dort Tag für Tag schufteten, die Leibeigenen des Klosters waren.

     

    Auch hier war der Abt von einer großen Grausamkeit, so dass die ganzen Bauern Tag und Nacht arbeiteten und trotzdem oft Hunger litten. Öfters ging ein Grollen durch das kleine Dorf und manche - auch die Einflussreichsten - fanden, dass der Abt es übertrieb. Besonders böse war er im Religionsunterricht. Jeden Sonntagnachmittag, wenn die Kinder im Kloster Religionsunterricht bei einem Mönch hatten, erschien er öfters ganz unverhofft und fragte die Schüler aus. Man sah in seinen Augen fast Freude, wenn einer von den Kleinen etwas nicht wusste, so dass er ihn dann - meistens in peinigender Art - bestrafen konnte.

     

    Er hatte es auf einen kleinen Jungen abgesehen, der für sein Alter gesund und stark war und vor allem einen inneren Stolz hatte, was den Abt besonders störte. Er wies die Mönche zu besonderer Strenge bei diesem Jungen an. Er sagte: „Brecht mir dieses Rückgrat, denn dieser Junge ist des Teufels. Schaut ihm in die Augen, mit denen er so forsch schaut. Es sind die Augen des Teufels, ihr Mönche, und Eure Aufgabe ist es, den Teufel zu bekämpfen.“

     

    Die Mönche, die damals nicht viel Bildung genossen, schauten in die Augen des kleinen Jungen und sahen die Freundlichkeit eines kleinen Kindes, ein gesundes Selbstbewusstsein und sicherlich auch etwas Bauernschläue. Dann erschraken und tuschelten sie unter sich: „Der Abt hat Recht, er ist des Teufels.“ So hatte es dieser Junge besonders schwer. Sie schlugen ihn oft, gaben ihm zusätzliche Hausarbeiten und seine Eltern mussten öfters für das Kloster Sonderaufgaben lösen. Der Junge verstand nicht, warum er so behandelt wurde, doch er sagte sich, - wie sollte er es besser wissen - dass die Mönche alles richtig machen. Er spürte doch, - ohne damit etwas anfangen zu können - dass irgend etwas nicht stimmte.

     

    In einem Jahr, als der Winter besonders kalt und streng war und die Ernte zuvor schlecht gewesen war, so dass viele bereits am Hungern waren, wartete man im Dorf - wie jeden Sonntag - auf die Glocke, die größte Glocke der Christenheit.

     

    Es war eine Glocke, die am Dachgebälk des Gebäudes angebracht war und nicht, wie die kleineren Glocken, geschwungen wurde, denn dazu war sie zu schwer. Sie wurde mit einem Hammer beschlagen, wodurch ein besonders schöner Ton entstand. Da dies fast die einzige Freude geblieben war, warteten alle im Dorf auf diesen Ton.

     

    Doch an jenem 3. Advent in diesem kalten Winter kam der Ton nicht. Im Dorf war großes Erstaunen und plötzlich standen alle auf der Straße und schauten hoch zum Kloster. Sie empfanden dies als bedrohlich, da nach einem schlechten Sommer eine schlechte Ernte gewesen war und zusätzlich ein sehr kalter Winter. Alle empfanden dies als Zeichen eines großen Unglücks. Einer von ihnen sagte: „Komm, wir gehen hoch.“ und so ging das gesamte Dorf mit den Kindern zum Kloster.

     

    An dem Gebäude der Glocke angekommen, sahen sie die Katastrophe. Ein Teil des Dachgebälkes war eingebrochen und die Glocke hing nur noch zum Teil am Dachgebälk und mit einer Seite auf dem Boden. So konnte sie nicht mehr klingen. Der Abt stand da und schaute grimmig in die Menge. Er sagte: „Seht Ihr, Ihr Sündigen, was Ihr angestellt habt. Gott straft uns alle, weil Ihr gesündigt habt.“ Die Bauern waren unsicher, die Männer zogen ihre Hüte ab und schauten auf den Boden. Doch plötzlich funkelte dem Abt jene Freude in den Augen, die alle Schüler kannten. Viele versteckten sich in den Röcken ihrer Mütter, aus lauter Angst vor diesem Blick. Der Abt atmete einmal durch, schaute in die Menge und verkündete: „Es muss ein Zeichen gesetzt werden gegen die Sünde. Buße und Strafe ist hier nur gerecht.“ Er sprach kurz leise mit seinem Prior, der dann durch die Menge ging, bis zu dem kleinen Jungen, zerrte ihn dann unfreundlich nach vorne zum Abt und dieser verkündete: „Zur Strafe und Buße verurteile ich diesen Jungen, der ein besonders schlechter Christ ist, die Glocke gerade zu heben, jedes mal, wenn wir sie brauchen.“ Durch die Menge ging ein Raunen, denn die Glocke war mindestens vier mal höher als der kleine Junge selbst und der Abt verlangte etwas Unmögliches.

     

    Der Dorfvorsteher trat hervor und sagte: „Herr Abt, das ist doch unmöglich.“ Der Abt lächelte kalt und sagte: „Gott macht alles möglich. Dann soll der Junge halt üben, bis er es schafft.“ Daraufhin drehte er sich um und ging in die Klosterkirche, im Gefolge alle seine Mönche. Das Dorf stand da und vor dem ganzen Dorf der kleine Junge, der hilflos weinend in die Menge schaute, zu seinen Eltern und zu allen Anderen, ob ihm jemand helfen konnte. Er weinte, weil er wusste, dass er etwas für das ganze Dorf tun musste, sonst würden alle unter seiner Unfähigkeit leiden. Er wusste auch, dass er es nicht konnte. Er suchte Hilfe, doch einer nach dem Anderen schauten die Erwachsenen auf den Boden. Die Kinder versteckten sich hinter den Erwachsenen und es wurde still um ihn. Jemand hörte man sagen: „Es tut uns leid, aber was sollen wir tun? Wir müssen an uns und unsere Familien denken.“ So ging einer nach dem anderen den Weg vom Kloster wieder zurück ins Dorf, bis der kleine Junge im Schnee vor der großen Glocke alleine stand. Er sah die Glocke an und in seiner Hilflosigkeit versuchte er die Glocke zu heben, was ihm natürlich nicht gelang. Er fühlte die kalte Glocke an seinen Händen und war verzweifelt.

     

    Als alle Dorfangehörigen weg waren kam der Abt ihm Gefolge seiner Mönche aus der Kirche. Er schaute den Jungen von Weitem genugtuend an, flüsterte dem Prior etwas ins Ohr und ging weg. Dieser ging zu dem Jungen und sagte: „Ab jetzt lebst Du hier in diesem Keller.“ Neben dem Glockengebäude gab es einen Keller, wo die Mönche einen Lagerraum hatten. Es gab keine Fenster und auf dem Boden lag nur Stroh.

     

    „Du wirst immer mit uns beten und Du wirst jeden Tag üben, bis Du die Glocke heben kannst.“ Der Junge schaute ihn traurig an und der Prior sagte: „Fang jetzt an zu üben“ und ging. So begann ein neues Leben für den kleinen Jungen. Früh am Morgen stand er von seinem Strohbett auf, ging zur Kirche mit den Mönchen beten und bis die Mönche am Abend ihr letztes Gebet hatten, war sein Leben geprägt von der Übung die Glocke zu heben.

     

    Es vergingen die ersten Tage. Der Junge musste sich jeden Morgen früh nach dem Morgengebet zur Glocke stellen und versuchen diese völlig unmögliche Aufgabe zu lösen.

     

    Er machte jedoch sein Bestes. Er griff immer wieder das kalte Metall der Glocke und stemmte seinen ganzen, kleinen Körper gegen die Glocke in die Höhe. Dies machte er dann den ganzen Tag, bis zur Erschöpfung.

     

    Er war sehr traurig, sprach nicht mehr und betete oft zu Gott, dass er diese große Aufgabe doch endlich ein wenig schaffen könnte. Er dachte wieder, dass dies, was ihm geschieht, normal sei.

     

    In der Nacht, wenn er nicht schlafen konnte, machte er Körperübungen, damit er schneller stark wurde. Nachts kamen ihm manchmal Zweifel, ob das, was ihm alles geschah, auch gerecht und von Gott gewollt sei. Er weinte.

     

    Und so vergingen Tag um Tag, Woche um Woche und er wurde still.

     

    An den Sonntagen, wenn das Dorf zum Hochamt zum Kloster kam und er wieder an der Glocke stand, schlichen sich immer wieder, immer mehr Dorfbewohner an ihm vorbei. Am Anfang grüßten sie ihn noch diskret, aber um so mehr Tage vergingen, um so mehr ignorierten sie ihn. Er schaute traurig auf seine Spielkameraden, die ihn ebenfalls nicht mehr grüßten.

     

    Seine Eltern kamen manchmal vorbei und brachten ihm etwas zu essen. Besonders hart waren die warmen Sommertage, an denen er sehr schwitzte bei dieser Arbeit und dann natürlich diese harten Wintertage. Es gab Tage, wo seine Hände an der Glocke fest gefroren sind und er einfach weiter machte. Manchmal hoffte er, wenn seine Hände festfroren, dass er die Glocke dann besser heben konnte...

     

    Es war ein Jahr danach an Weihnachten, als der Abt mit den ganzen Bewohnern nach der Weihnachtsmesse zur Glocke kam. Er schaute sehr streng und er hatte wieder diese böse Freude in den Augen. Er sagte an jenem Weihnachten: „In meiner großen Güte verkündige ich, dass wenn dieser Junge endlich diese Glocke heben kann, ich die Zehntsteuer auf dem Weizen nicht mehr erheben werde.“

     

    Wiederum ging ein Raunen durch die Menge und der Abt fuhr weiter: „Ich hoffe, Ihr seht, dass ich es gut mit Euch meine und für Euch alle ein guter Abt bin.“ Doch er sagte dies wieder mit seinem Blick, von dem alle wussten, dass er sich freute, dass es nie geschehen wird.

     

    Als der Abt und die Mönche weg waren, stand die Dorfgemeinde noch da und schaute den Jungen an. Eine Stimme sagte: „Junge, streng Dich jetzt an,Ddu weißt ja, dass wir alle hungern.“ Seine Eltern standen mit Tränen in den Augen da und sagten nichts. Die gesamte Dorfgemeinschaft ging zurück ins Dorf.

     

    Von dem Tag an übte der Junge noch härter, schlief kaum, machte Körperübungen und hatte sich vorgenommen, es zu schaffen.

     

    In den Betstunden in der Kirche betete er immerfort nur eins: „Herr Gott, lass mich so stark werden, dass ich es schaffe.“ Er wiederholte dies innerlich die ganze Zeit.

     

    Die Tage und Jahre gingen hin und der Junge merkte immer wieder am Sonntag, wenn die Dorfgemeinschaft oben war, dass viele einen Groll auf ihn hatten, weil er es immer noch nicht geschafft hatte. Manchmal kamen Kinder zu ihm, die er noch gar nicht kannte, da er jetzt schon jahrelang übte. Diese Kinder blickten mit Häme auf ihn und sagten: „Warum hilfst Du uns nicht? Wir sind böse mit Dir.“ So wusste er, wie die Erwachsenen über ihn redeten. Er übte dann noch härter.

     

    Seine Hände verformten sich so langsam von dem vielen üben und sie schmerzten sehr. Doch es passierte durch diese Übungen auch noch etwas anderes.

     

    Als ein Bauer eines Tages Wein ins Kloster lieferte, brach durch eine Ungeschicklichkeit die Achse.

     

    Der Junge war gerade am Versuch, wiederum die Glocke zu heben und er sah, dass der Bauer und seine Helfer die Schwierigkeit hatten, den Karren zu heben, um die Achse zu reparieren. Er ging zu ihm hin und er sagte: „Vielleicht kann ich Euch helfen.“ Er packte den Karren genau so, wie er die Glocke immer anfasste - seine Hände waren ja mittlerweile gut verformt - und hob mit Leichtigkeit diesen Karren auf. Die Bauern erschraken ob der Kraft des Jungens. Sie waren sehr verunsichert über die Kraft, reparierten die Achse schnell, lieferten ihren Wein aus und verschwanden wieder. Der Junge jedoch war selber über seine Kraft erstaunt und hatte wieder neue Hoffnung, dass er es doch einmal schaffte.

     

    Die Welt war mit den Jahren jedoch nicht besser geworden. Der Abt hatte persönliche Freude daran, jedes Weihnachten Steuererleichterungen zu versprechen, wenn der Junge die Glocke gehoben bekam. Vor drei Jahren hatte er aber etwas Neues gefunden. Er erhöhte die Steuern erst einmal, so lange der Junge die Glocke nicht hob.

     

    So gab es in den umliegenden Dörfern noch größere Armut und viele, die den Jungen nur vom Sehen her kannten, hegten wiederum Groll.

     

    Der Junge hatte sich mittlerweile an sein Schicksal gewöhnt und er hatte seinen Rhythmus gefunden. Er betete in der Kirche um Kraft, übte den ganzen Tag die Glocke zu heben und nachts spürte er, ohne es benennen zu können und ohne Wörter dafür zu haben, die Ungerechtigkeit, die ihm angetan wurde. Er hatte schon lange aufgegeben, gegen diese anzukämpfen.

     

    Er hatte jedoch immer noch diesen Blick, diesen Blick, dem der Abt nie verzeihen konnte, von jenem ungebrochenen Selbstbewusstsein. Das bestätigte ihm der Abt jede Woche, weil der Abt jeden Freitag kam, ihm in die Augen schaute und jedes mal ging eine Furcht über das Gesicht des Abtes und der Junge spürte: so lange er diesen Blick hatte, dieses Ungebrochene in ihm, so lange wird der Abt ihn nicht freilassen, sondern neue Bürden auferlegen. Ohne es zu wissen, lebte der Junge von diesem Blick.

     

    Nach Jahren - der Junge, war bereits ein junger Mann geworden - merkte er, als er wieder einmal an der Glocke war, mit dem Versuch sie zu heben, dass große Geschäftigkeit im Kloster herrschte. Die Mönche liefen hektisch umher, putzen jede Ecke des Hofes, viele bunte Fahnen hingen überall und die Kirche war besonders mit Blumen geschmückt.

     

    Am Nachmittag sah er fremde Mönche den Klosterweg herauf kommen, die mit Gesang und großem Pomp von dem Abt und der ganzen Klostergemeinschaft begrüßt wurden. Er schaute sich das alles an, aber er wusste, dass es ihn nicht betraf, er war ja nur der Junge von der Glocke.

     

    Nach diesem Besuch jedoch änderte etwas.

     

    Die Besuche des Abtes am Freitag blieben aus. Irgendwie war auch die Atmosphäre in der Kirche anders. Manche Mönche sahen viel gelassener aus, andere liefen eher mit eingezogenem Kopf umher. Je höher die Mönche in der Hierarchie waren - der Prior, der Cellerar - desto eher sahen sie ängstlich aus.

     

    Auch der Abt, den er nur in der Kirche von Weitem sah, sah anders aus. Er beobachtete dies alles, konnte aber die Bedeutung nicht einschätzen.

     

    Zwei Monate nach diesem Besuch gab es jedoch größeren Trubel.

     

    Der Abt, der Prior und alle anderen wichtigen Mönche waren plötzlich weg und durch Mönche mit einer anderen Kutte ersetzt. Sie gehörten offensichtlich zum Bettelorden, die in jenen Zeiten aufkamen und die Klöster reformierten.

     

    Was der Junge nicht wusste, war, dass der erste hohe Besuch gekommen war, um dieses Kloster zu inspizieren. Der Abt und sein direktes Gefolge waren einfach abgesetzt worden.

     

    Das Kloster war bekannt für seine hohen Steuern und für die arrogante Haltung des Abtes. Die Reform ging damals durch die ganzen Klöster. Der Abt war abgelöst worden. Der Junge jedoch versuchte weiterhin jeden Tag die Glocke zu heben und lebte einfach weiter wie vorher.

     

    Der neue Abt war noch keine drei Tage da - der Junge wollte gerade nach dem Morgengebet beginnen, die Glocke zu heben - kam er zu dem Jungen, der ja bereits ein junger Mann war, und sagte: „Junge, man hat mir Deine Geschichte erzählt. Es tut mir sehr leid, was man Dir angetan hat und ich befreie Dich von dieser sinnlosen Aufgabe und Du kannst sofort in dein Dorf zurück kehren. Es tut mir sehr leid, was Dir seit Jahren passiert.“

     

    Der Junge stand wie angewurzelt an seiner Glocke und es war gut, dass er sich an dieser festhalten konnte. Er spürte, wie ihm der Boden unter den Füßen wegglitt und wie Angst, Panik und Freude sich miteinander vermischten, so dass er weder etwas sagen konnte noch irgend einen klaren Gedanken fasste. Die Gefühle aus der Nacht, das spürte er genau, freuten sich sehr und flüsterten ihm zu: „Jetzt bist Du frei, jetzt kannst Du endlich ein normales Leben führen.“ Jedoch die ganzen Jahre der Übung, des Kräfteaufbaus und der vielen Gebete, dass er stark wird, waren in Panik. „Was soll ich denn jetzt nur tun? War alles sinnlos? Ich möchte einfach weiter machen.“ So war er hin- und hergerissen und seine Panik war ihm offensichtlich in den Augen zu sehen.

     

    Der neue Abt sagte: „Junge, ich weiß, was man Dir angetan hat. Gehe doch jetzt in Dein Dorf und lebe ein normales Leben.“ Der Abt legte ihm gütig die Hand auf die Schulter und der Junge spürte, dass der Abt es gut meinte, im Gegensatz zu seinem Vorgänger.

     

    Als der Abt am anderen Tag an dem Klostergebäude vorbei kam, stand der Junge wieder da und übte. Der Abt schaute erstaunt und ging zu dem Jungen. Er sagte: „Was machst Du denn noch hier? Lass es, wir brauchen diese Glocke gar nicht. Das Kloster wird auch nicht mehr Deine Familie und die Menschen in den Dörfern ausbeuten.“ Und der Abt schob ihn von der Glocke weg und ging.

     

    Der Junge stand im Hof und wusste gar nicht, wie ihm geschieht. Er war doch zuständig dafür, dass die Steuererleichterungen kamen. Er war auch zuständig dafür, dass es den Leuten in den Dörfern besser ging und jetzt sagte der Abt, dass es den Leuten besser geht und er hatte es doch noch gar nicht geschafft, die Glocke zu heben. Er ging im Hof umher und er wusste nicht, was er machen sollte. Die Nächte wurden schlimmer und er war hin- und hergerissen und hatte große Angst. Jedoch blieb er, weil er sonst nicht wusste, was er machen sollte und machte in seiner Hilflosigkeit einfach weiter.

     

    Nach einer Woche kam der neue Abt und sagte zu dem Jungen: „Junge, ich werde Dich jetzt hier aus dem Kloster werfen, damit Du ein normales Leben führst. Gehe bitte jetzt, gehe aus diesem Kloster und komme nie mehr wieder, komme nicht mehr zu dem Ort, wo man Dich so ausgebeutet hat.“ Die Teile aus der Nacht freuten sich, jedoch die Panik machte sich ebenfalls bemerkbar. So begleiteten die Mönche den Jungen vor die Tore des Klosters und er musste gehen.

     

    Er ging in sein Dorf mit sehr gemischten Gefühlen. Er erkannte manche noch von früher. In seinem Elternhaus lebten andere Menschen, die er nicht kannte - man hatte ihm nie gesagt, dass seine Eltern gestorben waren. Er war fremd geworden in diesem Dorf. Die Leute schauten auch alle weg und die, die ihn kannten liefen sogar weg. Was der Junge nicht wusste ist, dass sie alle ein schlechtes Gewissen hatte. Sie waren aber alle zu feige es zu sagen.

     

    Fürs Erste schlief er in der Scheune seiner Eltern und eine Stimme in ihm sagte ihm: „Gehe mein Junge, gehe weit weg.“ Am anderen Morgen war der Junge verschwunden und man sah ihn nie wieder.

     

    Am Sonntag hielt der neue Abt mit der ganzen Dorfgemeinschaft ein Hochamt und in den Fürbitten beteten sie alle inbrünstig für diesen Jungen.

     

    Die Jahre vergingen und man hörte von dem Jungen mit der Glocke nichts mehr. Der neue Abt aus dem Bettelorden dachte jedoch oft an diesen Jungen: dieser komische Junge, der gar nicht froh war, als er von seiner sinnlosen Tätigkeit befreit wurde.

     

    Der Abt wurde mehrmals darauf angesprochen, was denn nun mit der Glocke geschehen würde und der Abt hat immer wieder das Gleiche geantwortet: „Das weiß ich nicht. Am Besten wir machen erst einmal gar nichts und lassen es so sein.“

     

    Die Mönche wunderten sich allerdings, dass der Abt penibel genau darauf achtete, dass das Gebäude mit der Glocke unterhalten wurde, so dass kein Schaden, weder an der Glocke noch an dem Gebälk entstand. Deshalb gab es auch immer wieder Mönche, die den Abt fragten: „Herr Abt, jetzt sind sie schon jahrelang hier Abt und Sie lassen immer wieder dieses Gebäude reparieren und erhalten es. Sie haben doch sicherlich einen Plan, was wir mit diesem Gebäude oder mit der Glocke machen sollen.“

     

    Der Abt war dann immer wieder hilflos und dachte an den Jungen. Er sagte dann meistens: „Nein, liebe Mitbrüder, ich weiß nicht, was wir mit diesem Gebäude machen sollen. Lassen wir es doch lieber sein.“ Die Mönche schauten sich erstaunt an, weil sonst war der Abt ein Mann der Entscheidungen und der Entschiedenheit. Er war ein gerechter Abt, der für seine Dörfer sorgte und keine ungerechte Steuer erhob. Er war insgesamt ein guter Seelsorger für seine Mitbrüder und die ganzen umherliegenden Dörfer, die zum Kloster gehörten.

     

    Unter dem neuen Abt ging es den Menschen in den Dörfern gut und sie litten keinen Hunger mehr. die Jahre und Jahrzehnte vergingen. Der Abt wurde mit seinem Prior gemeinsam alt und als beide schon sehr alt waren und der Abt wieder einmal dafür gesorgt hatte, dass das Glockenhaus erhalten blieb, nahm der Prior sich seinen Mut und ging zum Abt. Er sagte: „Vater, nun bin ich doch schon seit Jahrzehnten Dein Prior und wir haben viel Gemeinsames hier verändert und Gutes für die Menschen der Region getan. Nur Dein Verhalten mit der Glocke und mit dem Glockenhaus habe ich nie verstanden. Ich werde jedoch alt und ich möchte das noch verstehen.“

     

    Der Abt schaute in die Ferne und sagte: „Mein Prior, Du hast Recht. Dieser Junge, den wir damals befreit haben, geht mir seit dem ich hier bin nicht aus dem Kopf. Er begleitet mich in meinen Gebeten. Er kommt mir oft in den Sinn und ich frage mich oft wie es ihm geht, ob er noch lebt und was aus ihm geworden ist. Ich habe nie so richtig verstanden, warum er nicht erleichtert war, als diese ganze Schikane und Ausbeuterei zu Ende war. Ich glaube, ich erhalte dieses Glockenhaus, weil ich es nie verstanden habe.“ Der Prior schaute dem Abt in die Augen. Sie waren feucht. Er wusste: mehr wird er nicht vom Abt hören. Er ging weg mit der Sicherheit, dass der Abt ein guter, aber doch immer wieder ein erstaunlicher und verschlossener Mann war.

     

    Es gingen noch einige Jahre vorbei, an denen das Kloster in seinem Alltäglichen lebte. Der Abt war nun schon sehr alt geworden und er selbst dachte an seine Nachfolge und für sich selbst ans Sterben.

     

    Es war im Winter, kurz vor Weihnachten in der dunkelsten Jahreszeit, und der Abt machte sich dran, seine Nachfolge zu regeln. Neben vielem, was ein Abt regeln muss, dachte er, ich muss sicherstellen, dass nach meinem Tod dieses Glockenhaus so erhalten bleibt. Nach dem Abendgebet machte er sich daran, eine Verfügung zu schreiben, dass nach seinem Tode dies so in dem Klosterregister verfügt sein wird. Er rief seinen Prior und sagte zu ihm: „Wir müssen beide an unsere Nachfolge denken und da meine Hand mittlerweile zu zittrig geworden ist, brauche ich Dich, um zu schreiben. Ich möchte, dass wir festhalten, dass das Glockenhaus, nachdem wir beide nicht mehr sind, so erhalten bleibt.“ Der Prior wollte etwas erwidern, doch er merkte, dass es keinen Sinn hatte. Das Kloster war mit der Zeit größer geworden und man benötigte dringend diesen Platz, um weitere Gebäude zu bauen. Es war am Abend des 3. Adventssonntag und der Prior nahm Feder, Tinte und Pergament, so dass der Abt seinen Willen schreiben konnte.

     

    Es war bereits tief in der Nacht und der Prior sagte: „Bitte, mein Abt, ich bin bereit.“ Der Abt fing an: „Ich, Abt dieses Klosters, verfüge, dass …“ Er sprach noch und plötzlich, völlig unvermittelt, gab es einen lauten Glockenklang, den der Abt und der Prior noch nie gehört haben. Er war so tief und so schön und so pur, wie sie noch nie eine Glocke gehört haben. Beide standen wie versteinert da und wussten nicht, was sie machen sollten.

     

    Einige Minuten später klopfte es aufgeregt an die Tür des Abts und ein sehr alter Mönch kam mit großer Angst im Gesicht und völlig verwirrt in das Zimmer. Er warf sich vor den Abt, hielt sich an ihm fest und sagte: „Mein Abt, mein Abt, das ist die große Glocke, ich kenne sie noch von früher. Mein Abt, ich habe Angst.“ Jener Mönch gehörte nämlich noch zu der alten Truppe des grausamen Abtes. Er schrie fast und sagte: „Mein Abt, jetzt werde ich bestraft, weil ich damals alles mitgemacht habe. Ich werde jetzt bestraft.“ Und die Glocke tönte weiter, hinaus ins Dorf und auch dort waren die Ältesten auf der Straße und sie kannten diesen Ton. Sie sahen alle sehr beschämt zu Boden und hatten große Angst. Viele dachten, dass jetzt ihre Stunde geschlagen hätte und Gott sie strafen würde. Die meisten knieten sich hin und beteten inbrünstig, um zumindest so sicherzustellen, dass sie in den Himmel kamen. Manche hatten jedoch so Angst, dass sie gar nicht mehr beten konnten.

     

    Der Abt schaute seinen Prior an und er befreite sich erst einmal aus dem Griff des alten Mönchs, der auf dem Boden kauerte und weinte. Er sagte zu ihm: „Bruder, komme hoch, habe keine Angst, setze Dich hin.“ Zum Prior sagte er: „Prior, bleibe hier und passe auf Deinen Mitbruder auf.“

     

    Der Abt ging in die Kirche, kniete sich hin und betete still und leise. Auch er hatte Angst. Er betete die ganze Nacht, auch nachdem die Glocke schon lange zu klingen aufgehört hatte. Im Morgengrauen stand der Abt auf, ging aus der Kirche zur Glocke. Er war der Erste, der dies wagte, da alle wussten, sie kann gar nicht klingen. Der Abt ging hin und sah, dass die Glocke wieder aufgerichtet war, sie wieder an dem alten Platz hing und der Hammer, der vor Jahrzehnten dazu diente, sie zum Klingen zu bringen, stand direkt neben der Glocke. Unten war die Glocke aus spezial angefertigten Holzpfeilen doppelt gesichert. Der Abt schaute sich das Werk an und er wusste, dass er heute noch ein Begräbnis zu organisieren hätte.

     

    Mit einer Sicherheit, wo er selbst nicht wusste, wo sie herkam, ging er in den Keller wo der Junge früher übernachtete. Im Keller angekommen fand er einen alten Mann, der sehr reich bekleidet war, in der Ecke liegend, wo der Junge immer geschlafen hatte. Der Mann war tot und - auch, wenn er mittlerweile ganz anders aussah in dieser reichen Kleidung - wusste der Abt, dass es der Junge ist. Dieser alte Mann hatte eine Pergamentrolle in der Hand. Der Abt nahm eine Kerze, zündete sie an, nahm das Pergament und las: „Lieber Abt, ich kenne nicht einmal Deinen Namen und ich kannte damals, als Du mich aus dem Kloster gescheucht hast, nicht einmal meinen eigenen Namen. Jedoch neben Deinem Vorgänger, diesem grausamen Menschen, warst Du einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Du sollst wissen, was mit mir passiert ist. Als Du mich weggescheucht hast war ich hilflos und verlassen. Ich hatte den Sinn meines Lebens verloren und ich wusste nicht, zu was ich tauge und was ich machen sollte. Ich war sehr zwiegespalten. Ich wusste, ich war befreit, aber ich konnte mit dieser Freiheit nichts anfangen und du hast mich einfach weggescheucht. Ich habe Dich oft und sehr lange Jahre verflucht.“

     

    Der Abt verstand jetzt endlich, warum dieser Junge ihn nie mehr losgelassen hatte.

     

    „Ich habe ein gutes Leben gehabt. Ich habe - zugegebenermaßen mühsam - meine Kraft und meine zerschundenen Händen gelernt einzusetzen. Zuerst habe ich als Helfer überall gedient, wo man Kraft benötigte. Dann habe ich in einer großen Stadt, weit weg von hier - es ist egal, wo es war - mein eigenes Geschäft aufgebaut und - wie Du wahrscheinlich an meiner Kleidung siehst - bin ich ein wohlhabender Mann geworden. Ich habe viel Respekt, viel Reichtum und viel Ansehen erlangt. Ich habe auch immer versucht allen Menschen um mich herum, die mich an mich selbst erinnert haben, zu helfen. Heute bin ich hierher zurück gekommen, weil ich wusste, dass ich meine Lebensaufgabe jetzt bewältige. Du hast sie heute klingen gehört. Ich konnte in meinem Leben nie etwas anderes denken, als dass es meine Aufgabe ist, diese Glocke wieder ans Klingen zu bringen. Ich habe es jetzt geschafft und bin im Frieden mit mir selber. Abt, erwarte nicht, dass ich meinen Reichtum diesem Kloster vermache. Ich habe nur einen letzten Willen: Zerstöre diese Glocke, das Gebäude und ich möchte, dass nichts mehr übrig bleibt davon.“

     

    Der Abt saß da, schaute diesen toten Mann an und verbrannte dann das Pergament. Er ging ins Kloster und rief alle Mönche zusammen. Was er ihnen sagte, war für die Mönche erstaunlich und niemand hatte es verstanden. Der Abt hatte große Autorität und er sagte nur: „Bitte, tut das für mich.“

     

    Von unten im Dorf sah man die Mönche zu Werk gehen. Mit großen Hämmern und allen schweren Gegenständen, die sie fanden, zerschlugen sie die Glocke und am Abend war bereits die Hälfte des Gebäudes abgebrochen und am 4. Advent war vom Gebäude und von der Glocke nichts mehr übrig.

     

    jd







  • 2009: Der Schlüsselstein

    Prolog: Wesentliches

     

    Die Menschen sind komische Wesen. Sie sind (fast) die einzigen Wesen, die über sich nachdenken können. Je länger sie das tun - sowohl individuell, wie gemeinsam - über ihre schicksalhafte Geschichte nachzudenken, desto weniger finden sie Antworten.

     

    Viele Menschen suchen heute im Spirituellen ihr Heil und finden dies oft in anderen Kulturen, in Indien, beim Buddhismus oder in anderen durchaus esoterischen Ansätzen, die oft nicht aus unserem Kulturkreis stammen.

     

    Viele wissen dabei nicht, dass es auch Zeiten in unserer Kultur gab, wo diese Sinnfindung und die wesentlichen Fragen des Lebens hier Hochkultur hatten: Große Mystiker, Kirchenväter und andere Weisen haben sich und uns vor tausend Jahren diese Fragen gestellt.

     

    Es waren häufig Zeiten, die mit großen Kriegswirren und doch großen menschlichen Leistungen einhergingen: Der Kathedralenbau, die Klosterblüte, die Freiheit in den Städten haben immer wieder die Menschen in dieser Epoche und in unserem Kulturkreis auf dieses Wesentliche zurück geworfen.

     

    Für was bin ich denn eigentlich hier auf dieser Erde? Was macht mich aus?
    Zu was bin ich da, für andere, für mich selbst, für die Leistung, für Ziele, für große Werke oder bin ich ein Taugenichts, ein Fauler?
    Solche und andere Fragen werden die Menschheit immer begleiten. Die Lösung dieser Frage wird sich immer nur individuell in einzelnen Leben möglich machen lassen.

     

    Seien Sie zärtlich und aufmerksam auf Ihr eigenes Leben, damit Sie Ihren Sinn er-finden können!

     

    Kapitel 1: Die Quelle

     

    In einem kleinen Dorf, das zwischen Straßburg und Freiburg genau in der Mitte lag, gab es seit Jahrhunderten - fast tausend Jahren - eine blaue Quelle, die als heilige Quelle verehrt wurde.

     

    In der damaligen Zeit wussten die Leute das Blaue nicht zu erklären. Heute wissen wir, dass im Rheintal viele solcher Quellen, die nichts anderes als Grundwasserquellen waren, existieren. Das bläulich Schimmernde entsteht dadurch, dass im Grundwasser kaum Sauerstoff ist.

     

    In jenen Zeiten in einem dieser Rheintaldörfer verehrte man nun diese Quelle als heilige Quelle. Legenden von weisen Damen und von christlichen Heiligen umrankten diese. So sprudelte diese Quelle seit Jahrhunderten. Menschen kamen zu ihr, um Linderung und Heilung zu erhalten.

     

    Die Quelle war eingefasst in den typischen Buntsandstein und die Menschen tauchten unter offenem Himmel in ihr ein.

     

    Die große Eiche, die mit Efeu bewachsen war, stand noch aus alter Keltenzeit neben der Quelle. Manche vor kurzem getauften Christen beteten die große Eiche noch an. Doch niemand wagte mehr, dies öffentlich zu tun. Schon lange hatte sich rechts der Quelle ein kleines Männerkloster angesiedelt, mit einer kleinen eigenen Kapelle und Klosterbetrieb. Links von der Quelle ein Frauenkloster, auch mit eigener Kapelle und Klosterbetrieb. Abt und Äbtissin begegneten sich immer wieder an der Quelle mit hohem Respekt an den großen Feiertagen.

     

    So lebte dieses kleine Dorf im Rhythmus der Feiertage und die Quelle hatte einen geringen Bekanntheitsgrad außerhalb der kleinen Umgebung.
    Doch die Zeiten änderten sich.

     

    Kapitel 2: Der Zank

     

    In jenen Zeiten entstanden im Rheintal große und reiche Klöster, die davon lebten, dass in ihren Kapellen und Kirchen Reliquien von berühmten Heiligen aufbewahrt wurden.

     

    Über die Pilgerwege des Heiligen Jakob kamen viele Pilger zu diesen reichen Klöstern und spendeten. Und so hatten zu jener Zeit - ganz im Gegensatz zu dem, was einmal geplant war - Abt oder Äbtissin eine gute Karriere, die Neid, Reichtum und Konkurrenz mit sich brachten.

     

    In den beiden Klöstern in unserem Dorf im Rheintal, rechts und links neben der Quelle, hatten mittlerweile zwei Ehrgeizlinge den frommen Abt und die fromme Äbtissin ersetzt.

     

    Die neue Äbtissin war von edlem Blute und sie träumte für sich von einem großen Kloster. Der Abt, das jüngste Kind eines Grafen, wollte ebenfalls Karriere machen. Er zögerte, ob es in diesem Kloster sein soll oder ob er da nur schnell wieder weg kommen wollte, aber er wusste: Er musste aus dieser bescheidenen Gebetsstätte etwas ganz Großes machen.

     

    In ihrer beiderseitigen Schlechtigkeit entdeckten sie - wie soll es anders sein - dass der eigentliche Wert des Klosters die heilige Quelle war. Sie wussten zwar beide, dass die Quelle niemandem von den beiden Klöstern gehörte, sondern exakt in der Mitte zwischen den beiden Klostern lag. Das grämte sie sehr. Und so kamen sie beide parallel auf die gleiche Idee.

     

    Der Papst bekam gleichzeitig - damals waren Klöster direkt vom Papst abhängig - zwei Briefe, die ganz ähnlich klangen. Für die gleiche Quelle wurde von einem Abt und einer Äbtissin beim Papst beantragt, eine große Kirche über die Quelle zu bauen, damit die Pilger, so logen beide, die immer mehr geworden seien, eine bessere Unterkunft fanden und ihre Gebete besser und würdiger bei Gott ankamen. Dabei kamen nur Menschen aus der Umgebung.

     

    Der Papst war amüsiert. Er beauftragte den lokalen Nuntius beiden Folgendes aufzuerlegen: Der Abt sollte die rechte Seite der Kirche erbauen und die Äbtissin die linke Seite der Kirche. Die Kirche sollte den Pilgern selbst und dieser heiligen Quelle gewidmet sein.

     

    Der Nuntius überbrachte an einem regnerischen Tag beiden gemeinsam die Nachricht.

     

    An der Quelle erklärte ihnen der Nuntius den päpstlichen Befehl und beide starrten sich hasserfüllt an, neigten den Kopf jedoch demutsvoll vor dem Nuntius und gelobten sich an diesen Befehl zu halten. Im Regen knieten sie vor der Quelle nieder. Beide hatten es sehr schwer mit dem Nuntius Gebete zu sprechen.

     

    Klitschnass vom Regen verabschiedeten sich beide kalt und gingen in ihr jeweiliges Kloster zurück. Beide wollten dies so nicht. Beide kamen jedoch nicht auf die Idee, wie man sich davor drücken oder die andere Seite anschmieren könnte.

     

    So beauftragten beide Handwerker, um die neue Kirche zu bauen.

     

    Kapitel 3: Der kleine Maurer

     

    Die Handwerker kamen und errichteten aus Holz ihre Werkstätten. Aus dem Schwarzwald wurden die ersten Buntsandsteine angeliefert, die an der heiligen Quelle behauen wurden.

     

    Die Äbtissin und der Abt wollten natürlich in jenem neuen filigranen Baustil - heute nennen wir dies Gotik - ihre Kirche bauen. Die Handwerker jedoch, beherrschten diesen Stil nicht. Zähneknirschend stimmten sie zu, dass angefangen wurde, die Kirche im romanischen Stil zu bauen.

     

    Eines Tages kam aus dem Dorf ein kleiner Junge, den jeder unter dem Namen Peter kannte. Er interessierte sich für die Maurer und ihre Kunst. Die Maurer lachten viel mit ihm und sie gaben ihm auch - mehr zum Spiel - ein wenig Handwerkszeug, wo er einzelne Steine behauen konnte. Der Peter kam Tag für Tag in die Werkstatt, hämmerte mit Meißel und Hammer an den Buntsandsteinen herum.

     

    Eines Tages kam der oberste Kirchenbauer selbst vorbei und sah dem kleinen Peter zu. Irgend etwas erstaunte ihn oder fiel ihm auf. Er stand eine ganze Weile da und schaute diesem kleinen Jungen zu.

     

    Peter war so mit seinem Stein beschäftigt, dass er ihn gar nicht bemerkte.
    Abends beim Essen fragte der Oberbaumeister seine Handwerker: „Wer war der Junge?“

     

    Sie lachten, „das ist der Peter, er kommt jeden Tag, hämmert ein wenig an den Steinen herum. Er ist hier aus dem Dorf. Er langweilt sich. Seine Eltern sind Leibeigene und wir füttern ihn ein wenig mit durch, dann hat er wenigstens keinen Hunger.“

     

    Der Oberbaumeister sagte streng: „Ist Euch nichts anderes aufgefallen?“ Die Maurer sagten: „Nein, Herr, was hätte uns auffallen sollen?“ Der Oberbaumeister sagte: „Wisst Ihr, wir sind alle keine Spitzenmaurer. Ich hätte von euch jedoch erwartet, dass Ihr merkt, dass dieser Peter die Steine spürt, besser als wir alle zusammen.“

     

    Die Maurer wurden still und schauten beschämt weg.

     

    Ab dem Tag sah man den Oberbaumeister morgens früh zu den Werkstätten kommen und er nahm Peter mit. Man sah ihn mit Peter um die Grundsteine der Kirche gehen. Man sah beide miteinander reden.

     

    Eines Tages sah man ihn auch mit Peter auf einem hohen Gerüst, das schon entlang der höchsten Mauer aufgebaut war, die mittlerweile zur Hälfte stand.
    Der Oberbaumeister fragte ihn: „Peter, was siehst Du hier?“

     

    Peter war erstaunt über die Frage und er antwortete: „Herr, ich sehe hier ein Haus Gottes wachsen, das zur Hälfte von der Äbtissin und zur Hälfte vom Abt gebaut wird. In der Mitte wird eine heilige Quelle sein, die wir hier im Dorf seit langen Jahren anbeten. Dieses Haus soll alle Pilger empfangen, die kommen werden und es soll ein schönes Haus werden.“

     

    „Ja, Peter, siehst Du noch etwas?“, fragte der Oberbaumeister nachdenklich.

     

    Peter zögerte etwas und sagte dann: „Herr, ich bin nur ein kleiner und dummer Junge aus dem Dorf. Ich kann nicht lesen und nicht schreiben, aber schaut: Diese Mauer ist nach hinten rechts etwas schief. Ob das Gott gefällt? Und schaut Euch den Chor an, auch der ist nicht perfekt rund gebaut. Und ich glaube, das spüre ich, wenn wir die Steine etwas anders schlagen, so können wir nachher sehr viel mehr Licht in das Haus Gottes bringen. Vielleicht hätte ich noch ...“

     

    Der Oberbaumeister unterbrach Peter: „Peter, weißt Du, was Du Dir da erlaubst? Wir sind alle erfahrene Maurer und Du sagst, wir würden unsere Arbeit schlecht machen.“ Peter schaute oben auf dem Gerüst beschämt weg und sagte: „Ja, Herr, ich weiß, ich habe nicht das Recht dazu.“ Der Oberbaumeister sagte: „Gehe zurück in die Werkstatt und hilf den Jungs.“

     

    In den nächsten Tagen sah man den Oberbaumeister oben auf dem Gerüst stehen mit seinen Papieren und Skizzen. Man konnte seine Anstrengung beobachten.

     

    Der Abt, nachdem er ihn zwei Tage oben sitzen sah, kam nun zornig auf ihn zu und sagte: „Oberbaumeister, hast Du nichts anderes zu tun, als oben zu faulenzen?“ Der Oberbaumeister war still und bat um Entschuldigung.

     

    Auch die Äbtissin ranzte ihn am anderen Morgen nach dem Morgengebet an, ob der Bau denn so weit vorangeschritten wäre, dass er es sich leisten könnte, nichts zu tun. Der Oberbaumeister entschuldigte sich wiederum und wandte sich ab.

     

    Nach weiteren zwei Tagen des „Faulenzen“ sah man ihn ins Dorf gehen, kurz mit den Eltern von Peter sprechen und er gab an dem Morgen folgende Anweisung an alle Maurer: „Liebe Maurer, ich befehle Euch ab jetzt den Peter in die Lehre zu nehmen und ihn alles zu lernen, was Ihr könnt. Ich möchte, dass jeder Einzelne ihm das beibringt, was Eure Spezialität ist. Ich werde dem Peter auch alles beibringen, was ich weiß. Ich werde keine Widerrede dulden.“

     

    Die Maurer redeten durcheinander und aufgeregt und einer sagte: „Oberbaumeister, Dein Wunsch sei uns Befehl, aber wir verstehen das nicht.“

     

    Der Oberbaumeister sagte: „Ihr habt den Peter doch arbeiten sehen. Ihr habt gesehen, dass dieser Junge viel Talent hat und er spürt die Steine so gut, dass er für ein Haus Gottes der perfekte Baumeister sein wird. Wir sind gegenüber ihm alle stumpfe Handwerker. Er spürt die Steine und die innere Schönheit und er wird diese Kirche sehr viel schöner gestalten als wir alle.“

     

    Die Maurer wussten nicht, ob sie still sein sollten oder sich vor Zorn laut ärgern. Sie entschieden sich für das Erste. Ab diesem Tag war Peter bei ihnen in der Lehre. Er war ein fleißiger Lehrling und er lernte sehr schnell all das, was die Handwerker bereits konnten. Die Kirche wuchs.

     

    Der Oberbaumeister ging für jede neue Stufe die eine Hälfte des Geldes beim Abt holen und die andere Hälfte des Geldes bei der Äbtissin.

     

    Er spürte genau, dass beide sehr sauer waren dies tun zu müssen und jedes mal merkte er, dass dies noch ein großer Streit geben wird.

     

    Ein Sommer und ein harter Winter gingen vorbei.

     

    Die Aktivitäten beim Kirchenbau wurden wieder aufgegriffen. Jetzt sah man Peter, der ein kräftiger junger Mann geworden war, mit dem Oberbaumeister und mit Plänen herumlaufen.

     

    Er meißelte Steine, die noch keine der Maurer je gesehen hatten, so filigran waren sie geschnitten. Er fing an Spitzbogen zu machen, weil der Meister ihm erzählte, dass dies die ganz Modernen jetzt tun. Die Kirche bekam einen sehr viel filigraneren Ausdruck. Abt und Äbtissin waren erstaunt und lobten den Oberbaumeister.

     

    Eines Tages beim Zahlen nahm der Oberbaumeister den Peter mit und stellte ihn vor.

     

    Peter hatte Angst, weil er wusste, dass beide keine guten Menschen waren.

     

    Der Oberbaumeister sagte: „Ehrwürdiger Abt, ehrwürdige Äbtissin, ich möchte Euch heute Peter vorstellen, der seinen Namen nun wirklich nicht geklaut hat. (Peter kommt nämlich von Petrus, der Fels.) Er spürt die Steine, so dass mit seinem Können unser Gotteshaus viel schöner wird. Auch die Maurer haben mittlerweile erkannt, dass Peter talentiert war.“

     

    So hat Peter im Laufe der Jahre - damals ging ein Kirchenbau jahrelang - eigentlich die Leitung mit dem Oberbaumeister übernommen.

     

    Es vergingen Jahre, bis die Kirche so gut wie fertig war. Das Gewölbe war gotisch. Alles war jeweils zur Hälfte bezahlt, außer der Schlüsselstein, der noch fehlte.

     

    Kapitel 4: Der Schlüsselstein

     

    Der Oberbaumeister und Peter gingen zu dem Abt und zu der Äbtissin und sagten: „Eure Kirche ist bald fertig. Es fehlt nur noch der Schlüsselstein. Unsere Frage ist jetzt, wer bezahlt diesen Stein, weil dieser sehr wichtig ist. Er ist verantwortlich, dass die gesamte Kirche aufrecht stehen bleibt. Wir möchten Euch bitten zu entscheiden, wer diesen Stein bezahlt, weil dieser ist nicht teilbar.

     

    Mit aller Ehrerbietung möchten wir Euch bitten, dies schnell zu entscheiden, weil das Gewölbe bald so weit fertig ist, dass der Schlüsselstein schnell gesetzt werden muss, weil das Gewölbe sonst wieder in sich zusammen fällt.

     

    Die Äbtissin sah ihre Chance gekommen und mit verschmitztem Gesicht sagte sie: „Selbstverständlich bezahle ich diesen Stein in Demut und ich möchte Euch Abt bitten meine Spende anzunehmen.“

     

    Der Abt, der bekannterweise genau so schlecht war, hatte sofort durchschaut, was die Äbtissin damit wollte.

     

    Sie werde in Zukunft sagen, dass ihr der Schlüsselstein gehört. Wenn sie den Schlüsselstein wegnehme, steht die Kirche nicht mehr. Also ist sie die wahre Besitzerin der Kirche. Dass die Kirche über der heiligen Quelle gebaut worden war, war offensichtlich beiden völlig unwichtig.

     

    Der Abt lehnte natürlich ab und beharrte darauf, diesen Stein höchstpersönlich selbst zu bezahlen. So zankten sie sich vor dem Oberbaumeister und Peter.

     

    Peter wollte dies nicht mitbekommen und ging. Er kletterte oben ins Gewölbe und sah, dass es noch zwei Tage Arbeit gab, dann musste der Schlüsselstein gesetzt werden, sonst hielt das Gewölbe nicht.

     

    Äbtissin und Abt entschieden sich, dass sie wiederum dem Papst schreiben, der soll entscheiden.

     

    Sie beteuerten beide, dass beide einen Brief schreiben und gingen in ihre jeweiligen Klöster zurück. Doch beide dachten: Dieses mal bin ich nicht so dumm, ich schreibe gar keinen Brief und ich werde selber hier vor Ort eine gute Lösung für mich finden. Es soll sich kein Papst mehr einmischen.

     

    Kein Brief ging an den Papst und es wurde nichts entschieden.

     

    Nach zwei Tagen war es dann so weit. Der Schlüsselstein konnte eben nicht gesetzt werden, weil beide darauf beharrten ihn zu bezahlen.

     

    Peter sagte seinen Maurern: „Baut das Gerüst schon ab, die Kirche wird an Ostern eingeweiht. Ich werde jetzt mal provisorisch das Gewölbe halten. Die werden sich schon einig werden.“ Es war früh in der Karwoche und alle freuten sich auf die Einweihung der Kirche.

     

    Peter klemmte sich oben ein, die Gerüste wurden abgebaut, die Kirche wurde reichlich geschmückt. So kam Ostern. Völlig überraschend tauchte der Papst auf und weihte diese Kirche ein.

     

    Er segnete sie, lobte diesen Bau und bat alle Anwesenden - es gab viele Bischöfe - von dieser heiligen Quelle zu berichten, dass viele Pilger kommen sollten.

     

    Peter, der ganz oben an dem Platz des Schlüsselsteins die ganze Kirche hielt, sah das alles und freute sich, dass seine Kirche so viel Aufmerksamkeit erhielt. Es war zwar anstrengend da oben, aber das war nicht so schlimm. Nur der Weihrauch, der nach dem Gottesdienst ins Gewölbe zog brannte ihm in den Augen. Aber Peter wusste ja, was harte Arbeit war.

     

    Da es immer noch zu keiner Einigung gekommen war, fingen die Handwerker an, dem Peter das Essen nach oben zu bringen und es wurde richtig anstrengend. Die beiden Klöster hatten mittlerweile in der wunderbaren Kirche ihre Gottesdienste jeweils aufgenommen und sie hatten peinlichst genau jeweils zur Hälfte einen Plan aufgestellt.

     

    Durch die Bitte des Papstes war die Quelle sehr bekannt geworden und jeden Tag kamen mehr und mehr Pilger in die Kirche. Peter war so froh darüber, dass er sich richtig freute und die Schmerzen, dass er immer noch das Gewölbe als Schlüsselstein hielt, spürte er fast nicht mehr.

     

    Die Maurer zogen weg und machten die Leute aus dem Dorf darauf aufmerksam, dass sie dem Peter Essen bringen sollten, was diese taten.

     

    So verging Tag um Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und jeder wartete auf eine Antwort des Papstes, die er auch bei der Einweihung der Kirche nicht gegeben hatte, aber niemand außer dem Abt und der Äbtissin wusste, dass der Papst nie zur Entscheidung angefragt wurde.

     

    So wurde Peters Leben ein Leben als Schlüsselstein.

     

    Man vergaß ihn.

     

    Abt und Äbtissin dachten auch nicht mehr daran, weil sie durch die vielen Pilger viel Geld verdienten, dass beide damit beschäftigt waren, ihre Klöster größer und schöner aufzubauen, Ländereien zu kaufen, um endlich die langersehnte Karriere zu beginnen.

     

    An Peter dachte niemand mehr.

     

    Doch eines Tages kam dieser gottvermaledeite Bettelmönch.

     

    Kapitel 5: Der Bettelmönch

     

    Bettelmönche gab es zu jener Zeit in Europa überall.

     

    Sie lebten jenseits dieser großen Klöster, Reichtümer und Kirchen. Sie predigten Armut und echten Glauben.

     

    Sie waren in keinster Weise beliebt. In Italien wurden sie despektierlich Fraticelli genannt. In großen Klöstern und großen Bistümern hatte man sie oft davon gejagt.

     

    In unserem kleinen Dorf eines morgens früh kam ein Bettelmönch und rastete. Er hatte von der großen Kirche mit der heiligen Quelle gehört. Ihm war auch der zusetzende Ehrgeiz der Äbtissin und des Abtes zugetragen worden.

     

    Die ganze Gegend hatte mittlerweile unter den Steuern der beiden Klöster und deren Streitereien sehr zu leiden. Die Bauern wurden ausgehungert, nur damit die beiden Klöster reich wurden: Die gute Zeit war vorbei, da Abt und Äbtissin immer mehr Reichtum wollten.

     

    Der Bettelmönch hatte sich deshalb vorgenommen vor dem Kloster zu predigen.

     

    Kurz vor dem Gottesdienst ging er vor die Kirche und predigte den wahren Glauben und die wahre Armut.

     

    Viele Pilger hörten ihn an und gingen dann in den Gottesdienst.

     

    Die Kirche war viel prunkvoller geworden, mit Gold ausgeschmückt. Beide Klöster hatten sich mittlerweile einen Klosterschatz angeschafft, der jeweils zur ihren eigenen Gottesdiensten in die Kirche getragen wurde und nach dem Gottesdienst wieder hinausgetragen wurde. So konnte man die Schätze öfters in der Kirche bewundern.

     

    Peter bemerkte oben, dass eine andere Stimmung in der Kirche war. Er hatte diese laute Stimme draußen gehört, die von Armut und Demut gepredigt hatte.

     

    Er sah seine Kirche immer schöner werden und nach dieser Predigt hat er bemerkt, dass die Leute anders reagierten. Sie waren stiller und andachtsvoller. Vor lauter Schmerz spürte Peter mittlerweile nichts mehr und das Essen, das man ihm mittlerweile nur noch hinwarf, kam aus den Abfällen der Küche der beiden Klöster.

     

    Er war wieder zu einem einfachen leibeigenen Jungen geworden und er dachte, dass seine Zeit als Baumeister sowieso nur die Ausnahme war.

     

    Der Bettelmönch, nachdem alle Pilger in den beiden Klöstern untergekommen waren, ging in die Kirche, in der immer noch viele Kerzen brannten. Draußen war es sehr kalt. Es war kurz vor Weihnachten. Der Bettelmönch kniete, umringt von dieser Kirche und diesem Reichtum, demutsvoll vor dem Altar nieder und betete still.

     

    Er hatte jedoch das Gefühl, dass ihn irgend jemand beobachtete und schaute - immer noch zum Gebet gebückt - durch die ganze Kirche und in den Chor. Er entdeckte niemanden.

     

    Das Gefühl, dass er beobachtet wurde, ging nicht weg. Er stand auf und schaute sich noch einmal um. Er sprach: „Ist jemand hier?“ Doch niemand antwortete. Peter hatte sehr wohl die Frage gehört, jedoch war ihm gesagt worden, dass er nie etwas sagen sollte und immer nur das Gewölbe halten.

     

    Der Bettelmönch sagte noch einmal etwas kräftiger: „Ist jemand hier?“ Peter war still, obwohl er genau spürte, dass er gerne etwas gesagt hätte. Seit langen Jahren hätte er zum ersten mal wieder mit jemandem geredet. Er hielt sich jedoch an das, was man ihm gesagt hatte.

     

    Der Bettelmönch schaute in seiner Hilflosigkeit nach oben und entdeckte plötzlich Peter. Peter dachte, er würde inbrunstvoll beten, als er ihn anschaute. Der Bettelmönch sah diesen Menschen, der als Schlüsselstein oben die ganze Kirche hielt.

     

    Er war innerlich zerstört vor der Grausamkeit dieser Menschen hier. Er weinte.

     

    Er wusste nicht, was er tun sollte. Er legte sich auf den Boden, breitete Arme und Beine aus in einer demutsvollen Gebetshaltung und betete die ganze Nacht bis zum frühen Morgen. Er betete um eine Lösung, was er tun sollte.

     

    Und morgens früh kam ihm die Lösung. Er werde das tun, was er immer getan hat: Predigen. So sprach er, es war am Tag vor dem Heiligen Abend, morgens früh folgende Wörter: 

     

    „Vermaledeit seien solche, die denken, dass sie wirklich zu etwas gebraucht werden, denn sie sind nicht gottesfürchtig.

     

    Vermaledeit seien solche, die ihre Talente nicht nützen, denn sie verschönern die Welt nicht zu Gottes Herrlichkeit.


    Vermaledeit seien solche, die zu still und zu demutsvoll sind, obwohl sie die Wahrheit in sich tragen.

    Vermaledeit seien solche, die leuchten können, jedoch sich in Verliesen und Verstecken halten, um dieses Licht der Welt nicht zu zeigen.“

     

    Nach diesen Worten machte er eine Pause und sagte weiterhin:
    „Gesegnet seien solche, die ihrem eigenen Weg nachgehen und die nicht den Mächtigen folgen.

     

    Gesegnet seien solche, die in sich Feuer spüren und dieses in die Welt tragen.

     

    Gesegnet seien solche, die ihre Talente anderen mitgeben und somit neue Talente entdecken.

     

    Gesegnet seien solche, die ihr Leben leben und allen anderen zeigen, wie freundlich das Leben sein kann. Sie tun dies zur Herrlichkeit Gottes.
    Sie sind des Himmelreiches.“

     

    Diese Predigt hallte durch die ganze Kirche.

     

    Der Bettelmönch war schon lange wieder aus der Kirche, jedoch in Peters Ohren klang die Predigt immer noch und immer wieder.

     

    Kapitel 6: Die Katastrophe

     

    Es war am Heiligen Abend und dieses Jahr wussten die Pilger und Dorfbewohner, dass es ein Weihnachten war, wo Äbtissin und Abt gemeinsam den Gottesdienst am Heiligen Abend gestalteten. Heute würde man sagen, dies war Chefsache, weil an allen anderen großen Feiertagen einmal der Abt und einmal die Äbtissin dran war, nur an Weihnachten hatte man sich geeinigt, dass dieses Fest zusammen gestaltet wurde.

     

    Am frühen Abend trafen sich deshalb Abt und Äbtissin unter dem Gewölbe der Kirche an der heiligen Quelle, um den Gottesdienst gemeinsam vorzubereiten. Es war ein grausamer Moment für Abt und Äbtissin da sie wussten, dass es wieder sehr viel Streit geben würde. Jeder wollte natürlich die Oberhand behalten.

     

    Das Bewusstsein in einem Gotteshaus zu sein und an einer heiligen Quelle war ihnen jetzt definitiv abhanden gekommen. So hörte man sie wieder in der Kirche schreien und streiten. Äbte und Mönche und auch manche treuen Pilger und Dorfbewohner warteten außerhalb der Kirche, um dann den Gottesdienst zu feiern.

     

    Und dann passierte es.

     

    Plötzlich gab es dumpfe Geräusche, die immer lauter wurden. Der Boden erzitterte und alle schauten sich angstvoll an. Was war los? Plötzlich krachte in einem lauten Getöse das ganze Dachgestühl in die Kirche hinein: Das Gewölbe war eingebrochen. Das Dach stürzte mit dem Gewölbe in die Kirche hinein. Der Turm der Kirche kam ins Wanken und begrub unter sich die Kirche, die heilige Quelle, so dass nur noch die Außenmauern wie Ruinen stehen blieben.

    Die Dorfbewohner schauten sich an und die Klostermitglieder jeweils auch.

     

    Keinem kam in den Sinn, dass Abt und Äbtissin in der Kirche war.

     

    Alle sahen darin ein großes Zeichen des Unglücks. Sie waren eine Weile wie gelähmt. Vor lauter Angst flüchteten sie dann alle. Die Dorfbewohner verließen aus Angst vor dem Teufel das Dorf und brachten sich in den Nachbardörfern unter. Die Mönche und die Nonnen flohen - wohin wusste man nicht.

     

    Die Katastrophe war im ganzen Land bekannt und später in der ganzen Christenheit. Bis nach Rom kam die Neuigkeit.

     

    Epilog: Was die Menschen sich noch lange Jahre erzählten

     

    Die beiden Klöster wurden anschließend aus Angst nie mehr aufgebaut. Das Ganze ist nur zu uns gekommen durch Legenden, die sich seit Generationen die umliegenden Dörfer erzählen.

     

    Erst seit kurzem wurden die Ruinen des Dorfes und des Klosters untersucht und tatsächlich war die Kirche eingestürzt. Man fand die Spuren dieses Einsturzes obwohl auch die Aussenmauern schon lange entweder abgebaut oder in sich zusammen gefallen waren.

    Die Überreste von Abt und Äbtissin fand man nicht. Jedoch erzählten sich die Alten damals in diesem Zusammenhang immer wieder von einem teuflischen Bettelpaar das von Dorf zu Dorf zog und dort Unheil über die Menschen brachte.

     

    Der Bettelmönch, den alle im Verdacht hatten, dass er das Durcheinander gebracht hatte und die Katastrophe auslöste, ward ebenfalls nicht mehr gesehen.

     

    Allerdings erzählte man immer wieder von einem Bettelmönch der wie wundersam an den Orten auftauchte, wo Kathedralen und Kirchen zur Herrlichkeit Gottes in ganz Europa gebaut wurden. Man sah ihn dort mit einem bescheidenen Baumeister kurz sprechen und er ging dann wiederum seinen Predigten nach. Die Alten sagen auch, er hätte immer wieder, bevor die Kirche eingeweiht wurde, seine erste Predigt vor den Toren der Kirche gehalten.

     

    An den größten und schönsten Kirchen, die damals gebaut wurden, war er immer wieder zur Eröffnung da. Niemand konnte sich dies erklären. Manche haben einfach gesagt, es sei nie der gleiche Bettelmönch, jedoch andere beschworen, dass es immer der gleiche war.

     

    Was aus Peter, dem Schlüsselstein geworden ist, wusste niemand. Man stellte nur fest, dass nach jenem Weihnachten als die Kirche zusammen gestürzt war, viele wunderbare und schöne Kathedralen, Kirchen und Dome in Europa gebaut wurden.

    Aber eines wäre komisch gewesen bei all diesen Kirchen: Man erzählt, dass der Baumeister zuallererst den Schlüsselstein gemeißelt hätte. Noch bevor ein anderer Stein existierte.

     

    Der Schlüsselstein als der wichtigste Stein. Es verstand niemand.

     

    Was aus Peter, dem Schlüsselstein geworden ist, wusste jedoch niemand.

     

    jd







  • 2010: Die Prinzessin ohne Land

    Vom notwendigen Mut zur persönlichen Entwicklung

     

    Das stille Begräbnis

     

    Diese Geschichte ereignete sich vor langer, langer Zeit, in jener Zeit als die Burgen, Ritter, Lehnsherrn, Bauern, Gesinde und Leibeigene noch „in Betrieb“ waren.

     

    In jenen Tagen zogen durch unsere ganzen Breitengrade Troubadoure.

     

    Sie gingen von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Hof zu Hof, um sich ihr Leben zu verdienen. Bei Festen waren sie gern gesehen, doch ansonsten waren es Taugenichtse.

     

    Einer dieser Taugenichtse war auf dem Weg in die Stadt, wo der König residierte. Er freute sich, da diese Stadt bekannt dafür war, dass es immer Arbeit für Troubadoure gab.

     

    Von der Höhe her kommend sah er die Stadt von Weitem und freute sich schon auf den geschäftigen Lärm, der diese Stadt immer verbreitete. Er ging den Hügel hinunter, doch je näher er kam, bemerkte er, dass es in der Stadt ganz still war. Dies spitzte seine Neugierde an und er ging schneller durch die Tore der Stadt. In der Stadt war es sehr still und viele Menschen standen auf der Straße, auf den Plätzen mit gesenktem Haupt und sagten einfach nichts. Er ging an ihnen vorbei zum Hauptmarktplatz und dort sah er einen Wagen, der von zwölf Pferden gezogen wurde mit zwei Särgen oben drauf: ein Begräbnis.

     

    Wahrscheinlich eine Mutter und ihr Kind, da der zweite Sarg sehr klein war. Es wunderte ihn jedoch, dass es in der ganzen Stadt so still war und so viele Leute auf der Straße waren. Dabei sahen die Särge ganz ärmlich aus. Die Särge wurden von dem Pferdewagen gehoben und andächtig in die Franziskanerkirche, die auf auf dem Marktplatz stand, getragen. In jenen Zeiten waren die Franziskanerkirchen immer die Kirchen der Armen.

     

    Doch auch, als die Särge in der Kirche waren, blieb es draußen still. Alle blieben andächtig stehen. Der Troubadour, der gewöhnt war, dass auch auf Begräbnissen Feste gefeiert wurden, wagte es nicht, ein Liedchen zu singen oder seine Geige klingen zu lassen. In der Ecke auf dem Marktplatz standen grell und bunt angezogene Frauen: ein Zeichen, dass dies Huren waren. Der Troubadour, der wie Seinesgleichen immer ein liederliches Leben führte, ging zu ihnen hin und sagte: „Hallo Mädels, was ist denn hier los? Ich erkenne Euch gar nicht wieder. Was ist denn das für ein Begräbnis?“

     

    Die Älteste der Huren sah ihn erstaunt an und sagte: „Sei still, hier wird unsere Prinzessin begraben.“ Sie hatte vor langen Jahren die Stadt verlassen. Sie kam zurück, um hier zu sterben. Der Troubadour feixte: „Ah, eine Prinzessin im ärmlichen Sarg. Das ist mir ganz neu. Erzähle mir doch eine andere Geschichte. Ich glaube Dir gar nichts.“ Die Hure antwortete: „Glaube mir, was Du willst, aber sei still. Wir verlieren hier vieles.“ Der Troubadour zog die Schultern und - da er sehr neugierig war - ging er in die Franziskanerkirche und wollte wollte sich das Ganze von Nahem anschauen.

     

    Als er sich durch die stille Menge nach vorne geschoben hatte, an den Platz, wo die beiden Särge aufgebahrt waren, erschrak er, als er in den kleinen Sarg hinein schaute.

     

    Dort lag nicht, wie er dachte, das tote Kind dieser Frau, sondern ein hässlicher Gnom, der ungefähr das gleiche Alter hatte, wie die wunderschöne Frau, die neben ihm im Sarg mit geschlossenen Augen immer noch Schönheit ausstrahlte. Der Gnom war hässlich mit einer dicken Knollennase. Der Troubadour schaute verzweifelt um sich, aber es schien so, als fänden dies alle normal. Offensichtlich gedachten alle Menschen in der Kirche den beiden gemeinsam.

     

    Der Troubadour spürte eine große Angst und er dachte: „Besser, ich haue ab. Hier geschehen komische Dinge. Die gehören nicht in meine Welt. Am besten gehe ich ins Wirtshaus und saufe mir die Hucke voll.“

     

    Diese Lösung nahm er sich immer vor, sobald er an seine eigenen Grenzen stieß oder sobald er irgendwie das Gefühl hatte, dass er nicht versteht, was passiert. Er schlich also durch diese stille, würdige Menge von Menschen aus der Kirche hinaus.

     

    Die Stadt war immer noch still und alle Menschen standen ruhig da. Es sprach ihn ein Mann, der am Portal saß, an: „Troubadour, warum flüchtest Du?“ Der Troubadour schaute erstaunt und antwortete: „Woher weißt Du, dass ich flüchte?“ „Ach“, sagte der Mann „ich weiß es halt“. „Weißt Du“, sagt der Troubadour, „hier geschieht etwas, was nicht aus meiner Welt ist. Das ist mir nicht geheuer.“ Der Mann schaute ihn mit glitzernden Augen an und sagte zu ihm: „Das glaube ich Dir Troubadour, aber anstatt jetzt saufen zu gehen, gehe doch zurück in die Kirche, stelle Dich vor unsere Prinzessin und ihren Gnom und lasse dich auf das, was passiert, ein.“ Der Troubadour schaute sehr kritisch und er wusste nicht, ob er dem Alten folgen soll. Der alte Mann schaute ihm noch einmal in die Augen. Ohne auf seine Entscheidung zu warten, entschied dem Troubadour sein Körper zurück in die Kirche zu gehen.

     

    Als er wieder vor beiden Särgen stand, wusste er gar nicht, wie das geht, „sich einlassen“. Also stellte er sich bequem hin und schaute auf diese sogenannte Prinzessin, die gar keine feine Kleidung trug in ihrem Sarg und diese komische Kreatur. Er sah die Hässlichkeit des Gnoms und die Schönheit der Prinzessin. So gingen seine Augen hin und her und irgendwann, nachdem er eine Weile schaute, sah er plötzlich im Chor Bilder, die sich peu à peu zusammenbinden ließen …

     

    Es war wie ein Tagtraum, aber viel realer.

     

     

    Das Königspaar und ihre Tochter

     

    Viele Jahre zurück …

     

    Der Königshof in der gleichen Stadt gab durch seinen Marktschreier bekannt, dass der Königin eine Tochter geboren sei.

     

    Der Marktschreier befahl auch, dass heute, sowohl am Hofe wie auch in der Bevölkerung, ein Fest zur Geburt dieser Tochter zu feiern sei. Ebenfalls fügte der Marktschreier hinzu, dass diejenigen, die an diesem Fest nicht teilnehmen, streng bestraft werden. Dies wurde gleichzeitig im ganzen Land verkündet.

     

    Die Menschen in dieser Stadt und in diesem Land waren nicht sehr erstaunt, da sie wussten, dass sowohl der König, als auch die Königin schlechte Menschen waren, die vor allem auf ihren eigenen Vorteil und ihren eigenen Reichtum konzentriert waren. Sie wussten, sie werden alle so tun, als ob sie feiern, aber ansonsten ließ die Geburt der Prinzessin sie ziemlich kalt.

     

    Abends am Hofe traten alle wichtigen Barone, Grafen und die wichtigsten Händler der Stadt auf und huldigten den König für seine Tochter. Der König hatte sehr mürrische Laune, da er sich natürlich einen Sohn gewünscht hat. Als ihm alle gehuldigt hatten, ergriff er das Wort und sagte: „Ich hätte Lust Euch alle ins Verließ zu stecken, da Ihr alle Heuchler seid. Ihr wisst ganz genau, dass ich mich nicht freue.“ Schlagartig wurde es im Saal still, denn alle hatten Angst vor diesem König, der fast immer das, was er sagte, wahr machte.

     

    Einer der übelsten Pfeffersäcke der Stadt ging zu ihm hin, er bückte sich tief und sprach mit schmieriger Stimme: „Großer König, wir huldigen vor allem Dir. Der Anlass ist ja nur die Geburt Deiner Tochter. Das Fest gilt Dir.“ Viele in dem Saal waren auf die Gunst des Königs angewiesen und alle, die hier vertreten waren, waren auf ihren eigenen Vorteil, auf ihr Geld und auch auf ihre Wichtigkeit fixiert. Neid, Eifersucht, genaueste Beobachtung wer wichtig und weniger wichtig war, herrschten an diesem Hof. Es war nicht schön auf diesem Hofe.

     

     

    Die Erziehung

     

    In den ersten Jahren wurde die Tochter in einem Nebengebäude der Burg von einer Zofe erzogen.

     

    Die Zofe stammte aus dem einfachen Volk und war eine herzliche Frau. Sie freute sich über das neue Töchterchen, das sie wie die eigene Tochter liebte und großzog.

     

    Sie lehrte sie die wahre Menschenliebe und die sieben Tugenden der Christenheit. Das kleine Mädchen, das zu allen sehr freundlich war, die ihr begegneten, wuchs zu einer gesunden kleinen Prinzessin heran.

     

    Mit der Zofe ging sie täglich in die ärmeren Viertel der Stadt und verteilte die Reste der königlichen Küche.

     

    Am Anfang hatten die Menschen große Angst vor ihr, da sie Anderes von der Königin und vom König gewohnt waren, jedoch hatten sie in der Zwischenzeit Vertrauen. Sie empfingen gerne aus der kleinen Hand die Reste aus der Küche.

     

    Vier Jahre, bevor die Prinzessin erwachsen wurde - erwachsen wurde man als Prinzessin mit dem 12. Lebensjahr - endete jedoch diese ihre Welt jäh.

     

    An dem Tag kam die Königin und der König gemeinsam mit einem alten, weißbärtigen Mann, der grimmig aussah, in das Nebengebäude. „Tochter“, sagte der König mürrisch, „ab heute bekommst Du die richtige Erziehung für eine zukünftige Prinzessin.“ Die kleine Prinzessin freute sich, da sie dachte, dass es jetzt noch besser werden würde, da sie mittlerweile ihre Zofe liebte.

     

    Sie war jedoch sehr erstaunt, als die Zofe anfing zu weinen und das Gesicht in ihrer Schürze vergrub. Die Königin rief barsch: „Zofe, fort von hier; gehe zurück, wo Du hin gehörst.“ Die Zofe schaute die Prinzessin sehr traurig an, die gar nicht verstand, was passierte. Die Zofe durfte sich nicht einmal verabschieden und wurde fortgejagt. Die Prinzessin hat sie von da an nie mehr gesehen.

     

    Der König sprach weiter: „Ab jetzt bekommst Du einen richtigen Erzieher an die Seite und Du ziehst in deine Gemächer um. Diese sind speziell für Dich eingerichtet.“ Die Königin schrie noch nach: „Nur, damit Du weißt, wir sind sehr unzufrieden mit Dir: Du bist viel zu gut für eine zukünftige Prinzessin.“

     

    Das Königspaar verschwand und sie blieb allein mit dem grauen, strengen Mann, der als Erstes eine Rute hervorzog und sie windelweich schlug. Das Mädchen - unsere kleine Prinzessin - schrie und verstand gar nicht, was ihr passierte. Der Erzieher sagte streng: „Damit Du weißt, was Dich ab jetzt erwartet. Tue alles, was ich sage und es wird alles gut. Tust Du nicht, was ich sagte, so wirst Du strengstens bestraft.“ Er befahl ihr ihm in die zukünftigen Gemächer der Prinzessin zu folgen.

     

    Die Gemächer waren großzügig und reich. Es gab Empfangsgemächer, eine eigene Küche, das Schlafgemach und ein Treppenhaus, das nach unten führte, wobei dies immer verschlossen blieb.

     

    Der Erzieher hatte seinen Worten Gehalt gegeben:

    Der Tagesablauf der Prinzessin war ab jetzt streng geregelt und jeden Morgen gab es vom Erzieher eine Tracht Prügel, die das kleine Mädchen am Anfang gar nicht verstand und am Ende einfach nur hinnahm.

     

    Der Lehrer lernte sie, dass die Formen das Wichtigste sind, dass das Erscheinen vor der Bevölkerung für diese angsterregend sein muss, dass eine echte Prinzessin grausam sein muss, dass sie viele Leute um sich herum bestrafen musste, wenn sie sich Respekt und Autorität verschaffen will.

     

    Die Prinzessin wurde oft bestraft, so dass sie sich bei diesem Lehrer sehr schnell gehorsam fügte und ein sehr grausames Leben lebte.

     

    Eins war diesem Lehrer besonders wichtig. Als sie eines Tages fragte, warum denn die Tür zum Treppenhaus immer verschlossen war, hat er sie - ohne zu antworten - sofort verprügelt. Er sagte: „Sprich mich nie mehr darauf an. Ich verbiete Dir das.“ Der Prinzessin war klar, dass sie ab sofort nicht mehr tun würde.

     

    Die Prinzessin vergaß die Zofe und ihre damalige Glückseligkeit.

     

    Wenn jetzt die Diener in ihre Gemächer kamen, machte sie es so, wie der Erzieher: Sie schlug ihre Dienstmägde oft, befahl, dass sie Peitschenhiebe bekamen und eines Tages hatte sie eine gute Idee. Nachdem eine Zofe sehr langsam ihr Bett gemacht hat, ließ sie den Erzieher kommen und sagte: „Erzieher, ich möchte die Zofe heute öffentlich auf dem Marktplatz auspeitschen lassen.“ Der Erzieher, dessen Augen böse zufrieden funkelten, beglückwünschte die Prinzessin und hat dies sofort organisiert. Und so gab es auf dem großen Marktplatz neben der Franziskanerkirche die private öffentliche Auspeitschung der Prinzessin.

     

    Die Prinzessin sagte mit lauter Stimme: „Passt auf, Ihr niederes Volk, damit es Euch eine Lehre ist. Diese Zofe hat den Dienst an mir schlecht gemacht und sie wird als Beispiel vor Euch ausgepeitscht. Ich warne Euch alle, es wird Euch allen so passieren, wenn Ihr nicht meinen Befehlen gehorcht.“ Durch die Bevölkerung ging ein Raunen und die arme Zofe wurde ausgepeitscht.

     

    Die ganz Armen, die die Prinzessin noch als sehr großzügig kannten, waren erstarrt.

    Nach der öffentlichen Auspeitschung ging die Prinzessin zurück in die Burg und die Königin und der König erwarteten sie, lächelten zufrieden und sagten: „Prinzessin, jetzt hast Du einen großen Schritt getan und wir sind sehr froh. Du bist eine würdige Erbin.“ Die Prinzessin war sehr froh und nahm sich vor, dass sie ab jetzt immer grausamer wird. Je älter sie wurde, dachte sie sich für die Mägde und Zofen und die ganze Umgebung immer neue Grausamkeiten aus und die Königin und der König waren sehr zufrieden. Der Erzieher musste sie kaum noch verprügeln: Die Prinzessin nahm an der Quälerei anderer immer größeren Spaß. Nur eins änderte nicht: die Tür zum Treppenhaus blieb versperrt.

     

    Manchmal jedoch, an Abenden, an denen die Prinzessin ganz alleine war, spürte sie, dass Erinnerungen an die schöne Kindheit blieben. Die liebe Zofe, die lieben Menschen, die zwar arm waren, die ganze Erziehung, die sie damals erhielt, fehlten ihr.

     

    Sie schämte sich sehr darüber, dass ihr das fehlte und wenn es ihr an einsamen Abenden passierte, dass sie sich in diesen Gedanken flüchtete, so hatte sie von ihrem Erzieher gelernt, dass sie sich selbst zu bestrafen hat und schlug sich kräftig mit einer kleinen Peitsche selbst so lange auf sich ein bis diese Gedanken nachgelassen hatte. Dann war es wieder gut.

     

    Aber irgendwie ahnte sie bereits, dass sie diese Gedanken nie los werden würde …

     

    Der Besuch, der Fluch und der Gnom

     

    So vergingen die Jahre. Die Prinzessin war mittlerweile zu einer sehr hübschen Frau geworden, die jeden Tag ihre Schönheit pflegte.

     

    Sie hatte ja gelernt auf Formen zu achten und so war der Tag gefüllt mit der Pflege an ihrem schönen Körper, damit sie gut, ehrfürchtig und beeindruckend aussah. Als die Prinzessin sich eines abends vom Hofe in ihre Gemächer zurückzog, merkte sie, als sie in ihre Gemächer kam, dass irgend etwas anders war. Ihre Augen sahen es sofort: die Tür zum Treppenhaus war offen. Sie schaute umher und da stand eine weibliche Gestalt, die an ihrer Hand einen ekelhaften, kleinen Gnom mit dicker Knollennase und großen Glubschaugen hatte. Irgendwie erinnerte sie dieser Gnom an einen großen Frosch.

     

    Die weibliche Erscheinung sprach: „Prinzessin, ich bin heute zu Dir gekommen, um Dich zu verfluchen. Du hast das Erbe dieses grausamen Königspaares angetreten, obwohl Du eine gute Erziehung durch Deine Zofe hattest.“ Die Prinzessin sagte streng: „Was machst Du hier? Ich lasse Dich auspeitschen, umbringen, gehe raus, sofort! Du hast hier nichts verloren!“

     

    Die weibliche Gestalt ging auf den Befehl der Prinzessin gar nicht ein, sondern redete weiter: „Ich werde Dich heute verfluchen und Dir diesen Gnom als Zeichen meines Fluches auf ewig an Dich binden. Er soll Dir eine Erinnerung sein an Deine eigene Grausamkeit. Ich habe ihn hässlich für Dich ausgewählt. Du, die nur durch nach Formen, Schönheit und anderen Äußerlichkeiten geht, so dass Du richtig bestraft wirst. Dieser Gnom wird Dich nicht mehr verlassen. Er wird Einfluss auf Dich haben, so dass Du Dich immer daran erinnerst, dass auch Du nur ein Mensch bist. Du, die immer alle anderen wegen ihrer Hässlichkeit ausgelacht hast, ich binde ihn Dir ans Bein und verfluche Dich hiermit.“

     

    In einer Sprache, die die Prinzessin nicht kannte, sprach sie ihre Magie und den Fluch.

     

    Sie übergab ihr einen Schlüssel und sagte zu ihr: „Ab jetzt hast Du den Schlüssel für Dein Schicksal in der Hand. Du hast ab jetzt alleine Verantwortung.“

     

    Sofort nach dem Fluch spürte die Prinzessin, dass sie mit dem Gnom verbunden war. Sie fühlte, was er dachte und umgekehrt. Sie schaute diesen ekelhaften Gnom an. Sie war verzweifelt. Was soll sie mit ihm machen? Den kann sie am Hof nicht zeigen. Sie spürte genau, dass sie ihn auch nicht umbringen lassen konnte. Denn wenn sie den umbringt, dann stirbt sie selber. Wahrlich, diese Gestalt hatte ihr einen echten Fluch verpasst.

     

    Die weibliche Gestalt verschwand, ohne, dass die Prinzessin es bemerkte und sie war mit dem Gnom alleine. Der Gnom schaute sie freundlich an und sie schrie: „Schau mich nicht so freundlich an, Du bist die Ursache meiner großen Sorgen. Du bist der Ekelhafte. Wegen Dir bin ich auf ewig verflucht.“ Irgendwie wusste sie instinktiv was sie mit dem Gnom machen musste. Sie nahm ihn grob an der Hand, zerrte ihn ins Treppenhaus und lief mit ihm die Treppe hinunter. Unten fand sie ein Verlies. Die Ketten warteten auf den Gnom und sie wusste, dass sie ihn anketten musste.

     

    Gesagt, getan und der Gnom sagte: „Falls Du mich hier einsperrst, werde ich Dich grausamer machen als je zuvor. Du wirst mich noch draußen spüren. Wenn ich tobe wirst Du toben müssen. Überlege es Dir gut.“ Die Prinzessin lief schreiend das Treppenhaus hoch, schlug die Tür zu. Sie prüfte, ob der Schlüssel passte und als dies der Fall war, sperrte sie die Tür zu. Sie schwor sich, dass niemand etwas über den Gnom wissen durfte. Weder der König, noch die Königin, noch Erzieher, noch sonst irgend jemand und zur Sicherheit fädelte sie den Schlüssel in eine Halskette und ab dann trug sie den Schlüssel immer bei sich.

     

    Als sie am anderen Tag am Hofe war, bemerkte ihr Erzieher sofort den Schlüssel an der Halskette. Er hob die Augenbrauen. Dies bemerkte die Prinzessin. Der Erzieher ging zum König und flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist so weit, Herr.“ Der König schaute die Königin an und die Königin nickte wissend. Der König stand auf, ging zu seiner Tochter und nahm sie am Arm und dirigierte sie zum Fenster. Er versicherte sich noch einmal, dass niemand sie hörte und sagte: „Prinzessin, es darf niemand wissen! Hörst Du, meine Tochter, niemand. Verstecke es gut, rede nicht darüber und vor allem lasse es nie mehr aus dem Verlies.“ Er blickte auf den Schlüssel und dann seiner Tochter in die Augen. Dann ließ er sie stehen. Die Prinzessin wusste, dass sie intuitiv richtig gehandelt hatte und entschied, dass sie den Gnom nie mehr raus ließ.

     

    Knapp hatte sie das entschieden, spürte sie, dass der Gnom in seinem Verlies tobte. Es machte ihr Schmerzen und grausame Gedanken.

     

    So drehte sie sich um, schaute in die Menge und sah den erwachsenen Sohn eines wichtigen Barons. Sie schrie - obwohl der Sohn ihr noch nie nahe gekommen war -: „König, dieser grobe Mensch hat mir unzüchtige Angebote gemacht. Er gehört bestraft.“ Der König drehte sich um und sagte: „Meine Tochter, Dein Wille geschehe.“ Sofort wurde der Sohn des Barons gepackt, raus geschleppt und noch im Burghof ausgepeitscht und anschließend ins Burgverlies geschleppt.

     

    Die Prinzessin merkte, dass der Schmerz nachließ und es ihr gut tat.

     

    Die Prinzessin und der Gnom

     

    Ab diesem Zeitpunkt hatte die Prinzessin kein glückliches Leben. Sie wurde einerseits noch grausamer, als sie eh schon war und andererseits führte sie ein geheimes Leben mit diesem komischen Gnom.

     

    Jeden Abend, wenn sie vom Hofe kam - sie wusste eigentlich gar nicht warum - ging sie zum Gnom, der auf sie schimpfte, wie grausam sie gewesen oder wie blöd sie gewesen sei. Er machte ihr bittere Vorwürfe, dass wieder er nur im Kerker saß und dass er ihr weiterhin Schmerzen und Grausamkeiten schicken wird, wenn sie ihn nicht mitnimmt. So ging dies jede Nacht.

     

    Am Tag erfand die Prinzessin immer neue Grausamkeiten.

     

    Zum Beispiel folgende:

    Wie es auch damals schon guter Brauch war, gab es am Tage der Drei Heiligen Könige einen Kuchen in dem eine Bohne versteckt war.

     

    Derjenige, der die Bohne bekam, war für diesen Tag König. Es war eigentlich ein harmloser Brauch, den alle gerne taten, sofern sie reich genug waren, sich einen Kuchen zu backen bzw. beim Bäcker zu erstehen. Die Prinzessin hat diesen Brauch nun etwas geändert.

     

    Sie zwang den ganzen Hof am Drei-Königs-Tag einzukehren und in der Mitte stand ein riesiger Drei-Königs-Kuchen. Alle wurden gezwungen ein Stück zu essen, außer der König, die Königin und sie selbst. Derjenige, der die Bohne in seinem Kuchen fand, der wurde nicht König des Tages, sondern Bestrafter des Tages. Die Bohne war natürlich so groß und mit Stacheln ausgestattet, dass man sie nicht schlucken konnte. Er wurde im Saale in einen Metallkäfig gesteckt und über die Tafel hochgezogen.

     

    Alle, diese üblen Gesellen vom Hofe, die froh waren, dass sie nicht dran waren, johlten vor Freude und warfen mit Essensresten nach dem Bestraften. Dann wurde der Metallkäfig zum Marktplatz geschleppt und der Bestrafte wurde dort unter der johlenden Menge öffentlich gefoltert. Die Menge johlte mit, da es meistens einer dieser grausamen Barone war, die dem Volk nichts Gutes zukommen ließen.

     

    So erfreute dieser Brauch beim Volk sich durchaus einer gewissen Popularität. Was mit dem Geschundenen geschah wusste nie jemand. Zumindest war eins klar: Er wurde nie mehr gesehen.

     

    An allen hohen Festen erfand die Prinzessin so neue Grausamkeiten: an Ostern, an Pfingsten, dem heiligen Johannisfest und sogar auch an Weihnachten. Sie war im ganzen Land bekannt dafür. Wie diese Grausamkeiten abgingen soll hier nicht erwähnt werden.

     

    Jeden Abend jedoch ging sie zu dem Gnom. Sie haderte, dass er existierte und umgekehrt beschimpfte er sie, dass er gefangen war. So wuchsen sie in diesen langen Abenden zusammen. An einem dieser Abende, die Prinzessin war noch nicht beim Gnom, erinnerte sie sich an ihre Zofe und ihr kamen wieder diese Gedanken. Sie ging sofort an ihren Schrank und wollte ihre kleine Peitsche holen. Sie entschied sich anders und ging zum Gnom.

     

    Sie sagte zu ihm: „Sag mal Gnom,“ und dachte an die Tugend der Liebe, „müssen wir uns eigentlich immer streiten, denn ein gutes Leben führen wir nicht?“ Der Gnom erschrak, kneifte die Augen zusammen und sagte: „Sag mal Prinzessin, das sind ja ganz neue Töne. Willst Du mich hier verführen? Ich traue Dir nicht.“ Die Prinzessin sagte: „Nein, Gnom, ich bin nur unglücklich und ich kann mich dunkel erinnern, wie glücklich ich war, als ich ein kleines Kind war. Ich war mit den Menschen nett und die Menschen mit mir. Und ich dachte, vielleicht könnten wir beide einmal anfangen wieder nett zu werden.“ Der Gnom sagte: „Aber Du hältst mich doch im Verlies. Das ist doch nicht nett. Du findest mich hässlich, das ist doch nicht nett.“ Die Prinzessin sagte: „Ich meinte nur so. Vielleicht ist es ja auch keine Lösung.“ Der Gnom schaute sie böse an und sagte: „Doch, Prinzessin, das ist die Lösung, aber ich traue Dir nicht.“

     

    So wurde der Dialog mit dem Gnom anders. Eines Abends sagte der Gnom: „Prinzessin, Du bleibst irgendwie hartnäckig. Ich will Dir heute etwas verraten. Ich bin das alles, was damals der böse Erzieher und der König und die Königin aus Dir alles raus prügelten. Ich bin Deine Hässlichkeit, Deine Grausamkeit, Dein Hass, alles das, mit dem Du die Menschen da draußen so schikanierst. Man brachte mich zu Dir, um Dir das so klar zu zeigen, dass Du auf dem falschen Weg bist. Dabei bin ich eigentlich ein ganz netter Kerl.“ Er lächelte, so gut er konnte, und er konnte es nicht gut.

     

    Die Prinzessin war skeptisch und fragte: „Du und ein netter Kerl?! Du quälst mich doch jeden Tag mit deinen Schmerzen. Du zwingst mich doch grausam zu sein. Du zwingst mich doch unzufrieden zu sein, weil Du hier existierst.“ Da kamen dem Gnom einige Tränen und er flüsterte: „Nein, Prinzessin, Du irrst Dich. Es ist anders rum. Ich existiere, weil Du so grausam bist. Ich existiere, um Dich daran zu erinnern.“

     

    Die Prinzessin wurde sehr nachdenklich und sagte: „Heißt das, Gnom, dass ich Dich wieder ganz in mich aufnehmen müsste und es dann wieder alles schön wird, so wie ganz am Anfang meines Lebens?“

     

    Der Gnom sagte: „Ich glaube ja, aber dazu brauchst Du viel Mut, sehr viel Mut Prinzessin, weil bedenke einmal, was das bedeuten würde in Deiner Welt da oben. Du und ich verbunden.“ Die Prinzessin schaute ihn mit großen, traurigen Augen an und sagte: „Ja, das stimmt.“ Sie verließ den Gnom und sperrte die Tür zu.

     

    Der Auszug

     

    Es war einmal wieder Drei-Königs-Tag und es herrschte eine gedrückte Stimmung am Hofe, außer der König und die Königin freuten sich. Manche unter den Gästen freuten sich auch, denn sie dachten, das Glück wird ihm schon das richtige Stück Kuchen zuspielen.

     

    Auch die geifernde Menge auf dem Marktplatz wartete, um das Schauspiel nicht zu verpassen.

     

    Der Majerdomus schlug mit seinem Stock drei mal auf den Boden und kündigte an: „Die Prinzessin.“ Es wurde still im Saal, weil niemand auffallen wollte oder gar die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte. Doch als die Prinzessin in den Saal kam war das Entsetzen in den Gesichtern des Königspaares nicht zu übersehen. Auch manchen Baronen und Baroninnen fiel die Kinnlade runter. Alle schauten wie gebannt auf die Prinzessin.

     

    Die Prinzessin hatte an ihrer Seite einen kleinen, hässlichen Gnom an der Hand, der in die Menge lächelte.

     

    Mit unsicheren Schritten trippelten beide nach vorne zu ihrem Platz. Die Prinzessin setzte sich jedoch nicht, sondern sie hob den Gnom auf den Tisch und blieb stehen, so dass beide auf gleicher Augenhöhe waren. Sie lächelten sich beide etwas unsicher an und die Prinzessin ergriff das Wort: „Vater und Mutter, liebe Gäste, das Fest der Drei Heiligen Könige wird für mich heute das Letzte sein. Ich möchte heute Ihnen allen meinen Gnom vorstellen. Er begleitet mich seit Jahren und er sagt selbst, dass er dazu da sei, mich an meine Grausamkeit zu erinnern. Ich habe heute entschieden, Euch meinen Gnom zu zeigen und vorzustellen. Ich weiß, Ihr seid entsetzt.“

     

    Sie drehte sich in Ruhe zum König und zur Königin und ihre Stimme wurde sicherer: „Ihr beide wusstet von ihm und Ihr habt dafür gesorgt, dass ich für ihn das Verlies habe. Und ich naive, grausame Prinzessin fiel darauf rein. Ihr wusstet um diesen Gnom.“ Sie schaute ihren Eltern nun in die Augen. „Ich weiß, mindestens Ihr beide seid auch mit einem solchen Gnom verbunden. Scham auf Euch und Scham auf mich, dass wir all diese Jahre diese Grausamkeiten mitgemacht haben und ich möchte mich bei Euch allen“, - der Gnom schubste sie fest -, „ja, bei Euch allen, sofern Ihr es verdient habt, entschuldigen. Ich verlasse heute diesen Hof und werde nicht mehr wieder kommen. Ich gehe mit meinem Gnom weg. Ich verzichte auf mein Land, auf mein Erbe, zugunsten der Einheit mit meinem Gnom. Ich werde ein Land suchen, wo ich mit diesem leben kann.“ Sie sprach es und ging hinaus auf den Marktplatz zu der wartenden Menge.

     

    Sie stieg auf das Podest wo sonst immer die armen Bohnenfinder gequält wurden, nahm den Gnom auf ihre Schultern und stellte auch hier ihren Gnom vor. Eine entsetzliche Stille entstand und sie sagte: „Ich möchte mich bei Euch allen entschuldigen für die Grausamkeiten.“ Sie erzählte auch Ihnen die Geschichte vom Gnom. Sie endete: „Ich werde fort ziehen mit meinem Gnom und verzichte auf die Beherrschung dieses Landes. Ich werde ein anderes so lange suchen in dem ich mit meinem Gnom leben kann, ohne mich schämen zu müssen. Seid mir nicht böse, dass ich gehe, es ist besser für alle.“

     

    Die Menge war still. Manche Frauen weinten und die Männer schauten beschämt zu Boden.

     

    Die Prinzessin lächelte unsicher. Sie weinte ein wenig und schaute ihren Gnom an. Der Gnom hatte auch Tränen in den Augen, denn er wusste, das, was er heute erlebt, hat noch kaum ein Gnom erlebt. Auch er wusste, dass andere seiner Spezies in anderen Verliesen existierten.

     

    Sie gingen beide eines unsicheren Schrittes über den Marktplatz. Die Menge ging zur Seite und machte Ihnen bis zu den Stadttoren Platz. Plötzlich ein Schrei: „Warte, Prinzessin, warte.“

     

    Die Prinzessin drehte sich erstaunt um, denn sie kannte diese Stimme. Ihr mittlerweile sehr alt gewordener Erzieher, lief ihr, so gut er noch konnte, nach und in seinen Armen hatte er einen Gnom, der so alt war wie er. Der Gnom konnte schon nicht mehr gehen, deshalb hatte er ihn auf dem Arm. „Warte Prinzessin, ich gehe mit Dir. Ich suche mit Dir.“ Ein Tor der Burg schlug auf und einer der sie für seine Grausamkeiten berüchtigsten Barone lief heraus, an der Hand hatte er ebenfalls einen Gnom und beide schrieen: „Wir auch, wir auch, wir kommen mit!“ Der Gnom winkte seinen Artgenossen vorsichtig zu, die zurück lächelten. Er hatte noch nie seine Artgenossen gesehen.

     

    So ging die Prinzessin mit ihrem Erzieher und dem Baron und den drei Gnomen zum Tor. Als sie durch das Stadttor gingen hatten sie mindestens 20 oder vielleicht 50 mal dieses „Warte auf mich!“ gehört und sie wussten, sie waren schon viele, die mit ihrem Gnom aus dieser Stadt auszogen. Sie drehten sich nicht um, sondern gingen einfach weiter.

     

    Von Weitem hörten sie plötzlich eine Stimme von der Stadtmauer schreien. Es war die des Königs. „Verflucht seid ihr alle, verflucht, ihr Verräter, ihr Blöden, die die wichtigsten Formen aufgebt. Hinaus mit euch, ich verbanne Euch und ich werde euch nie mehr in mein Land zurück lassen.“ Ein Teil der Barone standen um ihn herum und verfluchten diese komische Prozession. Ein Teil der Barone standen um ihn herum und verfluchten diese komische Prozession.

     

    Als diese nicht mehr am Horizont erkennbar war, drehte sich der König um und verkündete laut: „Ich befehle, dass niemand über das, was er hier erlebt hat spricht, noch sich daran erinnert. Die Königin und ich, wir hatten nie eine Tochter und alles andere ist auch nicht passiert. Wer dies nicht einhält, wird grausam bestraft werden.“

     

    In der ersten Nacht nach diesen Geschehnissen konnte man an den kleinen Stadttoren mehrere Schatten sehen, die eine kleinere Gestalt an der Hand hatten, die in der Dunkelheit aussahen wie Kinder. Man sah sie durch die kleineren Stadttore flüchten, so dass manche Häuser leer wurden, manchen Familien am anderen Tag Mitglieder fehlten.

     

    Der König hatte am nächsten Morgen überall Wachen aufgestellt, um strengstens sein Erinnerungs- und Sprachgebot zu überwachen.

     

    Nur Nachts beim Kerzenschein flüsterten manchmal die Mutigsten unter den Verbliebenen - und sie waren nicht mutig - von dieser mutigen Prinzessin.

     

    Sie nannten sie ab diesem Tage die Prinzessin ohne Land.

     

    Das Land der Prinzessin ohne Land

     

    Der Troubadour kam langsam von diesen Bildern weg und er sah die tote Prinzessin und den Gnom im Sarg liegen.

     

    Seine Gesichtsmuskulatur gehorchte ihm nicht mehr und mancher Backenmuskel zuckte einfach. Er flüsterte: „Die Prinzessin ohne Land.“ Er fuhr sich mit seiner Hand über sein Gesicht, damit diese Zuckungen aufhörten.

     

    Seine Lust auf Dirnen und Saufen war auf der Strecke geblieben.

     

    Er blieb noch eine Weile in Stille da stehen. Als er aus der Kirche kam saß der Mann, der ihn angesprochen hatte, immer noch am gleichen Platz. Der Troubadour schaute ihn an, aber wusste keine Worte. Er wusste sicherlich zum ersten Mal in seinem Leben nicht, was er sagen wollte.

     

    Der Mann lächelte ihm zu und sagte: „Oh, ich sehe, Du hast Dich darauf eingelassen und bist Du jetzt ein Wissender?“

     

    Der Troubadour legte seine Stirn in Falten und sagte: „Ich, ein Wissender? Ich weiß nicht.“ und beide sahen sich eine Weile an.

     

    Plötzlich fragte der Troubadour: „Weißt Du wo das Land ist?“ Der Mann hob einen Augenbrauen und sagte: „Meinst Du das Land der Prinzessin?“ „Ja, ja“ sagte der Troubadour. Ich möchte dort hin gehen.

     

    „Sage mir doch wo es ist.“

     

    Der Mann sagte: „Das ist ganz einfach und es ist gar nicht weit weg.“ Der Troubadour hörte die Worte, legte seine Stirn abermals in Falten und dachte nach. Er sagte dann noch einmal: „Ich weiß nicht, wo es ist. Sage mir doch bitte, wo es ist.“ Und als er das sagte und den Mann dabei anschauen wollte sah er nur die leere Bank am Portal. Der Mann war verschwunden.

     

    Am anderen Morgen, als der Küster der Franziskanerkirche innerhalb und außerhalb seiner Kirche nach dem Rechten schaute, fand er am Portal eine Geige, Flöten und daneben liegend einen Sack mit Spielerkarten, Jonglierbällen und noch einige Geldmünzen. Er schüttelte den Kopf und dachte: „Diese Troubadoure, sie saufen alle so viel, dass sie sogar ihr Handwerkszeug liegen lassen.“ Er nahm die Instrumente und den Sack, legte sie in seine Sakristei, da er dachte, dass der Troubadour irgendwann nüchtern wird und nach seinem Zeug sucht. Das Geld steckte er ein.

     

    Er wartete jedoch lange. Der Troubadour kam nie mehr sein Zeug holen.

     

    Menschen aus den umliegenden Dörfern berichteten jedoch, dass sie einen Mann mit einer kleinen Gestalt gesehen hatten. Sie berichteten alle, dass sich dieser Mann ganz intensiv mit dieser kleinen Gestalt unterhielt. Ebenfalls berichteten sie, dass beide weinten.

     

    Nur die Mutigsten unter ihnen flüsterten: „Sie sind auf dem Weg in das Land der Prinzessin ohne Land.“ Stehe ihnen Gott bei.

     

    jd







  • 2011: Von der Sehnsucht …und der Suche nach Gott oder auch: Der große Irrtum.

    Oxford in England

     

    Die kleine, mittelalterliche Stadt lag, wie fast immer, unter leichtem Nebel. Die Universität, die dieses Städtchen berühmt gemacht hatte mit ihren einzelnen Colleges hatte schon seit drei Wochen wieder den Lehrbetrieb aufgenommen.

     

    Ende der siebziger Jahre, die Abschlussfeier.

     

    Die ganzen Jahrgänge feierten ihren universitären Abschluss.

    Da die Universität in Oxford eine sehr kleine war, feierten alle zusammen.

    Die Stimmung war, wie immer an diesen Abschlussfeiern: Vorsichtig gelassen, da die britische Lebensart trotz vieler, ausländischer Studenten hier Pflicht war.

    Der Rektor hatte gerade die Abschlusswörter gesprochen und nun standen alle auf dem berühmten Rasen zusammen. Lehrer, Studenten, die stolzen Eltern, von denen zumindest der weibliche Teil noch rötliche Augen hatte, während der männliche Teil durch stolz geschwellte Brust die Tränen unterdrückte. Eben: Britische Verpflichtung.

    Auf einem der Hügel, nahe dem Theologischen College, standen drei etwas abseits.

    Es war schon manchen Studentinnen und Studenten aufgefallen, jedoch nicht so wichtig, da sich diese drei schon während des gesamten Studiums immer etwas isoliert hatten. Raschni aus Indien, George F. aus Washington D.C. und Paol ein Franzose – nicht wie man erwarten würde aus Paris – sondern aus diesen schlichten, nördlichen Landstrichen Frankreichs, die eigentlich immer Englisch waren, der Normandie. Paol hatte sich immer sehr wohl gefühlt in Oxford, da er sich nicht auf ein anderes Klima einstellen musste, wenn er mal nach Hause fuhr. George F. studiert Wirtschaft, Raschni Business Informatik und Paol - ja Paul - studierte tatsächlich Theologie.

    Während andere Studentinnen und Studenten sich amüsierten, sah man die drei während des ganzen Studiums lange Spaziergänge in den parkähnlichen Wäldern, die Oxford umgaben, machen.

    Was diese drei bei diesen langen Spaziergängen machten, wusste niemand so recht und eigentlich interessierte sich auch niemand dafür.

    In ihren Studiengängen waren sie selber gute Freunde und Kollegen. Nur diese ausgedehnten Spaziergänge machte sie dann irgendwie anders.

    Geroge F. hatte gerade einen brillanten Abschluss hingelegt und oben auf dem Hügel hatte er seine Urkunde in der Hand.

    Raschni hatte sie unter ihren Arm geklemmt. Sie konnte ebenfalls, mit diesem brillanten Ergebnis, in ihrer Heimat eine große Karriere machen.

    Paol hatte zwar auch den Abschluss geschafft, er war jedoch eher dann vorne, wenn hinten vorne war.

     

    Er hatte seine Urkunde schon in seine Tasche gelegt als er auf seinem Zimmer war. Ihm war dies eh alles nicht so wichtig. Jetzt standen diese drei auf dem Hügel und schauten sich etwas betröbbelt an. Was wird nun aus unserer Suche fragte George F. Raschni schaute Paol an, der schaute fragend zurück. Auf diesen ausgedehnten Spaziergängen hatten sich alle drei in den letzten Jahre immer nur über ein Thema unterhalten: Sie wollten eine Möglichkeit herausfinden, Gott zu sehen, Gott zu begegnen.

    Sie hatten stundenlang zuerst theologisiert, dann philosophiert, dann hatten sie in der Bibliothek von Oxford, die bis ins frühe Mittelalter zurück ging, studiert. Hatten über diese und jene Methode Gott zu zwingen sich zu zeigen diskutiert und waren bisher jedoch nicht auf einen grünen Nenner gekommen.

    Was machen wir nun fragte George F. noch einmal. Was wird nun aus unserer Suche nach Gott.

     

    Es blieb wohl eine Frage ohne Antwort, denn man sah sie drei Tage später, jeweils einzeln, Oxford verlassen und alle drei gingen zurück in ihre Heimat. Sie verloren sich aus den Augen.

     

    15 Jahre später.

     

    Er winkte dem Postboten nach, der in seinem klapprigen R 4 (für die jüngeren unter uns ein Kult-Auto aus den siebziger Jahren), den Berg hinunter fuhr und eine Staubwolke hinter sich her zog.

    Paol. 15 Jahre später. Unrasiert, auf einer Hochwiese in der Cröüsä in einem alten Hof. Er sah sehr viel älter aus 15 Jahre später. Er schaute sich die Post an.

    Hier kam der Briefträger einmal in der Woche, so dass es jedes Mal ein Stück Kontakt zur Außenwelt war. Er ging gemütlich ins Haus, wo seine Frau auf ihn wartete. Genau genommen war es nicht seine Frau, sondern seine Freundin, aber dies klang so jung. Sie hatten sich vor drei Jahren zusammen getan, um hier oben in Ruhe zu leben und um das zu tun, was man hier tun kann: Eine Schafherde beaufsichtigen.

    Natürlich gehörte ihnen die Schaftherde nicht. Er wollte sich gerade mit der Post hinsetzen, doch er blieb stehen und stierte auf einen Briefumschlag. Was ist, fragte seine Frau und er blickte sie an und sagte: Post, aus einer ganz anderen Vergangenheit. Seine Frau schaute ihn kritisch an, da sie eigentlich von seiner Vergangenheit nichts wusste und auch nichts wissen wollte. Sie hatten sich zusammen getan und hatten beide jeweils auf der ihrigen Seite vieles erlebt, was vielleicht besser unerwähnt blieb.

    Er setzte sich, legte die andere Post weg und hielt den Briefumschlag mit beiden Händen. Seine Frau sah einen Poststempel aus Oxford, was ihr aber nichts sagte.

    Paol hielt ihn einige Zeit in der Hand und legte ihn dann weg. Das Leben war hier ohne viele Worte und das war auch gut so.

    Es wurde Abend und ganz entgegen seinen Gepflogenheiten sagte Paol: Geh du schon mal ins Bett, ich komme gleich nach.

    Seine Frau zögerte, ging jedoch dann hoch.

    Paol setzte sich an den Küchentisch und nahm den Brief aus Oxford in die Hand. Er atmete schwer durch. Oxford. Ja, er hatte tatsächlich diesen Abschluss in Theologie. Wie lange das alles her ist. Er hatte viele Stationen durchlaufen. Nach der Abreise damals war er tatsächlich Benediktiner-Mönch geworden und suchte weiterhin Gott. Er durchlief mehrere Klöster, wurde sogar kurz Abt und war zuletzt in der stillen Gemeinschaft von Mont-Saint-Michel. Er wusste, hier ist Gott ganz nah und wenn man ihn doch vielleicht irgendwo findet, dann hier. Doch auch dies hat nicht geklappt und Paol trat aus, heiratete und ließ sich dieses Mal in Paris nieder. Nach zwei Jahren und zwei Kindern war die Ehe gescheitert und so war er über mehrere Etappen, die wir hier unerwähnt lassen, da die Erinnerung Paol zu weh getan hätte, hier in der Cröüsä gelandet. Diese wunderbare Frau, die nichts sagte und nichts fragte, war mit ihm hier eingezogen. Er dachte an dies alles und er dachte an Georges Frage: Was wird nun aus unserer Suche nacht Gott. Diese Frage hatte ihm seither nicht mehr losgelassen und alles was er so tat drehte sich um diese Frage. Auch hier oben in der Cröüsä suchte er weiter, nur anders als bisher.

    Was mache ich jetzt mit Oxford. Er dachte an George F. und Raschni und dachte, die haben bestimmt alle Karriere gemacht und ich, was habe ich gemacht, nach Gott gesucht und bin auf diesem gottverdammten Berg gelandet. Er schämte sich und war traurig. Er zerknüllte den ungeöffneten Briefumschlag, wollte ihn gerade in den Papierkorb schmeißen, doch etwas ließ ihn zögern.

    Kurzerhand entknüllte er den Brief, machte den Briefumschlag auf und es war eine Einladung zur 15-jährigen Jubiläumsfeier seines ganzen Jahrgangs.

    Und dann dachte er den Gedanken, von dem er wusste, er hätte ihn nicht denken sollen: Vielleicht haben die ihn gefunden. Er hätte sich verfluchen können, weil er wusste, jetzt wird sich schon wieder alles ändern. Er hatte so viele Abschiede und Abbrüche hinter sich, aber er wusste, es wird noch einer dazu kommen.

    Seine Frau stand morgens auf und sie wusste, was passiert war.

    Im Bad fand sie die Bestätigung: Seine Zahnbürste war weg, sein Rasierer, offensichtlich zum ersten Mal seit langen Jahren, benutzt. Ihre Einsamkeit kroch wieder in ihr hoch und es wurde kalt in ihrem Herzen.

    Sie ging in die Küche hinunter und fand auf dem Oxford-Umschlag seine Wörter: Warte nicht auf mich, es tut mir leid.

     

     

    Oxford

     

    15-jährige Jubiläumsfeier.

     

    Es waren fast alle gekommen. Paol, George F. und Raschni standen mit anderen ihres Jahrgangs rum. Sie hatten sich alle, auch diese drei, gegenseitig höflich begrüßt und sich natürlich ausgetauscht über die letzten 15 Jahre: Nach der 25. Erfolgsstory konnte Paol schon fast nicht mehr zuhören. Wenigstens das ständige Abnehm-Programm der Frauen, die die Mädchen damals begonnen hatten, war gescheitert. Diese waren eindeutig dicker geworden, obwohl natürlich alle als Mutter und im Beruf erfolgreich. Mindestens dieses Scheitern teile ich mit den Damen dachte Paol und fand dann den Gedanken doch ein wenig feindselig. Er hatte irgendwie von George F. und Raschni mitbekommen, wie sie nur sehr kurz über die 15 Jahre redeten. Allerdings so wie erwartet:

    George F. war Universitäts-Professor in Chicago und wurde schon zweimal für den Nobel-Preis vorgeschlagen. Frau, fünf Kinder, gefragter Vortragender. Experte in vielen Banken-Gremien etc. etc.

    Raschni: Inhaber einer großen Software-Entwicklungs-Firma in Indien, dessen Kunde sich eher so wie ein Börsenbericht las.

    Aber wie gesagt, sie redeten auch nur kurz darüber, im Gegensatz zu allen anderen.

    Man hatte für diese Gelegenheit auch den ehemaligen Rektor aus dem Altersheim angekarrt. Der fing gerade in seinem Rollstuhl über diesen hervorragenden Jahrgang an zu reden, da trafen sich in diesem Moment jedoch die sehr gelangweilten Blicke unserer drei Gottes-Sucher.

    Raschni gab den Ausschlag und zeigte mit dem Kinn auf den Hügel, wo sie vor 15 Jahren versuchten Abschied zu nehmen. In den Augen der drei gab es eine nicht zu bändigende Neugierde. Sie isolierten sich sich wie immer auf dem Hügel, doch dies fiel niemandem auf, da dies ja nur eine alte Gewohnheit war.

     

    Raschni eröffnete den Reigen: Habt ihr ihn gefunden. George F. zuckte ein bisschen mit dem Mund und musste zugeben, nein. Da ihn Raschni offensichtlich auch nicht gefunden hatte, lag es nun an Paol. In seinen Augen war ein starker Wille zu sehen und er hörte sich selber sagen: "Nein, aber ich will ihn suchen und ich brauche Euch um ihn zu finden." Sie schauten sich alle drei tief in die Augen und jeder wusste, ihr Leben wird sich nun ändern. Man sah sie kurz darauf durch die Menge der Jubilierenden in Richtung Bibliothek durchdrängen.

    Keiner von den Jubilierenden sah sie am Abend wieder, noch am gemeinsam geplanten Frühstück. Es war ihnen auch nicht wirklich wichtig, da die drei Käuze schon immer eine Ausnahme waren.

    Am anderen Morgen fand allerdings der alte Bibliothekar einen dickeren Briefumschlag in seinem Briefkasten. Er wohnte, wie damals, direkt neben der Bibliothek und offensichtlich hatte ihm der Aufenthalt in der Bibliothek gut getan (im Gegensatz zum Rektor im Rektorat). Er war mit seinen Büchern alt geworden und wie Pergament hatte er sich sehr gut gehalten. Er war immer noch im Dienst und war noch der Bibliothekar von Oxford. Er ging mit dem Umschlag in die Bibliothek in seinen Büroraum, der so aussah, wie man sich ein Bibliotheksraum in Oxford vorstellt. Sehr hoch, gotische Fenster, überall an den Wänden Bücher und in der Mitte eine große, altehrwürdige Arbeitsplatte, auf der man auch Karten und alte Verträge ausbreiten konnte. Er legte den Briefumschlag hin und holte sich erst einmal einen Tee.

    Er mochte unkatalogisierte Briefumschläge eigentlich nicht. Es machte ihn durcheinander. Er entschloss sich, ihn zu öffnen und fand in diesem Briefumschlag ein großes Packpapier oder noch besser, drei große Stück Packpapier und einen Brief. Er lächelte und sagte, gut, dass die Arbeitsplatte so groß ist und breitete die drei großen Packpapiere aus. Auf dem ersten war eine Zeichnung, die irgendwie an Nord- und Südamerika erinnerte und diese war mit manchen Kreuzen gekennzeichnet. In Alaska war eins, in Mexiko zwei, drei Kreuze, in alten nordamerikanischen Jade-Gebieten, in Südamerika, im alten Inka-Gebiet, im Amazonas einige. Mmh dachte der alte Bibliothekar und schaute sich die beiden weiteren an. Auf dem zweiten Packpapier konnte man mit viel Phantasie Asien erkennen und unten rechts Australien. Auch hier gab es Kreuze in der Taiga, in Tibet eine ganze Menge, in Indien, ein paar in Japan und in Australien. Mmh dachte der Bibliothekar und er konnte erahnen, was er auf dem dritten Packpapier sah. Kaum zu erkennen, oder eher zu erraten war Europa und Afrika und wieder mit vielen Kreuzen. Ein wenig neugierig wurde der Bibliothekar jetzt doch und las den Brief.

     

    „Sehr geehrter Herr Bibliothekar, Sie erinnern sich vielleicht an uns.

     

    Wir sind diejenigen, die auch vor 15 Jahren immer ihre Bibliothek belagerten und vor allem alte, mittelalterliche Dokumente von Ihnen gefordert haben.

    Wir lassen Ihnen unsere drei Karten und diesen Brief zukommen, weil wir bei Ihnen wissen, es kommt nichts abhanden. Schon während des Studiums waren wir auf der Suche nach Gott und wollten ihn damals schon irgendwie zwingen, sich uns zu zeigen. Nach 15 Jahren, in denen wir uns aus den Augen verloren hatten, konnten wir nicht loslassen von dieser Suche. Wir haben uns gestern Abend zusammen getan mit folgenden Fragen: Wir werden alle heiligen Orte dieser Welt, jegliche Regionen, aufsuchen und versuchen, dort Gott zu sehen. George F. wird Amerika und Südamerika aufsuchen. Raschni Asien und Australien und Paol Europa und Afrika.

    Wir werden uns ab jetzt einmal im Jahr treffen an einem dieser heiligen Orte um unser Wissen zusammen zu bringen. Wir werden jetzt nicht mehr aufgeben. Wir denken, dass am Ende des Jahres eine gute Zeit dafür ist. Es kann ja nicht falsch sein, Gott vor Weihnachten zu suchen."

     

    Der Bibliothekar musste unwillkürlich lächeln, doch er wurde darauf hin wieder sehr ernst, weil er kannte hunderte von Dokumenten in seiner Bibliothek, in denen Leute so etwas ähnliches versucht haben. Entweder waren sie gescheitert, oder je nach Epoche auch schlicht verbrannt worden als Ketzer. Er las weiter.

    "Da wir wissen, dass bei Ihnen nichts verloren geht, werden wir Ihnen, sobald wir ein Ergebnis haben, schreiben, so dass andere auch Gott finden können bzw. Sie.

    Falls es sehr lange dauern würde, so bitten wir Sie Ihren Nachfolger einzuweihen und auf unseren Brief zu warten. Wir werden ihn zwingen uns zu sehen und sich uns zu zeigen."

    Jetzt wird dem Bibliothekar doch bange, weil Gott zwingen war blasphemisch und führt auch heute noch manchmal, in verschiedenen Ländern, zum Tode.

    Unterschrieben war der Brief mit: Vielen Dank und alles Gute für Sie George F. Raschni, Paol.

     

    Er erinnerte sich an sie. Das waren die drei, die immer spazieren gingen. Er zögerte sehr lange, ob er diese Dokumente in das Bibliotheks-Verzeichnis aufnahm und er gab diesen inneren Kampf kurz vor Feierabend auf, weil er merkte, er schafft es sowieso nicht alles weg zu schmeißen, also archivierte er es. Er hatte aber dabei ein schlechtes Gewissen, weil so ein Dokument war sicherlich die letzten 400 Jahre in Oxford nicht mehr aufgenommen worden.

     

    Le Mont St. Odile im Elsass

     

    Paol saß in dem über 1000 Jahre alten Kloster, das jetzt aber gar kein Kloster mehr war, sondern eine Pilgerstätte mit einem modernen Hotel. Die heilige Odilia war hier begraben. Die Legende sagt, dass sie blind geboren war und an der Quelle, die ca. 2000 Meter unter dem Kloster lag, ihre Sehkraft wieder gefunden hat. Bei seinen Gedanken zuckte Paol bei dem Wort Sehkraft. 15 Jahre lang haben sie jetzt zu dritt Gott gesucht um ihn zu sehen und jetzt saß er hier, heute Abend, in diesem Kloster, an der alten, kalten Mauer, wo niemand weiß, wozu sie diente.

    Es war einer dieser heiligen Orte, die sie in den letzten Jahren auf diesen verschiedenen Kontinenten, die sie vor 15 Jahren aufgeteilt hatten, besucht hatten. In drei Tagen war es wieder soweit, dann kamen George F. und Raschni, dieses mal ins Odilien-Kloster. Letztes Jahr waren sie in Australien und das Jahr vorher haben sie sich in den Rocky Mountains getroffen, auf einem der heiligen Orte der Irokesen.

    George F., Raschni und er selber waren mittlerweile im wahrsten Sinne des Wortes mit allen Wassern gewaschen. Voodoo, katholische Selbstkasteiung, alte Inka-Rituale,  tibetanische, buddhistische Meditation. Auch die ganze europäische Quacksalber-Esoterik. Sie hatten so viel versucht und Paol hatte manchmal das Gefühl, dass einer von ihnen kurz davor war. Ein bisschen zweifelte er, ob ihnen das alles gut getan hatte. Er dachte an seine Frau, die er in der Cröüsä zurück gelassen hat, na ja, eigentlich verlassen hat. Wartete sie noch?

    Er hatte wenigstens kein Vermögen verloren, weil er keines hatte. Geroge F. war es anders gegangen. Nachdem man ihn in der langen Zeit in seiner Universität nicht mehr sah, hat man ihm dann doch seinen Lehrstuhl weggenommen und mit dem Lehrstuhl ging auch die Frau. Er hatte alles verloren, war jedoch leidenschaftlich besessen von dieser Idee Gott zu sehen. Raschni hatte es besser. Er hatte sein Unternehmen verkauft. Auch er hatte seine Kontinente durchforstet. Sie hatten sich jeweils einmal im Jahr ausgetauscht. Sie waren sicher, sie waren ganz nah dran dieses Jahr. Odilia hatte ihre Sehkraft wieder gefunden.

     

    Unten im Tal gab es eine kleine Kapelle, nach der Legende, wo die heilige Odilia die Kranken jeden Tag besuchte in der Lebroserie.

    Doch Poal wusste mehr. Er hatte nach langen Recherchen in vielen Bibliotheken unter dem Altarstein in dieser Kirche die Kassette von der heiligen Odilia gefunden: Er wusste, dort war der Ort, wo sie ihre Seh-Kraft wieder gefunden hat, nämlich Gott gesehen hat. Er hatte die Technik studiert und er wusste, dass er hier in die Kloster-Kapelle gehen musste. Morgen früh wird es soweit sein. Er hatte sich sehr gut vorbereitet und er war sicher, dieses mal wird es soweit sein. In drei Tagen freute er sich schon auf die anderen. Jetzt war er mal der Erfolgreiche.

    Am anderen Morgen zog er seine beste Kleidung an - so viel war er noch katholisch, dass man vor Gott in der besten Kleidung auftreten sollte - und er marschierte vor die Kapelle. Hinten rechts sah er die alten Kelten-Gräber. In der Kapelle wusste er, dass der Sarg der Heiligen Odilia lag und er fing an, die Formeln, die er in der Kassette gefunden hatte, anzubeten, zunehmend dabei leicht schwindlig und er ging dann in die Kapelle, öffnete die Tür und er wusste, dort beteten seit dem 1. Weltkrieg Tag und Nacht immer wieder kleine Gruppen von Elsässern, die sich abwechselten. Er drückte die Tür auf, immer noch in seinen Formeln, die er gefunden hatte vertieft, merkte jedoch, dass niemand in der Kapelle war. Er weiß noch, er dachte komisch. Knapp war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, hörte er wie sich von allen vier Türen die Schlösser versperrten. Er bekam Angst. Er hatte sich diesen Moment so lange gewünscht, doch jetzt bekam er Angst. In Panik drehte er sich um, griff an die Klinke der Tür, doch er wusste, er würde sie nicht aufbekommen und so war es auch. Die Tür war zugesperrt. Er rüttelte an ihr, er schlug auf sie ein, doch alles vergebens. Er atmete tief ein und sagte sich laut: "Du wolltest es so, es hilft Dir nichts." Er drehte sich um und plötzlich befand er sich in einer riesigen, katholischen Kathedrale, die völlig leer geräumt war und ganz hinten im Chor stand eine Gruppe von Menschen in einem Halbkreis, die ihn offensichtlich alle anschauten. Er erschrak leicht, als er eine Stimme hörte die sagte: "Komm Paol, komm mein Paul".

    Er kannte diese Stimme. Es war die seiner Mutter, nur dass sie es nicht sein konnte, da sie schon seit Jahren tod war. In seiner Hilflosigkeit ging er auf die Gruppe dieser Menschen zu. Je näher er kam, entdeckte er, waren da alle Menschen versammelt, die in seinem Leben eine Rolle spielten. Seine Eltern, seine Großeltern mütterlicherseits, die er noch kannte, gute Freunde aus der Grundschule, seine erste Liebe, ein paar Studentinnen aus Oxford, mit denen er gerne eine Affäre gehabt hätte, der Bibliothekar, seine geschiedene Frau und seine zwei Kinder. Wie in Panik suchte er George F. und Raschni. Sind sie auch hier? Doch nein, alle waren da, nur die beiden nicht. Sein Vater sagte zu ihm: "Wir sind hier, um Dich zu Gott zu geleiten." Bei Paol brach jetzt der kalte Schweiß aus. Er erinnerte sich an die vielen Berichte vom Ende des Lebens von vielen Menschen, bei denen ihr gelebtes Leben wie ein Film noch einmal ablief, in dem sie alle wichtigen Menschen noch einmal sahen, ehe sie dann endgültig starben. In seiner Hilflosigkeit rannte er auf die zweite Tür zu und merkte jedoch, dass er in dieser großen, gotischen, Kathedrale sitzt. Wie verzweifelt rannte er zurück in das Hauptschiff, suchte verzweifelt nach Türen. Die Kathedrale hatte keine Tür. Er schrie: "Ich will raus!", doch alle blieben da stehen und machten nichts für ihn. Jetzt war er überzeugt, er wird heute nicht Gott sehen, sondern er wird heute sterben. Er schaute diese Menschen alle an und sagte: "Also gut, wenn Ihr mich eben zum Sterben begleiten wollt, dann bitte tut, was Ihr nicht lassen könnt" und er merkte, dass er sehr feindselig war. "Aber nein, Paul" sagte eine der Studentinnen die wirklich gut aussah. "Paol er wartet auf Dich in der Sakristei. Du hast Dir so Mühe gegeben, hast so viel Weisheit, so viel Wissen und so viel Risiko auf Dich genommen, Gott zu sehen. Er ist heute bereit, dass Du ihn siehst." Paol war verzweifelt, "Gott in der Sakristei sehen", so ein Quatsch. Er hörte sich schreien: "Ihr lügt, Ihr lügt!" Er hörte eine strenge Stimme: "Paol beleidige mich nicht. Du weißt, dass ich nicht lüge." Es war die seiner Mutter und er konnte sich tatsächlich nicht erinnern, dass seine Mutter je gelogen hatte. Er schaute seine Mutter an und sagte: "Musst Du mir das antun vor dem Sterben ein erstes Mal zu lügen." "Schäm Dich, mir so etwas zu sagen", hörte er seine Mutter sagen und wie von Sinnen benahm er sich wie ein kleiner Bube. Er senkte den Kopf und schämte sich tatsächlich leicht.

    Als er den Kopf wieder hob, waren alle verschwunden und er sah auf der Seite die Sakristei-Tür. Er atmete tief durch und verfluchte sich selbst, dass er sein ganzes Leben geopfert hatte, nur um Gott zu sehen und damit eigentlich das ganze Leben verpasst hatte. Als guter Katholik nahm er das Schicksal auf sich und ging auf die Sakristei zu.

    Er hoffte, als er die altehrwürdige Klinke herunter drückte, dass sie nicht aufging. Doch sie ging auf. Er drückte die Tür einen Spalt auf, schlug sie voller Panik sofort wieder zu. Sein Atem war sehr flach, er behielt jedoch die Hand an der Klinke. Er hatte nichts gesehen. Es half nichts, er musste da rein. Gesagt, getan. Er ging in die Sakristei, die dunkel war. Knapp hatte er die Tür hinter sich geschlossen, so erhellte sich die Kapelle wie von Gottes Hand langsam. Und tatsächlich, hinten am Schrank stand jemand. Er kniff die Augen zusammen um besser zu sehen, doch es war noch nicht hell genug. Er nestelte nervös noch einmal an der Krawatte herum, denn er wollte ordentlich vor Gott aussehen.

    Es wurde heller und Gott drehte sich um. Paol setzte sein bestes Lächeln auf, denn er wusste, er würde jetzt Gott sehen, er wird nicht sterben. Er war jetzt voller Vorfreude und ganz ohne Angst. Gott drehte sich um und jetzt sah Paol ihn. Anstatt sein schönstes Lächeln zu zeigen, fiel ihm die Kinnlade runter. Er konnte es nicht glauben. Er sah … sich.

     

     

    Zwei Tage später.

     

    Man erzählte ihm im Hotel, dass er gestern Abend an der Kelten-Mauer schwer unterkühlt - es war ja kurz vor Weihnachten - gefunden wurde. Man hatte das Hotelzimmer kurzerhand als eine Art improvisiertes Krankenbett umgebaut und ein Arzt sagte ihm: "Sie sind wohl auf. Wie ist Ihnen denn das passiert?" Paol schaute ihn an und sagte: "Das kann ich Ihnen nicht sagen, ich weiß es nicht." Er fühlte sich tatsächlich sehr wohl und er schickte kurzerhand alle aus dem Zimmer. Diese waren etwas erbost über den undankbaren Menschen.

    Kaum war er allein, da klopfte es schon wieder an seine Zimmertür und die Rezeptionsdame kam herein. Paol wollte sie schon hinausschmeißen, doch sie meinte, ihre beiden Freunde haben nacheinander angerufen, dass sie einen Tag später kommen. Paol faltete die Stirn zu einer nachdenklichen Mine. "Darf ich Sie noch etwas fragen", sagte sie. Pool sagte: "Ja bitte". "Kommen ihre Freunde gemeinsam? Warum rufen sie dann zweimal an?" "Nein, nein", lächelte Paol, "die kommen aus ganz anderen Kontinenten". "Ach so", gab die Dame vor verstanden zu haben, und jetzt ging sie auch freiwillig und zog die Tür zu. Poal war erst einmal sehr erleichtert. Einen Tag mehr hatte er um zu überlegen, was er den anderen beiden erzählte. Denn das, was er wusste, konnte er unmöglich erzählen. 15 Jahre Arbeit und dieses Ergebnis, das geht nicht. Er war sehr hilflos. Er wird sich durchmogeln müssen. An dem besagten Tag reisten George F. und Raschni an. Er begrüßte sie und es war hinten im Billard-Zimmer ein Tisch für sie reserviert. Poal sah mit Genugtuung, dass auch andere Leute da waren. Er fühlte sich dann besser beschützt. Die Stimmung war anders. George F. und Raschni waren sehr viel stiller als sonst. Paol als Gastgeber stellte dann die traditionelle Frage: "Habt Ihr ihn jetzt gefunden?" Dieses Frage hatte sich in den letzten Jahren traditionell als gute Frage entwickelt und eröffnete diese Abende. Eine etwas peinliche Stille entstand. George F. und Raschni antworteten nicht sofort. Komisch dachte Paol, sie hatten doch all die Jahre, wie ich auch, sofort los gesprudelt. Diese peinliche Stille wurde plötzlich unterbrochen durch eine kleine Mädchenstimme. "Hallo", sagte das Mädchen, "was trinkt Ihr denn?" Alle nahmen die Frage dankbar auf, sichtlich erleichtert, sich auf etwas anderes konzentrieren zu können. George F. und Raschni trauten ihren Augen kaum, als Paol ein Bier und drei Korn bestellte, er, der eigentlich immer nur Rotweintrinker war. Es war Paol so heraus gerutscht und er biss sich jetzt auf die Lippen und hoffte, dass niemand etwas merkte. Völlig baff war er dann, als die beiden sagten, dasselbe. Der Wassertrinker Raschni und der Diät-Coke-Trinker George F. Das Mädchen hüpfte fröhlich davon und Paol war gezwungen die Auftaktsfrage nochmals zu stellen. "Und, habt Ihr ihn gefunden?" Wiederum schlich die peinliche Stille ein und Raschni sagte. "Ach Paol fang Du doch an, auch wenn es unsere Tradition etwas bricht." George F. konnte dem nicht schnell genug zustimmen. Paol wollte gerade sagen, dass Traditionen zu erhalten sind, auch in diesem Kreise, da kam das kleine Mädchen mit den Getränken wieder. Während es die Getränke auf den Tisch stellte fragte das Mädchen: "Und Ihr, was macht Ihr denn hier?" Paol fiel ein Stein vom Herzen. Er hörte sich und auch seine beiden Kollegen sagen: "Wir suchen seit 15 Jahre Gott und wir wollen ihn sehen." Das Mädchen musste längst kichern und sagte: "Was, Ihr wisst nicht wie er aussieht?" Paol bemerkte die peinliche Stille, die entstand, doch er hörte dann das Mädchen sagen: "Ich weiß wie er aussieht." Alle schauten wie gebannt auf das kleine Mädchen und das Mädchen sagte: "Wie ich." George F., Raschni und Paol zuckten zusammen und das Mädchen blieb stehen und schaute ihnen in die Augen und sagte: "Ja ich weiß, dass Ihr ihn gesucht habt. Aber ehrlich: es hat sehr lange gedauert."

     

     

    2 Monate später in Oxford

     

    Der junge Bibliothekar, der gerade damit fertig war sein neues Zuhause einzurichten, das gerade neben der Bibliothek lag, fand in seinem Briefkasten drei Briefe. Er hatte vor ein paar Wochen den alten Bibliothekar, der in seiner Bibliothek gestorben war, beerbt. Er nahm die Briefe und ging in sein Büro in der Bibliothek, von dem die Leser der Geschichte wissen, wie es aussieht. Er legte die Briefe hin und fing mit der Arbeit an. Am Abend bemerkte er, dass er die Briefe ganz vergessen hatte und kurz vor Feierabend nahm der den Brieföffner und machte die Briefe auf. In jedem Brief war ein kleines Begleitschreiben und jeweils ein Passbild von einem älteren Mann. Er las das Begleitschreiben. "Sehr geehrter Herr Bibliothekar! Vor Jahren baten wir Sie ein Dokument und ein Schriftstück für mich aufzubewahren. Ich George F., einer von den dreien, schicke Ihnen heute das Ergebnis meiner Suche. Bitte fügen Sie es zum Dokument hinzu. Ich danke Ihnen." Die anderen beiden Begleitschreiben klangen ähnlich.

     

    Der junge Bibliothekar griff noch einmal in jeden Briefumschlag, denn die Fotos konnte er damit nicht gemeint haben. Er war noch vom alten Bibliothekar auf dem Sterbebett eingeweiht worden über das vor 15 Jahren aufgenommene Dokument. Auf dem Sterbebett hat der Bibliothekar mir dies als Beichte erzählt um sein schlechtes Gewissen vor seinem Tod los zu werden. Der Bibliothekar wusste, dass drei Menschen losgezogen waren, Gott zu suchen. Er schaute sich noch einmal die Portraits an. Er zuckte mit den Schultern, nahm die drei Begleitschreiben und die drei Portraits und heftete sie dem besagten Dokument an. Er verstand nun das schlechte Gewissen des alten Bibliothekars.

     

     

    Cröüsä vor vier Wochen

     

    Als sie runter kamen, rührte Paol gerade seine Kaffee. Er war jünger geworden und sah gut aus. Sie sagte: "Schön, dass Du wieder da bist. Würdest Du nachher nach dem kleinen Schaf schauen, es hinkt?" Paul sagte "ja" und lächelte.

     

    jd







  • 2012: Der gestrenge Stadtschreiber

    „Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.“

    Erasmus von Rotterdam 

     

    Diese Geschichte geschah vor langer, langer Zeit.

     

    Niemand weiß eigentlich, warum Weihnachtsgeschichten immer vor langer Zeit passieren müssen. Auch dieser Weihnachtsgeschichten-Autor erfindet immer nur Geschichten, die vor langer, langer Zeit waren. Dies wird sich nächstes Jahr ändern. Aber eben erst nächstes Jahr.

     

    Die Geschichte hat vor langen, langen Jahren in einer kleinen Stadt am Rhein begonnen: in Schlettstadt.

     

     

    Der Stadtschreiber aus Schlettstadt.

     

    Wir schreiben das Jahr 1517.

     

    In der freien Stadt Schlettstadt (heute Sélestat) hatte der Bürgermeister gerade einen Stadtschreiber eingestellt und er war sehr stolz darauf. Das kleine Städtchen war durch seine Händler reich geworden und mittlerweile hatte es auch einige Gelehrte angezogen.

     

    Beatus Rhenanus - so nannte sich einer der Gelehrten - hatte eine Schule für Latein und Griechisch eröffnet. Für damalige Zeiten war das sehr unüblich, da bisher nur Kirchen Schulen hatten. Der Bürgermeister musste manchmal lachen: Beatus Rhenanus. Eigentlich war es der Beat, so nannten ihn damals alle. Aber auch Marketing spielte zu dieser Zeit bereits eine wichtige Rolle: Beatus Rhenanus klang gut, besser als Beat vom Rhein.

     

    Auf jeden Fall, hatte er einen Schreiber eingestellt und dieser Schreiber war sicherlich genau der Richtige: ein rechtschaffener Mann, der sehr genau war. Er hatte nach den ersten Monaten Ordnung in die Schriftstücke der Stadt gebracht. Er arbeitete sehr hart. Von morgens bis abends saß er in der Amtsstube und durchforstete die vielen Papiere und manche Bücher, die die Stadt sogar besaß.

     

    Spät Abends ging er zufrieden nach Hause, wo er dann mit seiner Frau noch eine Tasse Tee trank. Die Kinder waren schon lange im Bett. Er wollte es auch so. Er hatte eine klare Meinung, wie Kindererziehung geht: Disziplin, früh aufstehen, den Eltern und allen anderen Respektspersonen zu gehorchen. So war seine Welt: Ordnung, Ordnung und Ordnung. Er war von der Statur her ein großer, hagerer Mann und durch die viele Arbeit waren mittlerweile seine Augen von dunklen Rändern gekennzeichnet. Seine Backen waren ebenfalls eingefallen. Er wusste, er war auch dünner geworden (was allerdings niemand außer seiner Frau und er selber sah, da man damals weite Kleidung trug). Es war ihm recht. Er war immer schon ein Freund der Askese und der Selbstbeherrschung. Die Klosterregeln des Benedikts von Nursia, die Art wie Eremiten lebten und auch die asketische Formen des irischen Mönchtums, die damals noch sehr viel bekannter waren: dies alles war ihm immer als leuchtende Vorbilder vorgekommen.

    Er hatte, da er Stadtschreiber war, über Beatus Rhenanus von Sokrates und von Platon gehört - dieser Beatus besaß solche Bücher. Er war zwar hoch erfreut, dass auch diese die Askese geprägt hatten.

    Jedoch mochte er diese neue Bewegung nicht, die wir heute Renaissance nennen. Sie war neu und er mochte nichts Neues. So nahm er sich vor, mit sich selbst und seiner Umgebung, hart zu sein, damit er dieses Ideal realisieren konnte. Ehrlich gesagt, er wusste gar nicht mehr, warum er geheiratet hatte. Eigentlich wäre es ihm jetzt lieber, er könnte ganz alleine in Askese leben. Aber er hatte Disziplin und fügte sich seinem Schicksal.

     

    Eines Tages bat ihn dann der Bürgermeister - dem mittlerweile durchaus bekannten - Beatus Rhenanus, einen Dienst zu erweisen. Dieser hatte einen großen, damals sehr bekannten Lehrer und Gelehrten, als Freund gewonnen und dieser lebte in Freiburg im Breisgau: Erasmus von Rotterdam. Er lebte neben dem noch existierenden Franziskanerkloster und der heute berühmte Balkon war damals sehr unscheinbar.

     

    Auf jeden Fall bat ihn der Bürgermeister Korrespondenz und wichtige Dokumente, des Gelehrten Beatus Rhenanus, nach Freiburg zu bringen und Erasmus von Rotterdam auszuhändigen.

     

    Der Schreiber fragte den Bürgermeister: „Herr Bürgermeister ist dies denn korrekt im Rahmen meiner Dienstaufgaben auszuführen? Hier handelt es sich doch eigentlich um eine private Angelegenheit.“

    Der Bürgermeister hob die rechte Augenbraue und sagte: „Herr Schreiber, wenn ich Ihnen das sage, dann ist es eine Dienstangelegenheit.“

    Der Schreiber erschrak. Es war ihm peinlich. Er wollte doch die Obrigkeit respektieren und hier war er über das Maß hinaus geschossen.

    Er war verstört, dass ihm so etwas passieren konnte. So ging er geflissentlich zu dem Herrn Rhenanus und empfing dort das Material mit dem er am nächsten Tag nach Freiburg reiten wird.

     

    Das Ereignis im Schlettstadter Wald

     

    Die Reise von Schlettstadt nach Freiburg war in den damaligen Zeiten beschwerlich: Die Reise ging fast nur durch Sümpfe und durch Gegenden, die unsicher waren.

    Vor allem der Schlettstadter Wald, heute als Illwald bekannt, war gefährlich:

    Allerlei Gesindel trieb sich in dem Wald herum. Es gab viele Legenden: Geister, Zauberer und andere verwunschene Wesen lebten dort. Aus diesem Grund waren wohl am Eingang und am Ausgang des Waldes jeweils eine Kapelle gebaut worden, so dass man in beiden Kapellen für eine gute Durchreise, je nach Richtung, beten konnte. Beide Kapellen sind übrigens bis in unsere heutige Zeit erhalten geblieben. Natürlich hält jetzt keiner mehr in diesen Kapellen inne.

     

    Er verließ morgens sehr früh bei Sonnenaufgang sein Haus, prüfte noch einmal ob er alle Unterlagen dabei hatte, weil er diese Mission perfekt ausfüllen und dem Vertrauen, das der Bürgermeister in ihn gesetzt hatte, würdig sein wollte. Er ritt los bis zur ersten Kapelle vor dem Schlettstadter Wald. Er würde sich an den Brauch halten, in dieser Kapelle zu beten.

    Er wollte vor der Kapelle von seinem Pferd absteigen, da sah er eine große blaue Libelle, die vor seiner Nase schwirrte. Die Libelle fiel ihm fast nicht auf, weil hier in den Sommermonaten, aufgrund der vielen Sümpfe und dem vielen Wasser im Rheintal, eine Libelle keine aufregende Sache war.

    Als er schon fast den ersten Fuß auf dem Boden hatte wurde er doch sehr stutzig. Es war Winter und auch noch kurz vor Weihnachten. Da gab es eigentlich keine Libellen mehr. Er suchte nach der Libelle und diese hatte sich mittlerweile auf dem Rücken der Sitzbank, die vor der Kapelle stand, nieder gelassen. Er dachte gerade „Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu“, da sah er einen sehr dicken Mann auf der Bank sitzen.

    Er hätte schwören können, dass dieser noch nicht da saß, als er vom Weg in Richtung Kapellenvorplatz mit seinem Pferd einbog. Der Mann gefiel ihm nicht: Es war offensichtlich einer von denen, die nicht Maß halten konnten: er war dick, er sah auch gefräßig aus, offensichtlich mochte er sehr gerne und lange auf Bänken sitzen. Der Schreiber dachte: „Ein Faulpelz, ein Nichtstuer, so wie ich viele Profiteure in Schlettstadt kenne.“ Er versuchte immer dem Bürgermeister klar zu machen, dass solche Leute eigentlich keinen Respekt verdient hätten und ihm persönlich waren sie ein Abscheu.

     

    Er stieg vom Pferd herunter, grüßte sehr knapp und wollte in die Kapelle gehen. Der Dicke sagte: „Da bist Du ja endlich.“ Unser Schreiber erschrak und war gleichzeitig sehr erbost. „Kennen wir uns?“ Der Dicke lachte richtig laut und herzlich. Unser Schreiber wunderte sich, dass die Libelle während diesem ganzen Lärm nicht davon flog. „Natürlich kennen wir uns,“ sagte der Dicke, „ich bin sogar ein Teil von Dir.“ Der Schreiber verstand das nun wirklich nicht. „Nein,“ sagte er, „Sie sind nicht mit mir verwandt, sonst würde ich Sie kennen!“ Der Dicke sagte: „Nein, ich bin DU. Ich bin ein Teil von DIR!“ Dem Schreiber entglitten die Gesichtszüge, denn das fand er dann doch zu viel.

     

    Er sagte: „Hören Sie zu. Ich bin der Stadtschreiber von Schlettstadt. Ich mache hier mein Gebet, wie es sich gehört und ich möchte Sie jetzt bitten mich in Ruhe zu lassen.“ Der Dicke stand auf, ging auf den Schreiber zu, so dass sein Bauch den Schreiber berührte. Die Libelle schwirrte ihm nach und setzte sich auf die Schulter des Dicken. Der Dicke war genau so groß, wie unser Schreiber. „Hör mal Schreiberling,“ sagte der Dicke, „Du unterdrückst mich seit Jahren, ich darf nichts tun, keinen Genuss haben, keine Frauen haben, wie jeder Mann in Deinem Stand es tut. Hier ist ein guter Ort, um Dir zu sagen, dass Du etwas ändern musst, weil ich platze, weil Du mir keinen Platz in Deinem Leben gibst. Ändere etwas oder ich muss mit Dir sehr böse werden, Du lässt mir keine andere Wahl!“ Der Schreiber musste vor Wut durchatmen, so hatte noch nie jemand mit ihm geredet. Um nicht völlig ausfällig zu werden - das wollte er natürlich nicht - schloss er die Augen, atmete noch einmal durch und wollte dann den Dicken auf seinen Platz zurück weisen. Als er jedoch die Augen öffnete war der Dicke weg. Er erschrak, weil die Libelle direkt auf ihn zuflog und dann gleichfalls vor seinen Augen verschwand. Daraufhin flüchtete er auf sein Pferd und vergass, sowohl in der ersten, als auch in der zweiten Kapelle halt zu machen.

     

     

    Der Schlettstadter Wald reloaded

     

    Als er am anderen Morgen wieder los ritt von Freiburg nach Schlettstadt war er nicht zufrieden. Erasmus von Rotterdam hatte gestern Abend Gäste und er hatte die Ehre am Tisch für die Minderen unter ihnen zu sitzen. Er hatte ein zweites Glas Wein richtig genossen. Er war leicht betrunken gewesen nach dem zweiten Glas Wein.

    „Es darf mir nicht noch einmal passieren“ dachte er, während er nach Schlettstadt zurück ritt. Er war sauer mit sich und er nahm sich vor, sich selbst gegenüber strenger zu sein.

     

    Auch dieses mal, weil er ein mulmiges Gefühl hatte, betete er sicherheitshalber in der ersten Kapelle und ritt dann in den Wald. Doch ein gutes Stück vor der uns schon bekannten Kapelle überholte ihn von hinten wiederum diese vermaledeite blaue Libelle. Sie schwirrte ganz schnell an ihm vorbei und er verlor sie aus den Augen. „Gott sei Dank“, dachte er.

    Er kam auf die Höhe der Kapelle. Er hörte das Schwirren der Libelle wieder. Er sah vor sich diesen dicken, ekligen Mann und ein zweiten Mann, den er nicht kannte.

     

    Als er näher kam und diesen Zweiten besser sah, erschrak er. Dieser Mann war sehr hager, noch hagerer als er. Er sah ihm deutlich ähnlich, Ränder unter den Augen deutlicher als die eigenen. Er stand etwas distanziert zum Dicken. Er machte gar kein freundliches Gesicht. Dieses mal dachte der Schreiber selber, „Oh je, das könnte nun wirklich ein Zwillingsbruder sein.“

     

    Knapp hatte er diesen Gedanken ausgesprochen, fing dieser Hagere an zu schreien: „Was erlaubst Du Dir zwei Gläser Wein zu trinken? Du glaubst wohl, so kommst Du im Leben weiter. Du bist kein ordentlicher Schreiber, Du bist ein Liederlicher, Du bist so einer wie der da. Du wirst so enden!“ Dabei zeigte er auf den Dicken. Der Dicke schaute den Hageren von oben bis unten an und sprach verächtlich: „Du hast ja keine Ahnung vom Leben! Du denkst das Leben geht so, wie Du Dir das vorstellst. Dabei hat er Recht gehabt. Ein gutes Glas Wein hat noch niemandem geschadet und Du schreist schon wieder hier herum. Du verdirbst mir das Leben bei dem und ihm selbst mit. Du machst dem immer weiß, dass Du weißt wie das Leben geht, dabei weißt Du es gar nicht. Du bist nur ein elendiger Lebensvermeider.“ Der Dicke redete sich in Rage, der Hagere blieb still, wandte sich ab und drehte dem Dicken den Rücken zu. „Ich lass mich hier doch nicht beleidigen von einem Taugenichts!“

     

    Unser Schreiber blieb vor lauter Angst und sicherheitshalber auf dem Pferd sitzen. Der Dicke wandte sich an ihn direkt: „Siehst Du, das hast Du jetzt davon. Jetzt haben wir den da auch noch hier! Letztes Mal konnte ich ja noch alleine mit Dir reden, aber der macht immer alles komplizierter. Kaum bin ich da, versucht er mich wieder weg zu drängen. Ich habe das Spiel satt! Entweder ich bekomme jetzt einen Platz in Deinem Leben, oder ich mache es wie der. Ich verderbe Dir alles!“ sprach er, drehte sich um und zeigte dem Hageren und dem Schreiber auf dem Pferd den Rücken und blieb still. Beide sagten dann im Chor: „Entscheide Du!“ Die Libelle schwirrte auf unseren Schreiber zu und ließ sich auf seiner Schulter nieder. Der Schreiber wusste jetzt wirklich nicht mehr was er tun sollte.

     

    Irgendein Zauber lief hier ab. Er merkte ganz genau, dass die beiden, wie auch immer, tatsächlich etwas mit ihm zu tun haben. Woher wusste der Hagere, dass er Wein getrunken hatte. Er hatte es selbstverständlich niemandem erzählt, er war sicher nicht bei dem Essen dabei gewesen. Der Hagere war ihm sehr viel sympathischer und näher. Eigentlich führte dieser Mann ein Leben, wie er es führen wollte, nur der konnte es offensichtlich besser. Er saß auf seinem Pferd und sprach leise: „Was würdet Ihr mir denn, ja, was würden Sie mir denn empfehlen?“ Da drehten sich beide gleichzeitig um und fingen gleichzeitig an ihn anzuschreien und permanent auf den anderen zu zeigen. Die Libelle wiederum blieb ruhig sitzen. Der Schreiber geriet in Panik und er schrie so laut er konnte: „Weg, weg!“ gab seinem Pferd die Sporen und flüchtete aus diesem Wald heraus. Er ritt so schnell wie möglich nach Schlettstadt. Dort lief er sehr schnell in seine Amtsstube, machte die Tür hinter sich zu und hoffte hier nun seine Ruhe zu haben.

     

    Er hatte sich kaum beruhigt, so bat man ihn zum Bürgermeister. Der Bürgermeister sagte: „Schreiber, man hat mir zugetragen, dass Sie nicht, wie es sich gehört, in beiden Kapellen vor und nach dem Schlettstadter Wald gebetet haben.“ Der Schreiber dachte, wenn der jetzt auch vom zweiten Glas Wein weiß… Jedoch der Bürgermeister sagte: „Herr Schreiber mir ist es egal, dass Sie da nicht hinein gehen, aber dass Sie gesehen werden beim nicht hineingehen, ist mir nicht egal.“

     

     

    Der Dicke greift an!

     

    Nach diesen Erlebnissen nahm sich der Schreiber vor noch härter, rechtschaffener und frommer zu werden. Vor dem Dienstantritt ging er immer nach St. Fidelis, betete inbrünstig und ging dann seinem Amte nach.

    Zu Hause hatte er ein strenges Regime eingeführt: Bier und Wein waren von seinem Tisch verband, es gab viel weniger zu essen, so wenig, dass sogar seine Frau sich um die Kinder Sorgen machte. Er ließ jedoch nicht mit sich reden. Auch auf der Arbeit war er mit allem strenger: Die Boten mussten schneller laufen, die Händler der Stadt wies er strenger zurück und er selbst machte seine Arbeit noch genauer und hielt strengstens Ordnung.

    Er kopierte ältere Manuskripte neu. Wenn ihm dabei ein kleiner Fehler unterlief, fing er wieder von vorne an. Er veränderte die Ordnung öfters, weil er versuchte sie zu verbessern. Alle Anderen, die Zugriff auf dieses Archiv hatten, waren dann immer wieder neu zu schulen. Alle um ihn herum wunderten sich: Die Unordnung war größer geworden.

    Sie blieben aber still.

     

    Dann passierte Folgendes:

    Eines Sonntags kam er mit seiner Frau nach der Messe aus der Kirche.

    Wie immer sprach man - gemäß seinem Stand - rechts und links mit den Wichtigen der Stadt, in dem man gemächlich über den Kirchenvorplatz ein Stück gemeinsam ging und sich dann erst entsprechend seinem Heimweg verteilte.

     

    Ganz hinten an diesem Kirchenvorplatz - dies war stadtbekannt - gab es das so genannte Bäderhaus, heute würden wir von einem Puff sprechen. So mussten die Wichtigen dieser Stadt immer wieder daran vorbei. Die Mädchen ließen es sich nicht nehmen, sich an den Türen, Balkonen und Fenstern des Bäderhauses blicken zu lassen. Als unser Schreiber an dem Bäderhaus vorbei schritt mit anderen Notabelen des Städtchens - er war gewohnt dieses Bäderhaus rigoros zu ignorieren - ging ein Raunen durch die Mädchenschar und alle versammelten sich unten an der Tür und winkten ihm auf die freundlichste Art zu und einige riefen: „Hallo, mein Schreiber!“ Der Schreiber erschrak und blickte auf die Huren, die er selbstverständlich nicht kannte. Er bemerkte, um ihn herum lagen alle Blicke wie Blei auf ihm. Seine Frau blickte ihn erbost an, nahm ihn noch fester unter den Arm und schleppte ihn einfach weg. Zu Hause stellte sie ihn, doch er konnte gar keine Erklärung dafür geben.

     

    Am anderen Tag ging er - wie immer - sehr früh arbeiten. Ganz aussergewöhnlich begegnete er dem Bürgermeister, der ebenfalls in Richtung seines Dienstsitzes ging. Auf dem Weg mussten sie an einigen Wirtshäusern, die keinen guten Ruf hatten, vorbei und auch da passierte es: die Wirte, es waren vier an der Zahl, grüßten alle, als der Schreiber mit dem Bürgermeister vorbei ging, den Schreiber sehr freundlich und überschwänglich. Der Bürgermeister erhob viermal die rechte Augenbraue und der Schreiber spürte seine ganze Verachtung.

    Er war wie am Boden zerstört. Er wusste nicht mehr was passierte und er flüchtete in seine Amtsstube und war froh seine Pergamente und Papiere wieder zu finden.

     

    Jedoch auch hier sollte ihm keine Ruhe gegönnt sein. Knapp saß er und hatte den ersten Stapel zur Bearbeitung vor sich ausgebreitet, so hörte er das bekannte Schwirren. Er drehte sich um und wahrlich, die blaue Libelle saß im Regal. Kaum hatte er sie erblickt, hörte er die Stimme des Dicken: „Wie Du willst Schreiberling, wenn Du mir keinen Platz gibst, mache ich Dich fertig! Du hast ja jetzt gesehen zu was ich fähig bin!“ Der Schreiber war ausser sich: „Ich war nicht bei den Huren! Ich habe auch nicht in diesen Wirtshäusern die Nacht verbracht!“ Er hörte den Dicken, den er mittlerweile zwischen den Regalen suchte, sprechen: „Bist Du sicher Schreiberling, woher kennen die Dich denn? Du warst da mit mir, Du verdrängst das alles!“ „Fort, fort!“ schrie der Schreiber und er suchte den Dicken immer noch zwischen den Regalen. Er fand ihn nicht. Zurück am Schreibtisch merkte er, dass die Libelle immer noch da war.

     

    Er war verzweifelt. Es klopfte an der Tür. Die Tür ging auf, ohne, dass er die Zeit hatte ja zu sagen. Dieser Hagere stand vor ihm. Es war ihm schon etwas angenehmer. Der Hagere kam ohne ein Wort zu sagen herein und setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Der Hagere sagte: „Gut, dass wir beide jetzt alleine sind. Der Dicke schleppt Dich überall hin, wo Du nicht hingehen möchtest. Du weißt es nicht einmal mehr. Er wird Dir Dein Leben verderben. Er wird Dich ins Lotterleben ziehen. Du musst mir zuhören! Schmeiß ihn aus Deinem Leben raus!“ „Ja,“ sagte der Schreiber, „gerne, aber wie mache ich das? Hilf mir!“ Nun schaute der Hagere ihm sehr tief in die Augen, hob seine Augenbrauen und er sah ihn mit seinen dunkel eingefallenen, überarbeiteten Augen an. Er sagte: „Gib es zu, die Mädchen sind schon attraktiv für Dich!“ Da sagte der Schreiber leise: „Woher weisst Du das?“ Der Hagere ließ sich nicht irritieren und fragte weiter: „Gib es zu, Wein ist für Dich ein Genuss!“ Der Schreiber schaute beschämt zu Boden. Der Hagere sagte: „Siehst Du, ich brauche nur zwei Fragen zu stellen und schon ist es klar. Du lädst den Dicken ein in Dein Leben! Seit Jahren kämpfe ich für Dich. Du musst den Dicken aus Deinem Leben schmeißen. Du musst auf allen Genuss verzichten, sonst wird es ein böses Ende nehmen!“ Der Schreiber spürte, dass er nicht wusste wie es geht, diese liederlichen Genüsse aus seinem Leben zu schmeißen. Er machte mehrmals den Mund auf und wollte etwas sagen. Es kamen jedoch keine Worte. Er war verzweifelt. Er blieb einfach an seinem Schreibtisch sitzen und schaute ziellos auf seine Papiere, die vor ihm lagen. Wann hört dieser Spuck endlich auf, dachte er. Nach einer Weile blickte er wieder auf und der Hagere und die Libelle waren verschwunden.

     

    Er verließ seine Amtsstube und irrte eine Weile ziellos durch die Stadt. Dann ging er in die Kirche, zündete zwei Kerzen an, die er selbstverständlich bezahlte. Er setzte sich vor die Statue der heiligen Fidelis und versuchte in seiner Hilflosigkeit und Verzweiflung, die anzurufen. Er merkte jedoch, dass er nicht konnte. Er blieb einfach still sitzen und er wusste, das geht jetzt wieder schief. Und tatsächlich: es dauerte nicht lange, da hörte er das charakteristische Schwirren und die ihm mittlerweile gut bekannte blaue Libelle ließ sich auf der Schulter von St. Fidelis nieder. Rechts neben ihm hatte der Dicke Platz genommen. Der Schreiber wisperte leise: „Verschwinde! Geh weg aus dieser Kirche hier, hier gehörst Du nicht hin!“ Der Dicke legte ihm die Hand auf die Schulter. Der Schreiber erschrak, weil sie sich seltsam angenehm anfühlte, diese dicke Pranke. Der Dicke sagte leise: „Schau mich mal an Schreiberling.“ Der Schreiber drehte seinen Kopf leicht nach rechts und er schaute ihn an. Der Dicke lächelte und sprach: „Weißt du Schreiberling, Du denkst, ich gehöre hier nicht hin. Ich weiß, dass Du mich nicht magst und mich verachtest. Nun höre mir gut zu.“

     

    „Seit Jahren lebe ich in Dir im Verborgenen. Seit Jahren muss ich mich in Dir verstecken. Du nimmst mich nirgends mit. Du lädst mich nie dazu ein. Und ich war bisher einverstanden, weil ich dachte irgendwann bist Du soweit, dass Du den Teil des Lebens, den man Genuss, Freude oder auch einfach Offenheit und Ehrlichkeit, Beziehungen zu anderen Menschen haben, das Leben teilen, nennt, endlich akzeptierst und in Dein Leben integrierst. Und was machst Du? Du hörst diesem Hageren immer noch zu! Schau mal, wie ich ausschaue. Ich bin dick und hässlich. Ich bin eklig. Ich muss mein Leben mit Dir in Puffs und zwielichtigen Wirtshäusern verbringen, wenn ich ein wenig für mich haben will. Das ist doch nicht normal. Man kann doch nicht ohne Genuss und Freude leben!“

     

    Und während der Dicke so redete, wurde unser Schreiber plötzlich traurig und als er dies merkte erschrak er. Und zum ersten Mal konnte er den Dicken verstehen. Er hörte sich sagen: „Ja, das verstehe ich, was Du sagst. Aber was soll ich denn tun?“ Der Dicke sagte: „Lass mich in Dir leben!“ Der Schreiber drehte sich ganz zum Dicken um und wollte ihn weiter fragen, jedoch der Dicke war weg. Er hörte von der linken Seite eine Stimme, die sagte: „So und was machst Du dann mit mir?“ Er erschrak, drehte sich nach links um und der Hagere saß da.

     

    Dem Schreiber wurde seine ganze Verzweiflung klar. Der Hagere schaute ihn mit seinen dunklen Augen an und sagte: „Weisst Du, seit Jahren bin ich bei Dir und sichere, dass Du etwas geworden bist. Ich habe Dir Kraft geschickt einen ordentlichen Beruf zu erlernen. Ich sorge dafür, dass Du morgens früh aufstehst, dass Deine Frau ordentlich ist, dass Deine beiden Kinder gut erzogen werden, dass der Bürgermeister zufrieden mit Deinem Verhalten ist. Das alles willst Du jetzt opfern? Dabei habe ich so viel für Dich in Deinem Leben gemacht. Du hast es bisher gut gemacht.“ Der Schreiber in seiner Hilflosigkeit fragte: „Ja, wie soll ich das denn machen? Wie soll ich das zusammen bringen?“ und der Hagere sagte: „In dem Du mich in Dir leben lässt!“ Vor Verzweiflung vergrub der Schreiber sein Gesicht in seine Hände und weinte lange, sehr lange.

    Und seine Frau wunderte sich mit einer rechts hochgezogenen Augenbraue, dass er so spät kam. Sie sagte: „Wo warst Du?“ Er schaute sie traurig an und sagte: „Wenn Du wüsstest!“ Seine Frau gab ihm eine schallende Ohrfeige und drehte sich auf dem Absatz um. Er fühlte sich nur noch elend. Er ging auf die Straße, knallte die Tür hinter sich zu (was er von sich nicht gewohnt war) und er sah sich dabei zu, wie er in eines dieser elendigen Wirtshäuser ging. Er bekam mit, wie er sich auf die sinnloseste Art und Weise betrank. Er wusste beim vierten Krug Wein, dass er wieder zu diesen Mädchen ging und erschrak bei dem Wort WIEDER. Ab dem Zeitpunkt war ihm alles egal.

     

     

    Der Rebberg

     

    „Da liegt er!“

     

    „Wo?“

     

    „Da oben!“ Er hörte Schritte von einer Menge Menschen und er machte blinzelnd die Augen auf. Vor ihm sah er die Gendarmerie der Stadt, den Bürgermeister und andere Helfer, die er kannte. Als der Bürgermeister ihn sah, sagte er zu den Anderen: „Nehmt ihn mit, nehmt ihn mit nach Hause, dass das möglichst wenig hier mitbekommen! Es ist ja nun wirklich sehr peinlich!“ Die Männer nahmen ihn und schleppten ihn durch den Weinberg, runter in die Stadt und brachten ihn seiner Frau zurück. Seine Frau sprach kein Wort mit ihm. Abends kam der Bürgermeister und sah ihn mit bösen Augen an und sagte: „Schreiber, wenn Du das so brauchst, dann mache das bitte nicht in Schlettstadt! Ein anständiger Mann, einer wie ich, der macht das in einer anderen Stadt. Ich mache das zum Beispiel immer in Straßburg.“ Der Schreiber schaute den Bürgermeister ungläubig an. „Ja!“ sagte der Bürgermeister, „jeder anständige Mann macht das so. Aber eben so, dass niemand es sieht. Du hast keinen Anstand. Du hast keine Scham. So geht es nicht!“ Für den Schreiber brach eine Welt zusammen. Der Bürgermeister war für ihn ein anständiger, respektabler Mann und jetzt entdeckte er, dass auch der ein Lotterleben führte, und dass er es nur versteckte. Der Bürgermeister war bekannt, dass er mit vielen Kirchenmännern befreundet war. Der Schreiber fragte den Bürgermeister: „Herr Bürgermeister, Sie sagen, alle anständigen Männer. Meinen Sie auch die Würdenträger unserer geliebten Kirche?“ Der Bürgermeister sagte: „Ja natürlich Schreiber! Ich frage mich manchmal in welcher Welt Du lebst.“ Der Schreiber wurde still und dachte „wenn Du wüsstest in welcher Welt ich lebe …“ Er hörte den Bürgermeister noch sagen: „Schreiber, ab jetzt will ich keine Abweichungen mehr, sonst müssen wir Ihre Tätigkeit beenden.“

     

    Der Bürgermeister ging, in dem er sich von der Frau des Schreibers verabschiedete und sagte: „Ich schäme mich für Ihren Mann, was er Ihnen, gerade Ihnen auferlegt.“ Kaum war der Bürgermeister gegangen spürte er den kalten Blick seiner Frau auf sich. „Du verbietest mir seit Jahren auch nur den leisesten Genuss zu verspüren wenn wir miteinander schlafen. Und jetzt das! Du treibst Dich bei den Huren und zwielichtigen Gestalten rum. Schämst Du Dich nicht?“ Der Schreiber wusste, dass sie Recht hatte. Die Frau sagte: „Seit wir verheiratet sind hast Du mich geknechtet, Du hast mir beigebracht, dass ein Leben ohne Genuss richtig ist. Und ich habe es geglaubt. Und jetzt DAS. Ich verachte Dich!“ In seiner Verzweiflung wollte er alles erklären, das mit der Libelle, das mit dem Dicken, das mit dem Hageren und als er dann beginnen wollte brach er verzweifelt zusammen. Wie sollte er ihr das erklären? Er schwieg und stierte in die Leere. Die Verzweiflung brach über ihn hinein. Es war keine Lösung in Sicht.

     

     

    Die Rettung durch Basel

     

    Am anderen Morgen fand die Frau des Schreibers einen versiegelten Brief, der auf dem Tisch lag. Er war adressiert an sie und an den Bürgermeister. Der Schreiber selbst war nicht mehr im Hause. Sie dachte einen Moment lang, ob sie den Brief selbst öffnen sollte, jedoch demütig wie sie war, ging sie zum Bürgermeister und zeigte ihm den Brief. „Wo ist er?“ fragte er. „Ich dachte, Sie wüssten es.“ antwortete die Frau. Sie atmeten alle beide tief durch und öffneten den Brief.

     

    Meine Liebe Frau,

    sehr geehrter Herr Bürgermeister,

    ich habe heute Nacht in meiner Verzweiflung eine Entscheidung getroffen.

     

    Beide Leser hielten inne, weil sie dachten, dass jetzt erst die richtige Katastrophe los ginge.

     

    Ich werde nach Basel gehen, um mich in die Hände von Herrn Calvin zu begeben.
    Wie Sie wissen hat dieser vor kurzem ein eisernes Regime in Basel eingeführt: Kein Alkohol, er hat das Tanzen verboten, er greift rigoros durch bei jeder Abweichung. Ich bin so viel vom guten Weg abgekommen, dass ich Dich, meine liebe Frau, und Sie, Herr Bürgermeister, bitte zu verstehen, dass ich mich in den Schutz von Herrn Calvin und seiner Stadt begeben muss.

     

    Die Frau war erleichtert. Der Bürgermeister dachte im Stillen: „Der kapiert aber auch gar nichts“, aber selbstverständlich blieb er still und wahrte die Fassade. Sie lasen weiter.

     

    Ich werde mich noch einmal nützlich machen, indem ich weitere Unterlagen, die Herr Rhenanus mir gegeben hatte für Erasmus von Rotterdam, nach Freiburg bringe. Ich werde mich über Freiburg nach Basel begeben, um noch einmal für meine Stadt nützlich zu sein. Ich hoffe Sie können mir dadurch etwas verzeihen.

     

    Der Bürgermeister verfügte nach dem Schreiben, dass dies soweit in Ordnung sei, und dass man jetzt erst einmal die Dinge abwarten sollte.

     

     

    Das lange Warten

     

    Man hörte von dem Schreiber ein ganzes Jahr nichts mehr. Es war wieder kurz vor Weihnachten, als die Frau des Schreibers zum Bürgermeister ging und sagte: „Herr Bürgermeister, es ist nun ein Jahr vorbei und mein Mann ist immer noch nicht zurück gekehrt.“ Der Bürgermeister sagte: „Ja, es ist ärgerlich und ich habe keinen Schreiber mehr. Und wissen Sie, was noch ärgerlicher ist? Ich weiß seit vorgestern, dass Ihr Mann nie in Basel angekommen ist. Eine Delegation der Stadt, die gestern bei mir war, hat, als ich nachfragte, was aus meinem Schreiber geworden ist, nur erstaunt geschaut und mir eröffnet, dass er nie in Basel angekommen ist.“

     

    Beiden wurde klar: Seit diesem Tag als sie den Brief gelesen hatten, war der Schreiber verschwunden. Sie beschlossen schnellstmöglich nach Freiburg zum Herrn von Rotterdam zu reisen. Vielleicht wusste der etwas. Sie organisierten eine Kutsche und fuhren am nächsten Tag los. Sie baten um Audienz beim Herrn von Rotterdam und wurden vorgelassen und erzählten ihre Geschichte. Doch Erasmus von Rotterdam konnte ihnen nicht weiter helfen. Er sagte: „Da kann und will ich nichts dazu sagen,“ und lächelte komisch. Unverrichteter Dinge und etwas hilflos gingen der Bürgermeister und die Frau des Schreibers raus.

    Bevor er in die Kutsche einstieg dachte der Bürgermeister. „Komisch, ich dachte ich hätte eine blaue Libelle auf der Schulter von diesem Herrn von Rotterdam gesehen, aber das kann doch gar nicht sein, es ist Winter“.

     

    Die Kutsche fuhr los.

     

    „Erasmus von Rotterdam forderte, nicht das Trennende, sondern die Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen zu erkunden und Gegensätzlichkeiten hinzunehmen. Er wird somit zum Wegbereiter des Toleranzgedankens. In seiner 1526 auf deutsch veröffentlichten Streitschrift „Vom freien Willen“ tritt Erasmus für die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen ein, ohne die ein moralisches und verantwortungsvolles Leben nicht möglich sei.

     

    jd







  • 2013: Der Abschied - Von der engen Beziehung zwischen Nähe und Distanz

    Sie verließ - wie jeden Morgen - ihre Biberburg und wollte den Tag, wie immer, beginnen: Prüfen ob alles in der Burg dicht ist, dann nach vorne zum Damm schwimmen, um zu schauen ob es hier etwas zu reparieren gab und dann anfangen Geäst und Gehölz zum Essen zu sammeln.


    An diesem Morgen entschied sie sich einfach nur an die Uferböschung zu schwimmen und sich dort eine Weile niederzulassen. Sequaj - so hieß sie, Biber haben eben komische Namen - schaute sich ihre kleine Welt an. Vor Jahren war sie mit ihrem Mann in dieses hoch gelegene Tal gekommen, wo sich keine Biber niedergelassen hatten.


    Dies hatte seinen Grund: Das Tal war nur von einem kleinen Bach durchzogen, so dass sogar die erste Biberburg und der dazugehörige Damm schon sehr viel Arbeit war, damit das Wasser sich überhaupt auf einer gewissen Höhe staute.


    „Ja,“ dachte sie „das ist eine Biberburg, jedoch eine sehr bescheidene und der Damm, - naja - man könnte es sicherlich besser machen.“


    Sequaj war in dieses unwirtliche Tal gezogen, weil sie es anders machen wollte als alle anderen Biber.


    In der großen Ebene dort, weit unten, hatten es die Biber einfach, dort war viel Wasser, ein Damm zu bauen war gar nicht nötig, und das Klima war viel besser.
    Sequaj hatte diese Ebene verlassen, weil sie diese Bequemlichkeit und diese nicht wirklich biberechte Art zu leben (ein Biber ohne Damm ist ein Biber ohne Ehre) ablehnte.


    Zusätzlich drohte immer Gefahr von den Menschen, die für ihre eigenen Bedürfnisse oft die Biber störten. Diese Biber nahmen das in kauf, Sequaj wollte dies jedoch nicht für sich und ihr Leben. Sie war stur und unbequem.


    So saß sie an dieser Uferböschung, an diesem Morgen, schaute auf die kleine Biberburg und den kleinen Damm, der erst die Burg möglich machte.


    „Das kann doch noch nicht das Ende sein!“ dachte sie, „ich möchte doch noch mehr erreichen.“


    Sie spürte, wie Energie durch ihren Körper lief und vor lauter Begeisterung trommelte sie mit ihrem Schwanz eine kleine Melodie.


    Sequaj nahm all ihren Mut zusammen und erkundetet das Land rechts und dann links von dem kleinen Bach. Biber können sich nur sehr unbeholfen auf dem Land bewegen. Sequaj fühlte sich auch hier nicht sicher, jedoch Sie wusste: Will sie noch mehr erreichen, so muss sie dieses Land erkunden. Sie lief zwei, drei Mal die ganze Strecke ab, schaute sich die Bäume an, dachte, rechnete, kalkulierte.


    Bäume sind nämlich für Biber so etwas wie Ziegelsteine oder Beton für Menschen: Es ist Baumaterial, das passen muss und lange hält.


    Nachdem sie wieder in den Bach gesprungen und zur Burg geschwommen war, sah sie ihren Mann auf der Burg, der mittlerweile auch wach war und sein Fell putzte.
    Sie berichtete ganz aufgeregt von ihrem Plan:
    „Ich habe entdeckt, dass wenn wir hier vorne einen Damm bauen, so groß wie noch nie ein Biberdamm gebaut wurde, werden wir einen wunderbaren Teich haben. Alle unsere Pflanzen, von denen wir uns ernähren, können hier wachsen. Es können viele Biberburgen gebaut werden, so dass wir eine kleine Stadt hier aufbauen können.“


    Sie war so begeistert, dass während sie erzählte, ihr Biberschwanz die ganze Zeit auf die Burg trommelte. Ihr Mann sah sie verständnislos an. Er war nicht wirklich tüchtig und ihm reichte das alles hier.


    So musste sie ihre Begeisterung alleine mit ihrem Biberschwanz teilen.
    Am Tag darauf nahm sie den beschwerlichen Weg in Richtung Ebene auf.
    In der Ebene angekommen verkündete sie überall von ihrem Plan Großes zu machen und sie hoffte darauf, dass sie einige Biber begeistern konnte.


    Sie trommelte und trommelte den ganzen Tag und merkte hier wieder: Diesen Bibern in der Ebene ging es einfach zu gut, sie waren sehr bequem und viele von ihnen sahen überhaupt nicht ein, dass sie das, was sie hier eigentlich schon haben, dort oben im Tal mit viel Schuften erreichen konnten, was ja auch irgendwie verständlich ist.


    Sie fanden Sequaj anstrengend und manche schüttelten den Kopf und schwammen einfach in ihre Burg um das Geplapper nicht zu hören.


    Als sie dann - nachdem sie nochmals für ihr Projekt überall geworben hat - den langen anstrengenden Weg über den Bach hoch ins Tal wieder antrat, wusste sie warum es richtig war diese Ebene verlassen. Sie fand alle diese Biber irgendwie abweisend, ohne Ehrgeiz und auch ein bisschen faul. Sie war mit dem Plan beschäftigt, wie sie dann alleine ihr Projekt machen könnte.


    Die nächsten Tage nagte Sequaj, in dem Bereich wo bald der große Damm entstehen sollte, die ersten großen Bäume ab. Sie suchte die Bäume danach aus, dass sie groß und stark waren (Biber können Bäume mit einem Durchmesser bis zu 50 cm durchnagen). Sie nagte diese so, dass sie den zukünftigen Damm andeuteten, nachdem sie gefällt waren. So entstand nach drei Tagen, durch die gefällten Bäume, eine große Linie die den zukünftigen Damm andeutete.
    Am vierten Tag, als sie morgens wieder aus der Burgröhre heraus schwamm und auf dem kleinen Damm saß merkte sie erst wie groß ihr Plan war.
    Zum ersten Mal zweifelte sie daran, dass sie dies alleine schaffen konnte.
    Während sie noch nach Kraft suchte diese Zweifel zu unterdrücken, raschelte es plötzlich unterhalb des Damms.


    Seitlich des Baches sah sie zwei Biber zu ihr hoch kommen. Sie legte ihr Gesicht in Falten, denn sie war skeptisch. Sie dachte: „Aha, Ebenen-Bewohner.“
    Als die beiden Biber bei ihr auf ihrem kleinen Damm standen bemerkte sie, dass diese offensichtlich beide noch jung waren.


    „Guten Tag,“ sagte einer der Biber schnell, „mein Name ist Alivys. Wir haben gehört, dass …, oh Entschuldigung, dies ist meine Frau.“
    „Angenehm,“ brummte Sequaj, „ich höre...“
    „Ich hörte unten in der Ebene von Ihrem Projekt und würde hier gerne mitmachen.“ Sequaj hielt den Kopf schief und sah ihn fragend an. „Mitmachen? Die da unten denken doch alle, dass ich spinne! Warum willst Du mitmachen?“
    „Ich finde es spannend so etwas zu versuchen, ich weiß aber nicht mal, ob ich es kann.“
    „So,“ dachte Sequaj „mitmachen und er weiß nicht mal, ob er das kann. Oh je, ob mir das hilft?“
    „Wie viele große Bäume hast Du denn in Deinem Leben schon gefällt?“ fragte sie in einem eher kritischen Ton.


    Alivys schaute sie traurig an und sagte: „Weißt Du, in meinem kurzen Leben kann ich noch nicht viele Bäume gefällt haben. Ich dachte Du könntest mir das beibringen und ich würde es gerne lernen, aber es gibt da noch ein paar Themen, die ich mit Dir besprechen möchte.“


    Sequaj wunderte sich wie dieser junge Mann plötzlich einen anderen Tonfall hatte.
    „Welche Sicherheiten bietest Du hier an, wenn ich dieses Risiko mit Dir eingehe? Kann ich mich mit meiner Frau hier niederlassen? Gibt es genug Nahrung hier? Kannst Du das garantieren?“


    Sequaj wollte ausholen und diesen unverschämten jungen Biber beschimpfen. Unter Bibern ist es nämlich eine Ehrensache selber für seinen Unterhalt zu sorgen. Sie hörte sich jedoch sagen: „Ja, das kann ich, wenn Du mir hilfst. Ich kann Dir sonst außer sehr viel Arbeit nichts mehr versprechen.“
    Alivys lächelte und sagte: „Genau das finde ich das Spannende dabei, hier kann man auch scheitern und ich möchte etwas Herausforderndes in meinem Biberleben tun.“


    Nach harter Verhandlung wurden sie sich handelseinig, und mit einem für Biber typischen Vertragseinigkeit-Schwanzklopfen, besiegelten sie ihren Vertrag.
    Sie verabredeten sich für den anderen Morgen früh. Vor dem Einschlafen überlegte sich Sequaj, dass noch zwei große Bäume gefällt werden müssten, ein Tagewerk für jeden Biber.


    Am anderen Morgen zeigt Sequaj Alivys den Baum.
    Sequaj sagte: „Ich gehe davon aus, dass der Baum heute Abend gefällt ist.“ Alivys wurde rot im Gesicht (sofern das für einen Biber geht) und sagte: „Heute Abend? Das schaffe ich nie!“ Sequaj rollte die Augen und sagte: „Doch, doch,“ und ging zu ihrem Baum und legte mit dem Nagen los.


    In der Mittagspause ging sie rüber zu Alivys und stellte fest, dass der Baum kaum angenagt war. „Was hast Du denn den ganzen Vormittag gemacht?“ fragte Sequaj. „Nur genagt.“ „Kannst Du mir mal zeigen wie das geht?“ sagte Sequaj und war jetzt sehr gespannt.


    Und siehe da, Alivys hatte sehr kleine, offensichtlich sehr scharfe Zähne, aber schnell ging es nicht. Sequaj brachte Alivys noch ein paar Kniffe bei, wie es mit diesen kleinen Zähnen dann doch etwas schneller geht. Doch Alivys sagte: „Sequaj, das ist ein bisschen ein Problem, Du siehst doch, dass dann die Späne so ungeordnet hin und her fliegen. Ich mag es lieber wenn der Haufen geordnet ist.“
    Sequaj atmete tief durch, ihr Biberherz war kurz vorm Platzen. „Oh je,“ dachte sie, „dass wird nie etwas.“ Und sie musste zusehen wie Alivys ganz feinsäuberlich jeden Span wieder auf den Haufen legte. „Vielleicht können wir sie ja noch brauchen.“
    Sequaj platzte fast vor Wut, jedoch hielt sie sich zurück und dachte: „So wird das nie etwas mit meinem grandiosen Projekt.“


    Jedoch merkte Sequaj mit der Zeit, dass der junge Biber trotz seinen komischen Gewohnheiten, alles immer wieder in kleinen Häufchen sauber zu ordnen, ob das Hobel, kleine Äste, Baumschalen oder auch ein paar andere Dinge waren, ganz schön ranklotzen konnte.


    So verging die Zeit und sie hatten zu zweit stille Freude, den Damm peu à peu wachsen zu sehen.


    Eines Morgens, als Sequaj wieder zum Damm schwamm, war Alivys noch nicht zu sehen. Üblicherweise war Alivys früher als sie auf dem Damm, deshalb wunderte sie sich schon etwas. Sie hob sich auf den Damm hinauf und wollte noch mal schauen wo er steckte.


    Auf dem Damm merkte sie, dass jenseits des Dammes deutlich weniger Wasser den Bach runter lief. Sie wunderte sich.


    Alivys tauchte plötzlich hoch und sagte: „Jetzt weiß ich wie es geht!“
    „Was weißt Du, wie was geht?“
    „Du weißt, dass ich da hinten im Wald jeden Tag meine Hobel-Häufchen sammele.“
    Sequaj rollte schon wieder die Augen und sagte: „Ja, das weiß ich und das kostet uns besonders viel Zeit. Wie könnte ich so was vergessen, Alivys.“


    Alivys lächelte jedoch und sagte: „Schau mal, siehst Du wie der Bach unterhalb des Dammes weniger fließt?“
    Sequaj sagte knapp: „Ja, das hatte ich bemerkt.“
    „Es sind die Späne!“ sagt Alivys.
    Sequaj meinte: „Was sind die Späne?“
    „Es sind die Späne, die das machen.“
    „Die was machen?“
    „Ja die Späne, die dichten ab. Es ist genau das was wir brauchen, damit unser Teich schneller wächst.“


    Sequaj schaute etwas verdutzt und war einerseits sehr beeindruckt und andererseits sauer. Sie wollte nämlich immer recht haben und eigentlich dachte sie auch immer, dass sie recht hat.
    Aber in diesem Fall hatte Alivys etwas Wunderbares entdeckt und nun konnten sie alle Späne-Häufchen brauchen, über die sie sich seit Wochen und Monaten ärgerte.
    Er war richtig gut.


    Sequaj schluckte einmal tief und sagte: „Ok, ich nehme es zurück. Deine komische Häufchen-Sammlung ist uns jetzt nützlich.“ Alivys platzte fast vor Stolz und er fühlte sich nun endlich angenommen von der großen Sequaj mit ihrem großen Projekt.
    So verbrachten sie die nächsten Tage und trugen einen Spänehaufen nach dem anderen ab und dichteten ihren Damm ab. So wuchs der Teich hinter dem Damm zu einer beachtlichen Wasserhöhe, die ohne Probleme mehrere Biberburgen beherbergen konnte.


    Sequaj sagte: „Wenn diese blöden Biber von dieser blöden Ebene nicht so blöd wären, dann würden die schon wissen wie schön es hier ist und wie gut sie hier leben könnten.
    Alivys, der mittlerweile an Selbstbewusstsein gewonnen hatte, sagte: „Aber Sequaj, Du musst das ein bisschen anders sehen. Wenn Du so über sie denkst, warum sollten sie hier mit Dir wohnen wollen?“ Sequaj brummelte etwas in ihren Biberbart, weil sie ganz genau wusste, dass er recht hatte.


    Am anderen Tag liefen sie beide noch mal zusammen in die Ebene und trommelten mit ihren Schwänzen für ihren jetzt groß gewordenen Teich. Und noch vor dem Winter siedelten sich ein paar Biber in Sequajs Teich an.


    Über den Winter, in dem normale Biber eine Winterruhe halten, trafen sich Sequaj und Alivys immer wieder in der neuerichteten Planburg.
    Sie hatten sich eine spezielle Biberburg gebaut, die nicht wie üblich zum wohnen diente. Die war speziell dafür gebaut, um weitere Pläne zur Erhöhung des Damms und zur Verschönerung des Lebensumfeldes zu schmieden.
    Wie bei jeder Burg war der Eingang unter Wasser und die künstliche Höhle, in der sie ihre Pläne schmiedeten über Wasser. Sie hatten schon über sehr vieles nachgedacht: Wie sie Nahrungspflanzen an dem Teich ansiedeln könnten, wie sie die Vorräte für den nächsten Winter besser sicherten, wie sie den Damm noch mal höher bauen konnten und so weiter, und so weiter.


    Eines Tages, es war im tiefen Winter, sie waren beide wieder dabei ihre Pläne weiter zu schmieden, hatten beide gleichzeitig plötzlich eine geniale Idee: „Und wenn wir die Späne auch dafür benutzen die Unterwasser-Wohnbereiche abzudichten!“ schrien beide gleichzeitig und schauten sich gegenseitig mit funkelnden Biberaugen an. „Dann…“, sagte Sequaj, …“
    „Ja dann…“ , sagte Alivys und sie sagten beide zusammen, „dann würden wir ja für Biber ganz neue Wohnbereiche unter Wasser bauen können, die besser geschützt sind.“ Sie waren beide sehr gerührt über diese Idee und hatten beide leicht feuchte Augen. Sequaj sagte: „Es ist so schön mit Dir, weil dieser Traum von diesem großen Damm mit vielen Biberburgen durch Dich erst wahr wurde. Ich muss mich bei Dir entschuldigen, dass ich am Anfang so gegen Dich und Deine Spänehäufchen war.“
    Alivys meinte: „Nein Sequaj, es ist in Ordnung so, ohne Deine große Idee, ohne Deinen Mut alles anzufangen, wären meine kleinen Häufchen nicht viel wert gewesen.“ So saßen sie eine Weile still in ihrer Planburg und schauten sich in ihre Biberaugen. Es war eine lange Stille und es war einer dieser Momente in einem Biberleben, wie sie eigentlich nur ganz selten passieren. Die Stille dauerte eine ganze Nacht.


    Der Winter ging vorbei und die beiden gingen mit den anderen Biberfamilien, die sich mittlerweile angesiedelt hatten, mit der neuen Dicht-Technik ans Werk. Der Damm wuchs noch mal an Höhe und Dichtigkeit. Die Biberburgen wurden ganz anders gebaut, da sie mittlerweile auch unter Wasser Wohnhöhlen bauen konnten.
    Dort waren die Biber besser vor all ihren natürlichen Feinden geschützt.


    Sie arbeiteten und arbeiteten, schufteten und schufteten, optimierten und optimierten, und so stand am Ende ein wunderbarer Biberteich, der ein kleines Paradies für Biber darstellte. Genug tiefes Wasser, Nahrung, genug Damm und Burgen um sie zu unterhalten, alles was ein Biberherz begehrt. Alle waren sehr zufrieden.


    Natürlich ging das nicht immer ohne Streit zwischen Sequaj und Alivys ab.
    Sequaj hatte mittlerweile jedoch auch gelernt, dass auch andere recht haben können und jedes Mal wenn Alivys sie anbrüllte „es ist Dein Teich und Du machst mit ihm was Du willst“ und dann beleidigt wegschwamm, schwamm Sequaj nach einer kleinen Pause Alivys nach, um zu sagen: „Was hattest Du vorgeschlagen? Ich habe es nicht genau gehört, um es zu verstehen.“ Sie lächelte dabei leicht weil sie genau wusste, dass Alivys wusste, dass sie alles verstanden hatte, nur erst mal dagegen war. Und so rauften sich beide sehr gut zusammen und waren die Architekten dieser wunderschönen Biberwelt.


    Und so lebten sie einige Sommer und Winter wunderbare Biberjahre, der Teich wurde immer größer und herrlicher, da mittlerweile die Hobel-Technik so optimiert war, dass der Damm ganz dicht war und sich das Wasser hinter dem Damm sammeln konnte.


    Manche Biber gingen auch mal wieder weg, wenn Sequaj zu viel von ihnen verlangte. Alivys war mittlerweile zu einem stattlichen Biber hochgewachsen. Er hatte seine Art gefunden mit seinen Zähnen umzugehen, konnte inzwischen schnell die Bäume fällen und war immer noch der Weltmeister im Hobelhäufchen machen.
    Auch Sequaj hatte gelernt, die deutlich dickeren Späne auch auf Häufchen aufzuhäufen, so dass eine Kombination von dicken und dünnen Spänen die optimale Dichtigkeit ergab.


    Im Frühjahr, nach einem langen Winter, freute sich Sequaj schon auf die Reparaturarbeiten am Damm, wurde sie eines Morgens in ihrer Burg durch ein Zittern des Bodens wachgerüttelt. Sie schwamm durch die Röhre raus und hörte von unten herauf einen Lärm, den sie kannte.


    Innerliche Panik stieg in ihr auf. Sie schwamm bis zur Dammmauer wo sie auf Alivys traf, der schon ins Tal hinunter schaute. Das brummende Geräusch wurde immer lauter und Alivys sagte: „Denkst Du auch, dass es das ist, was ich denke?“
    Sequaj sagte „Ja,und das bedeutet für uns nichts Gutes.“
    Sie schauten sich beide in die Augen, die dann sehr traurig wurden. „Sagen wir den anderen Bescheid?“
    „Nee lass mal,“ sagte Sequaj, „es wird eh nicht zu vermeiden sein.“ Beide schwammen von der Dammmauer in Richtung Uferböschung und kauerten sich hinter einen Baum.


    Und da war sie auch schon zu sehen, eine lärmende Maschine, die sie aus der Ebene kannten und die von Menschenhand gemacht war, um selbst nicht mehr arbeiten zu müssen. Sie sahen dieses Monstrum mit einem sehr großen Greifarm immer näher heranfahren  und der Lärm wurde fast unerträglich. Bis dann genau das passierte, was sie beide dachten. Der Greifarm griff mit einer immensen Kraft in die Dammmauer und riss den ganzen Damm nieder. Die Wassermengen fingen an das Tal hinunterzulaufen. Was nicht der Greifarm besorgte, besorgte die Kraft des Wassers: fünf Minuten später war der Damm das Tal hinunter gespült und die Biberburgen hingen wie Termiten-Nester in der freien Luft.


    Viele Biber kamen aus ihren Burgen und waren völlig verwirrt.
    Sequaj und Alivys saßen wie gelähmt am ehemaligen Ufer und schauten sich das böse Schauspiel an.
    Die wunderbaren Nahrungspflanzen hingen traurig herum, die wunderbaren Heimwelten der Biber hingen in der Luft, sichtbar für jeden, die ganze Schönheit war dahin. Ihre Welt war schlicht weg.
    Die lärmende Maschine fuhr mittlerweile schon wieder Richtung Tal.


    Sequaj liefen die Tränen runter, sie zitterte am ganzen Körper. Alivys legte ein Pfötchen um sie herum. Nach einer Weile Stille fragte er:“Was machen wir nun?“
    Sequaj weinte: „Das weiß ich auch nicht!“
    Alivys befahl: „Sequaj, Du musst es wissen, Du wusstest doch immer alles.“
    „Ja,“ sagte Sequaj „ich wusste immer alles und alle beschwerten sich darüber. Lass uns erstmal nach unseren Familien schauen und dann schauen wir morgen wie es weiter geht.“ Sie verließ Alivys.


    Am anderen Morgen trafen sich beide am Fuße der ehemaligen Dammmauer, da wo der Bach wieder lief wie vor Jahren. Diesmal hatte Alivys Tränen in den Augen und sagte dann: „Sequaj, ich möchte Dir etwas sagen.“
    Sequaj schaute ihm in die Augen und sagte: „Alivys, dies ist nicht der richtige Moment, dies zu tun.“
    Alivys erwiderte: „Sequaj es wird nie der richtige Moment sein und ich verstehe, dass es jetzt für Dich der schlechteste Moment ist. Ich aber habe nicht mehr die Kraft hier noch einmal anzufangen... Du weißt Sequaj“
    „Ja,“ sagte Sequaj traurig, „ich weiß, von mir hast Du gelernt, dass jeder gescheite Biber in seinem Leben einen eigenen Bau mit eigener Dammmauer errichten sollte um ein Biber zu sein und ehe Du immer nur diese große Dammmauer mit mir teilst suchst Du Dir jetzt einen Ort, wo Du Deine eigene baust. Stimmt´s?“


    Alivys fasste mit seinen beiden Pfötchen Sequajs Schwimmflossen fest an und schluchzte: „Alles was ich hier lernte, alles was ich hier geworden bin, ist mir so wichtig. Ich muss es wissen, ob ich es auch ohne Dich kann. Du weißt, dass Du es ohne mich kannst. Es waren Deine Ideen, es war Deine große Denke, es war Dein verrückter Mut der dies alles hat entstehen lassen. Du wirst es weiter machen. Du bist hier Zuhause Sequaj.“


    Sequaj spürte, dass er recht hatte. Sie war hier Zuhause.


    An diesem Abend kroch Sequaj innerlich zerstört in ihre Biberburg. Sie wusste sie hatte Alivys verloren.
    Sie träumte in der Nacht wild, lag oft wach und versuchte mit der Situation klarzukommen. Noch in der Nacht kam ihr eine gute Idee. Sie kroch aus der Biberburg und manches Tier im Umfeld der Bibersiedlung hörte stundenlang nagende Geräusche.


    Am frühen Morgen - es dämmerte gerade - lief Sequaj mit einem großen Netz voller Hobel in Richtung der Biberburg von Alivys.
    Sie hatte die ganze Nacht die feinsten Spänne gehobelt, die je in dieser Bibersiedlung gehobelt wurden. Sie waren zweimal feiner als der Standard von Alivys und sie wollte diese Späne Alivys schenken, weil er heute für immer weg geht. Vor der Biberburg blieb sie noch einmal stehen und weinte. Sie fluchte und wollte nicht, dass er weg geht. Nach höflichem Anklopfen kroch sie mit ihren Spänen in die Biberburg, doch sie fand diese leer.


    In einer Ecke lag ein Brief:
    „Sequaj, du weißt Abschiede sind nicht mein Ding.
    Ich habe nur eine Bitte: Wenn mein Plan nicht aufgeht, möchte ich Dich bitten, dass Du diesen Teich weiterhin erhältst, so dass ich zurück kommen kann. Du weißt, ich war immer ein Schisser und Du hast mir mehr Mut für Großes gemacht. Bitte, bitte lass mich zurück kommen.“
    Sequaj saß eine Weile in der verlassenen Biberburg.
    Am späten Nachmittag im Tal hörte man die ersten 50-cm-Bäume fallen.
    Was jedoch niemand hörte war, dass am oberen Ende des ehemaligen Teiches, nach dem die ersten großen Bäume wieder gefallen waren, eine Biberfamilie sich umdrehte und wegging.


    Alivys hatte gewartet um sicher zu sein, dass er zurück kommen kann.

    - Für Alivys -


    jd







  • 2014: Die Wald-Schusterei

    Die Geschichte passiert dieses Jahr im Zwergenland. Das Zwergenland liegt weit, weit weg von uns, in einer ganz anderen Welt, von der wir Menschen nur eine kleine Ahnung haben.

    Das Zwergenland sieht eigentlich ganz ähnlich aus, wie bei uns: Es gibt Wälder, Felder und Wiesen, Städte, Meere und Berge und alle Zwerge, die dort leben, sind fleißig und tüchtig. Was wir Menschen nicht wissen, ist, dass Schuhe für Zwerge sehr, sehr wichtig sind, weil Zwerge in ihrem Leben unglaub-lich viel laufen, gehen, umherwandern, wie dies so im Zwergenland üblich ist.

    Ein Zwerg ohne Schuhe ist ein ehrenloser Zwerg. Eigentlich kann man sich im Zwergenland überhaupt nicht vorstellen, dass es ohne Schuhe in irgendeiner Form geht.

    So besteht in diesem Zwergenland, einem Staat, der seit Zwergengedenken ein sehr gut organisierter Staat ist, eine Behörde, die SchuKon heißt, die die Schustereien des ganzen Landes über-wacht, kontrolliert und auch die Mindestqualität der Schuhe festlegt. Wir Menschen können uns das kaum vorstellen, jedoch es ist ein ähnliches System wie bei uns die Apotheken. So bestehen also überall in jedem Bezirk, in jedem Stadtteil, Schustereien, die fleißig Schuhe für die Zwerge herstellen. Diese Schustereien haben im Zwergenland eine lange, lange Tradition. Manchen existieren seit hunderten von Jahren und genießen eine gute Reputation. Viele dieser Schustereien haben mit den Jahrhunderten, in denen sie existieren, erhebliches Vermögen gesammelt, so dass sie neben den Schuhen auch andere gesellschaftliche Verantwortung übernommen haben, wie z. B. die Förderung der Zwergenorchester oder, dies vor allem in Schustereien in großen Städten, die Betreuung von Bedürftigen, die sich keine Schuhe leisten können.

    So war es für jeden Zwerg völlig normal, dass in den Städten und häufig auch in den Dörfern, die Schustereien auf zentralen Plätzen in palastartigen Gebäuden waren. Schusterzwerge genossen ein hohes Ansehen, da sie vor allem einen sicheren und, wenn sie ihr Handwerk konnten, gar nicht so anstrengenden Arbeitsplatz hatten. Die Schuhe hatten sich mit der Zeit als ein wesentliches Attribut von Zwergen entwickelt: Es gab Schuhe für jede Gelegenheit: Hochzeitsschuhe, Geburtstagsschuhe, Trauerschuhe, Schuhe mit viel Dekoration, feste Schuhe für große Wanderschaften, Schuhe aus feinstem Ziegenleder, Schuhe mit Schnürsenkel aus Goldfaden für reiche Zwerge. Man kann sie nicht alle aufzählen. Im Zwergenland sagte man: „Zeig mir deine Schuhe und ich sage dir, wer du bist."
    Ganz tief im Zwergenland hinter den sieben Hügeln und nach den sieben Flüssen gab es jedoch eine Ausnahme: Die Wald-Schusterei. Diese Schusterei hatte tatsächlich ihren Namen dadurch, dass sie nicht mitten in den kleinsten Dörfern lag, die es in diesem Hinterland gab, sondern am Rande des großen Waldes. In dem Wurzelwerk der großen Eichen, die dort standen, hatten sie ihre Ateliers eingerichtet. Es waren sehr einfache Ateliers, und wer nicht wusste, dass es die Wald-Schusterei dort gab, lief glatt an ihr vorbei.

    Jedoch die Zwerge in dieser Gegend kannten sie und waren auch sehr zufrieden mit den Schuhen, die die Schusterei dort produzierte. Sie waren froh, dass sie keine weiten Wege auf sich nehmen mussten, um in die großen Städte zu gehen, um dort in den großen Palästen Schuhe zu kaufen.

    Aurelosch, der Oberschuster der Waldschusterei, war ein sehr erfahrener Schuster. Er hatte sehr lebendige Augen, wie es sich für einen Zwerg gehört, einen langen Bart, und er war, so lange er zurück denken konnte Schuster aus Leidenschaft. Jedes mal, wenn er wieder Leder in der Hand hatte und er konnte aus diesem Leder einen guten Schuh mit einer festen Sohle machen, war er sehr zufrieden. Jedoch dies konnte er heute kaum noch, da er in seiner Schusterei nach dem Rechten sehen musste. Er besuchte regelmäßig die verschiedenen Ateliers und kontrollierte, ob die Zwerge die Arbeit gut machten, denn er wollte seine Kunden - wie gesagt, einfache, ländliche Zwerge - gut bedienen.

    Er war sehr viel unterwegs bei Kunden in den Dörfern, wo er jedes mal einen Sack voll Schuhe mitnahm und sie zu den Kunden trug, sie dort verkaufte, sie anpries und auch regelmäßig und systematisch Vorträge hielt, wie man diese Schuhe am Besten pflegte. Kurzum: Aurelosch war ein leidenschaftlicher Schuster, der sich in seiner Wald-Schusterei sehr wohl fühlte und es sehr genoss, dort Oberschuster zu sein: Es war für ihn eine Ehre.

    Auch mit diesem Posten war er ein einfacher Zwerg geblieben, dem seine Arbeit hohe Befriedigung gab. Wenn man ihn mit anderen Schustern über die Dörfer ziehen sah konnte man beobachten, wie er mit leuchtenden Augen entlang der manchmal langen Wege, immer wieder über Schuhe sprach, wie man das Leder präpariert, damit die Schuhe lange halten. Es war allen Schustern eine echte Freude mit Aurelosch zusammen zu arbeiten, weil sie ihn für einen aufrechten und rechten Zwerg hielten.

    Manchmal ging Aurelosch abends, wenn alle anderen Zwerge Zuhause waren, in die Schatzkammer ganz hinten innerhalb des Wurzelwerks der etwas abgelegenen Eiche. Er schloss sie auf und ging mit einer Kerze hinein. Dort stand ein einfach gezimmerter Tisch mit einem Schemel auf den er sich setzte. Er stellte die Kerze auf dem Tisch ab, schaute sich das kleine Schätzkästlein an, machte es auf und er sah immer wieder nur zwei kleine Goldstücke drin liegen. Er schaute diese kurz an und machte dann das Schatzkästlein wieder zu. In diesen Momenten sah Aurelosch sehr alt aus und Sorgenfalten legten sich über seine Zwergenstirn. Er machte sich Sorgen, ob diese Reserve wohl ausreichte für harte Zeiten, damit er seine mittlerweile sehr liebgewonnenen Kunden, auch dann mit Schuhen beliefern konnte.
    Er schaute in das kleine Regal, das hinter dem Tisch stand. Dort war eine mittlerweile angewachsene Kladde mit Pergamenten, die ihm regelmäßig SchuKon zukommen ließ.

    Er wusste, dass dieser Schatz zu klein war, um die Schuhproduktion ganz sicher zu stellen. So bekam er Jahr für Jahr von der SchuKon immer wieder die Erinnerung, dass er unbedingt die Schatzkammer befüllen sollte, um den Kriterien einer ordentlichen, und vor allem sicheren, Schusterei zu entsprechen. In diesen Momenten dachte er oft an seine Anfänge in dieser Wald-Schusterei.

    Er hatte als kleiner, junger, tüchtiger Schuster in einer großen Stadt in einer sehr prunkvollen, sehr renommierten Schusterei gearbeitet.

    Eines Tages kam ein Kollege, der sich halb tot lachte, so dass der dicke Zwergenbauch auf und ab hüpfte. Er fragte ihn: „Warum lachst Du?" Der Kollege konnte gar nicht antworten vor lauter Lachen und er hatte bereits Tränen in den Augen. Irgendwann beruhigte er sich und erzählte: „Weißt Du, was ich heute gehörte habe? Es soll ganz dahinten nach den sieben Hügeln und den sieben Flüssen eine ganz kleine Schusterei geben, nur zwei Schuster arbeiten da, und die würden tatsächlich noch existieren." Aurelosch legte seine Stirn in Falten und sagte: „Und was ist daran lächerlich?" Jetzt wurde sein Kollege jedoch ernst und sagte: „Ach hör mal, Aurelosch, das geht doch nicht, das ist doch ganz unsicher. Diese Schusterei muss einfach an die Großen in der Umgebung angeschlossen werden. Es geht nicht, dass so eine Schusterei existiert. Wo kämen wir da hin, wenn diese Schusterei einfach machen könnte, was sie will." „Ach so" sagte Aurelosch, aber man hörte im Tonfall dieses „Ach so", dass er in keinster Weise die Meinung mit dem Kollegen teilte. Wenn er jetzt daran dachte, war er heute dem Kollegen von damals richtig dankbar.

    Er hatte nämlich damals entschieden, wenn es irgendwie geht, möchte er Oberschuster in dieser lächerlichen Schusterei werden. Und er hatte sich bis zu seinem obersten Schuster der großen Schusterei durchgeboxt und hatte dann die Erlaubnis erhalten, diese Wald-Schusterei, von dem ihm der Kollege erzählt hatte, zu übernehmen.

    Er erinnerte sich, was er am Anfang vorgefunden hatte. Ein völlig desolater Zustand der Ateliers, Dreiviertel waren geschlossen und nur noch zwei sehr alte und müde Zwerge haben mühsam zwei Paar Schuhe pro Woche hergestellt. Als er diese Schuster nach der Schatzkammer fragte, haben die ihn mit traurigen Augen angesehen und haben ihm gezeigt, wo er hingehen soll. Er hatte sie aufgesperrt und dann war in Aureloschs Gesicht das blanke Entsetzen zu sehen. Die Schatzkammer war leer.

    Er saß irgendwann an seinem ersten Abend in einem der verlassenen Ateliers im Wurzelwerk einer der Eichen und dachte: „Jetzt habe ich mich vielleicht doch übernommen." Dann kam jedoch die beste Zeit seines langen Zwergenlebens. Er hatte am anderen Morgen Mut gefasst und ist durch die Lande gezogen. Mit seiner jovialen Art hatte er viele Zwerge angesprochen, was sie denn so an Schuhen benötigten. Er hatte sie begeistert und siehe da, nach zwei Wochen durch die Lande ziehen, hatte er so viele Schuhbestellungen, dass er beide alten Zwerge beschäftigen konnte und er musste, aufgrund seiner Kontakte, die er vorher hatte, weitere vier Schuster-Zwerge bitten, in der Wald-Schusterei mitzuhelfen. Es ging peu à peu mit der Wald-Schusterei wieder richtig bergauf. Direkt nach ca. 150 Jahren (und dies war für ein Zwergenleben eigentlich sehr schnell) war die Wald-Schusterei zu einer kleinen, mit ca. 100 Schustern, ausgestattete Schusterei wieder auferstanden. Aurelosch hatte geschuftet, hatte mittlerweile einige Atelier-Chefs eingestellt, die ihr Handwerk kannten. So konnten sie mittlerweile auch schon wieder verschiedene Formen und verschiedene Arten von Schuhen produzieren, um die Bevölkerung auch mit verschiedenen Schuhwerken ausstatten zu können.

    In seiner Schatzkammer dachte er in dieser Zeit furchtbar gerne zurück. Es war die Schönste seines Lebens, weil es richtig Freude gemacht hatte, diese kleine Wald-Schusterei wieder aufzubauen.

    Er erholte sich jedoch schnell von seiner Freude, weil irgendwann der Blick wieder auf die SchuhKon-Kladde und auf die winzig kleine Schatztruhe fiel. Er ging sehr sorgenvoll aus der Schatzkammer, sperrte sie zu und ging nach Hause.

    Die Jahrzehnte liefen hin: Die kleine Wald-Schusterei arbeitete und arbeitete und stellte für ihre Umgebung Schuhe her. Der Schatz wurde nicht größer, jedoch Aurelosch, mit seinen vielen Kontakten, holte diverse Spezialisten ins Haus, um neue Ateliers zu eröffnen. Einen Schnürsenkel-Spezialist mit eigenem Atelier, einen Sohlenexperten für besonders feine Sohlen, einen Ösenfachmann für besonders haltbare Ösen, einen Färber, der aus dem fernen Süden kam und besonders schöne und brillante Farbleder herstellen konnte und manch andere Experten, die alle ihr eigenes Atelier erhielten. So wuchs die Wald-Schusterei und alle üblichen Experten gab es mittlerweile auch in der Wald-Schusterei. Manchmal kamen zwei der Atelier-Meister zu Aurelosch und sagten: „Aurelosch, geht das denn gut? Wir haben mittlerweile so viele Spezialisten, wie die großen Schustereien. Können wir uns das denn leisten? Brauchen wir die alle, weil unsere Landzwerge wollen einfache Schuhe?" Aurelosch wurde jedes mal, wenn sie kamen, ärgerlich. Er hatte selbst schon beobachtet, dass diese neuen Atelier-Chefs Schuhe produzierten, die eigentlich hier nicht zu verkaufen waren und er hatte sie auch öfters beobachtet, wie sie selbst mit diesen feinen Schuhen nach Hause gingen. Der Farbspezialist trug jeden Tag eine andere Farbe. Der Schnürsenkel-Spezialist hatte so viele Schuhe mit verschiedenen wunderschönen Schnürsenkeln, aber er sah diese immer nur an den eigenen Schuhen seiner Chef-Atelier-Zwerge und er wusste, das ist nicht gut.

    Andererseits: Was sollte er tun? Er hatte sie geholt. Es waren gute Fachexperten in Sachen Schuhe und es gehörte sich für eine Schusterei, dies zu haben. Er ließ öfter seinem Ärger freien Lauf: „Hört mal zu, ihr Schuhmacher. Das gehört heutzutage zu einer modernen Schusterei dazu. Eure Standard-Schuhe, wie ihr sie macht, werden nicht mehr reichen. Wir müssen uns dynamisch weiter entwickeln." Die alten Atelier-Meister zogen den Kopf zwischen die Schultern und trippelten in ihren einfachen Schuhen davon. Aurelosch verblieb in Gedanken zurück. Er tröstete sich oft, indem er mit diesen moderneren Schuhen in die Dörfer zog und er selbst verkaufte diese dann auch. Es hat Mühe gekostet. Er hat mehr Standard-Schuhe verkauft, aber es hat ihm immer großen Spaß gemacht und die Leute überall in den kleinen Dörfern und auf den Höfen in dieser Gegend mochten ihn. Sie kauften ihm die Schuhe ab. Jedes Jahr, wenn der Brief von SchuKon kam, musste er ein Pergament zurück schicken, dass er nicht mehr in die Schatzkammer zurück legen konnte. Er war jedoch so stolz darauf, dass er diese Wald-Schusterei wieder aufgebaut hatte und die ganze Gegend war froh, dass es wieder eine ordentliche Schusterei gab. Er war sehr nah bei diesen Menschen und war froh, diese mit seinen Schuhen ausstatten zu können.

    Doch die Zeiten wurden schlechter. Die kleine Schusterei hat immer weniger Schuhe verkauft, weil auch die Zwerge an Schuhen gespart haben. Die alle 10 Jahre stattfindende SchuKon-Tagung stand an und Aurelosch beriet sich mit seinen alten Atelier-Meistern, was dieses mal auf dieser Tagung Wichtiges war. Die Atelier-Meister schauten ihn traurig an und sagten: „Das wird dieses mal ein hartes Treffen für uns. Wir werden unter Kritik stehen." Aurelosch selbst ging gar nicht gern auf diese Tagung, weil er dort diese eitlen Ober-Zwerge der anderen Schustereien, die alle in feinsten Schuhen und in feinster Kleidung auftraten, traf. Sie machten keinen Hehl daraus, dass sie die Erfolgreichen waren.

    Sie berieten sich und waren damit einverstanden, dass sie sich sehr zurück halten. Sie gingen zur Tagung und man sah ihnen bereits an ihrer Kleidung an, dass sie eigentlich nicht aus einer echten Schusterei stammten, weil alle anderen wie Fürsten-Zwerge aussahen: Man feierte sich selbst. Aurelosch und seine Zwerge standen abseits. Sie liebten es, etwas im Dunkeln zu stehen, da sie wussten, dass sie hier nicht erwünscht waren.

    Gerade beendete der SchuKon-Zwergen-Präsident seine Rede: „Meine lieben Schuster-Zwerge, es ist somit klar geworden, dass wir Schustereien für die Stabilität unserer Zwergengesellschaft zuständig sind. Wir dürfen in unseren eigenen Reihen keine Schustereien tolerieren, die wirtschaftlich instabil werden, sondern wir benötigen Stabilität." Aurelosch und seine Mannen wussten, dass sie gemeint sind. Aurelosch flüsterte: „Jetzt gehen wir. Jetzt reicht es mir."

    Von dem Zeitpunkt an, sah man Aurelosch etwas müde durch seine Wald-Schusterei von Atelier zu Atelier gehen. Seine Sorgenfalten hatten sich vergrößert und sein Bart war noch länger geworden. Man hatte ihm erzählt, dass auf den Dörfern die Zwerge aus der Stadt-Schusterei immer öfter auftauchten und behaupteten, dass sie die besseren Schuhe hätten und sie deutlich billiger verkauften, als die Wald-Schusterei dies konnte.

    Aurelosch wusste ebenfalls, dass das eigentlich nur mit der Erlaubnis der SchuKon durchführbar sei, weil die Schustereien Konkurrenz auf dem eigenen Gebiet vermieden. Er kannte den Ober-Zwerg der Stadt-Schusterei und er wusste, dass dies ein eitler Zwerg war. Dieser bezog sein Selbstbewusstsein nur aus der Größe seiner Schatzkammer, die redliche Schuster-Zwerge jahrhundertelang erarbeitet hatten. Aurelosch dachte bitter: „Der hat doch gar nichts gearbeitet. Er hat einfach nur diese Schatzkammer geerbt." Er wusste, dass dieser Zwerg überall, wo sich Chef-Schuster trafen, schlecht über ihn redete. Aurelosch war verzweifelt. Er sah, dass seine alten Atelier-Chefs mit großen Sorgen an ihren Schuhen arbeiteten, von denen sie immer weniger verkauften.

    Aurelosch wusste sich nicht mehr zu helfen. Jedes mal wenn die alten Atelier-Chefs zu ihm kamen und haben ihm vorgeschlagen, das oder jenes einzusparen, hat er sie mit sehr traurigen Augen angeschaut und gesagt: „Aber meine lieben Zwerge, dann sind wir doch keine richtige Schusterei mehr". Er war sehr traurig bei diesem Gedanken und konnte sich nicht entscheiden.

    Sein ältester Atelier-Chef sagte: „Aurelosch, das wird schief gehen. Du weißt ja warum." Aurelosch wusste warum, weil er beobachtet hatte, dass die Spezialisten-Zwerge, wie es ihrer Fachkompetenz entsprach, immer mehr extravagante Schuhe herstellten und sie sorgten immer mehr nur noch für sich selbst. Sie machten sich Schuhe und manch einer lief bereits mit einem Ledermantel nach Hause, den er sich am Tag selbst gemacht hatte. Manchmal fehlten einige Felle, die die Schusterei eingekauft hatte, um Schuhe zu machen. Offensichtlich bedienten sich diese Spezialisten immer mehr an der Wald-Schusterei. Aurelosch war verbittert, weil er an seiner Wald-Schusterei hing. Er ging oft sehr traurig nach Hause und wusste sich nicht wirklich zu helfen.

    Er dachte oft an alle redlichen Unter-Zwerge, die in den jeweiligen Ateliers arbeiteten und er wollte unbedingt diese Wald-Schusterei wegen diesen Zwergen erhalten. Eines Morgens kam er von Zuhause in die Schusterei und es war seltsam still. Die beiden alten Atelier-Meister standen mit Panik in den Augen vor ihren Ateliers. Sie warteten offensichtlich auf Aurelosch. Aurelosch ging zu ihnen und fragte: „Was ist los? Wo sind die Anderen?" „Sie sind nicht da," flüsterte der eine und der andere sagte: „Sie werden auch nicht mehr kommen." Bei näherem Hinsehen sah er, dass alle Unter-Zwerge da waren, jedoch die Atelier-Leiter, die Spezialisten, hatten ihnen für heute keine Arbeit gegeben. Aurelosch hatte keine Erklärung, bis er plötzlich in seinem Rücken spürte, dass da irgend etwas war. Die beiden erfahrenen Atelier-Chef-Zwerge blickten mit ihren panischen Augen ebenfalls dort hin.

    Er drehte sich um und sah, dass die Ober-Zwerge, der SchuKon und der eitle Ober-Zwerg der Stadt-Schusterei hinter ihm standen. Martialisch mit ihren Armen vor der Brust und den Zwergenbart jeweils fein darüber gelegt. Aurelosch dachte: „Jetzt schließen sie mir meine Wald-Schusterei." Richtig in Panik geriet er dann, als er hinter dieser feinen Gesellschaft seine Spezialisten sah, die in ähnlicher martialischer Position dastanden: Sie hatten sich alle in der Stadt-Schusterei von dem eitlen Oberzwerg anstellen lassen. Sie hatten ihn und die älteren Atelier-Leiter verraten und verkauft.

    Der altehrwürdige Chef der SchuKon, ein Zwerg mit Locken im Bart und an jedem Zwergenfinger einen Ring, an denen Brillanten nur so glitzerten, sagte: „Aurelosch, es ist vorbei. Gib deinen Schlüssel zur Schatzkammer her. Es geht nicht mehr." Der eitle Chef-Zwerg der Stadt-Schusterei keifte: „Gib ihn mir, gib ihn mir. Ich übernehme, ich übernehme, ich übernehme." Aurelosch zog die Kette mit dem Schlüssel der Schatzkammer über seinen Kopf. Er trug ihn immer am Körper. Er übergab ihn zitternd und wortlos an den eitlen Zwerg. Einer der Spezialisten sagte dann noch: „Wir konnten doch nicht anders, wir konnten doch nicht anders." Jedoch Aurelosch hörte dies nur noch zur Hälfte. Er schaute seine alten Atelier-Meister an, gab beiden die Hand. Aus sechs Augen kullerten schwere Tränen auf den Waldboden.

    Aurelosch packte aus dem eigenen Atelier sein persönliches Schuster-Werkzeug zusammen. Seit Jahrhunderten hatte er diese Werkzeuge benutzt. Ohne sich umzudrehen ging er in den Wald. Er wanderte sicherlich zehn Tage und zehn Nächte bis er an dem anderen Waldrand etwas Licht sah. Dort hörte er eine Vogelstimme fiepen. Als er näher zu diesem Fiepen ging, sah er, dass es eine Meisen-Mutter war, die lauthals weinte. „Was ist denn los?" fragte Aurelosch, dem es ebenfalls nicht gut ging. Die Meisen-Mutter sagte: „Schau doch, schau doch, mein Kind hat sich die Kralle eingequetscht. Jetzt vor dem Winter. Was soll das werden? Er wird es nicht überleben."

    Aurelosch, der ein sehr hilfsbereiter Zwerg war, schaute sich den Fuß der kleinen Meise an. Tatsächlich, der Fuß war mindestens drei mal gebrochen. Nach einer Weile Nachdenken sagte er zur Meisen-Mutter: „Meisen-Mutter ich glaube, ich kann dir helfen. Ich habe eine Idee." Er nahm sein Schuh-Werkzeug und er hatte noch kleine Fetzen von Leder in seiner Tasche. Mit seiner großen Fingerfertigkeit fertigte er einen kleinen Krallenhandschuh aus steifem Leder für die Meise an und steckte sie ihr an die Kralle. „Schau, Meisen-Mutter" sagte Aurelosch offensichtlich sehr zufrieden, „jetzt ist seine Kralle geschützt, so dass er den Winter gut übersteht." Die Meisen-Mutter kontrollierte das Werk, sah zufrieden aus und sagte zu Aurelosch: „Warte!" Die Meise flog weg und kam zurück mit einer Schlehenbeere im Schnabel und gab sie Aurelosch. Aurelosch wusste, dass gerade zu Beginn der Winterzeit die Schlehen das einzige Essen war, was Meisen hatten. Dies brachte sie über den Winter. Eine Schlehenbeere war somit sehr wertvoll für diese Meise. Er nahm sie dankend entgegen und als er wegging glitzerte in seinen Augen die gleiche Begeisterung und das gleiche Lächeln mit dem er anfänglich in der Wald-Schusterei arbeitete…


    Die Zwergen-Schustereien hörten überhaupt nichts mehr von Aurelosch. Er war wie vom Zwergenboden verschwunden.

    Die Zwerge bekamen nicht mit, dass in der Vogelwelt Aureloschs Krallenhandschuh reißenden Absatz hatte und Aurelosch schon mehrmals zum Ehrenvogel des Jahres gekrönt wurde.


    Für einen aufrechten Unternehmer und Zwergenfreund.



    jd







  • 2015: Der Mann mit den Wörtern

    - Von der Stille -

    Es war vor langer Zeit in einer großen Stadt, in der Zeit, wo groß heute als klein gelten würde. Die Stadt war von hohen Mauern umgeben, wie man sie heute noch manches Mal als historische Anekdote oder auch als Ruine sehen kann. Die alte europäische Ordnung war noch wirklich in Ordnung. Fürsten und Religionsfürsten, Zünfte und Bürgersräte bestimmten das Geschehen in dieser Stadt.

    Es war also alles noch „in Ordnung".

    Hinter dem Dominikanerkloster und vor dem Münsterplatz, in einer kleinen Seitengasse, gab es einen Bäckerladen: der Bäckerladen von Johannes Molitor.

    Johannes Molitor war, wie es sich damals gehörte, Bäcker, mindestens in der 4. Generation. Jedoch die ganz Alten erzählten, dass diese Familie eigentlich schon immer Bäcker war. Seit Generationen hießen die jeweils ältesten Söhne Hans. Diese wurden dann alle Bäcker. Und so musste man die Aushängeschilder nicht ändern.

    Die Menschen in dieser Stadt, die Alten, sowie die Jungen, die es schnell lernten, nannten diesen Bäcker den Brothans und die Gasse, die natürlich ganz anders nach einem Heiligen hieß, wurde von den Leuten einfach die Brothansgasse genannt. Dies war einfach praktischer.

    Der Brothans, der uns interessiert, war bereits seit mehreren Jahren Bäcker. Seine Eltern wurden so langsam alt und hatten sich schon eine Weile aus dem Laden zurück gezogen. Brothans war ein tüchtiger Bäcker, jedoch wären die Menschen ehrlich, dann war ihnen das Brot, das sie dort kauften, gar nicht so wichtig: Brothans konnte gut zuhören und vor allem reden. Er war ganz anders als seine Eltern, da diese sich eher still und freundlich auf ein minimales „Guten Morgen" und „Aufwiedersehen" reduziert hatten und dieses auch richtig so fanden.

    Brothans redete mit den Menschen und vor allem: er redete über die Sorgen der Menschen. So wurde mit den Jahren der Bäckersladen richtig bekannt. Nein, nicht wegen dem Brot, sondern wegen den guten Wörtern von Brothans. Man sah mit den Jahren immer früher Frauen zum Brot einkaufen in die Brothansgasse gehen, da sie ihn möglichst alleine oder wenigstens mit nur einigen anderen Kunden teilen wollten, denn er redete so gut vom Leben. Er teilte und verstand die Sorgen dieser Menschen: die Krankheit in der Familie, das frühe Sterben von Verwandten, Armut, die sie plagte, die persönlichen Sorgen in der Ehe, alles, was Bürgersleute so beschäftigte.

    Man munkelt sogar, und dies waren vor allem die bösen Zungen der Stadt, dass man Frauen sah, und gelegentlich auch Männer, die immer kleinere Portionen Brot pro Tag kauften, damit sie mehrmals in den Laden gehen konnten, so dass es Zuhause nicht auffiel und nicht zu viel Brot gekauft wurde.
    In dieser Zeit entwickelte Brothans eine eigene Art:
    Morgens bzw. in der Nacht in seiner Backstube dachte er über diese Geschichten, die er hörte, nach. Das heißt, eigentlich dachte er nicht, sondern, da niemand in der Backstube war, redete er. Er erzählte sich selbst oder wem auch immer, die ganzen Geschichten noch einmal und erzählte sie aus mehreren Perspektiven, erzählte mögliche Lösungen und auch mögliche hilfreiche Lösungen für diese Geschichten.

    So verbrachte er die Zeit und irgendwie spürte er, dass es ihm sehr gut tat, dies so zu tun. Als dann die Leute am frühen Morgen bzw. den ganzen Tag zu ihm einkaufen gingen und er im Laden stand, erzählte er die Geschichten mit den besten Lösungen. Er sah häufig diese Leute weggehen mit funkelnden Augen und einem leichtem Lächeln auf den Lippen. Er war sehr stolz.

    Er war sehr stolz… Und hier können aufmerksame Leser jetzt schon denken: „Ein Bäcker, der stolz ist auf sein Reden und nicht auf sein Brot, ob das gut ist? Ob diese Geschichte gut ausgeht?"

    Unser Brothans hat sich darüber keine Gedanken gemacht, da er einfach glücklich und zufrieden war.

    Im Gegensatz zu seinen Eltern hielt Hans kaum Kontakt zu seiner Verwandtschaft: Die Geschichte seiner Verwandtschaft erzählte er sich auch in seiner Backstube. Natürlich gab es manche Ähnlichkeiten mit den Geschichten seiner Kunden.

    Brothans mochte diese Menschen, die als seine Familie galt, alle nicht, da, wie er fand, diese alle die Wörter unehrlich nutzten. Sie waren freundlich untereinander, waren aber immer neidisch. Sie haben alle die Verwandtschaft gepflegt, waren jedoch alle froh, wenn sie die Rücken der Verwandtschaft sahen, wenn sie am Abend gegangen waren. Seine Eltern waren ebenfalls so. Knapp war die Verwandtschaft weg, wurde über sie hergefallen. Kurz, knapp und heftig, wie sich das gehörte für eine Bäckersfamilie, aber es wurde über sie hergefallen. So hatte Hans von Anfang an gelernt, dass Wörter Lügen sein konnten und er hatte sich sehr häufig in seiner Backstube ausgemalt, was seine Verwandtschaft über ihn sagte, wenn er dann weg war. Er erfand in der Backstube für sich selbst mit seiner Verwandtschaft nie schöne Geschichten, und wie wir heute wissen, sie stimmten alle.

    So war Hans in seiner Verwandtschaft ein sehr Stiller und die Verwandtschaft verstand überhaupt nicht, dass alle Nachbarn von diesem Brothans so redeten, als würde er die ganze Zeit reden. Er schloss diese aus seinem Talent aus.

    Brothans redete und redete in seiner Backstube Tag für Tag, Jahr um Jahr und in der ganzen Stadt war er für seine echten Wörter bekannt. Man sah auch die Pfäffchen der Stadt, die immer sehr früh in der Nacht kamen, um sich für die Predigt am Sonntag Rat zu holen. Der Bürgermeister kam - dieser allerdings spät am Abend, wenn schon niemand mehr im Laden war und es auch kein Brot mehr gab - und fragte Brothans um Lösungen für seine nächste Ratsrede. Brothans konnte immer wieder diese wunderbar funkelnden Augen sehen wenn die Leute gingen. Manchmal sagte er ihnen, er müsste einige Nächte darüber backen. Das ist das Einzige, das die Leute komisch fanden, denn sie wussten ja nicht, dass Hans sich in der Backstube selbst diese Geschichten wieder und wieder erzählte und aus anderen Perspektiven erzählte, bis er eine Lösung hatte.

    Er hatte auch schon lange eine Lösung für sich selbst gefunden.

    Der Plan stand.

    Seine Eltern hatten große Sorgen, denn die sahen, dass Hans trotz reger Kundschaft und reger Bekanntheit immer weniger Brot verkaufte. Die Leute kauften kleinere Mengen, blieben länger im Laden und Hans backte immer weniger Brot.

    Seine Vater hatte ihn bereits streng ermahnt, dies zu ändern und seine Mutter hatte Brothans schon weinend erlebt und bittend, dass er das ändern soll. Brothans sagte dann immer nur: „Ja, Ja". Er hatte ja unehrliche Wörter in seiner Familie gelernt.

    Das Geschäft von Brothans ging also immer schlechter. Eines Tages starb dann sein Vater und kurz darauf auch seine Mutter. Er brachte alle beide ordentlich zu Grabe, jedoch keiner in der ganzen Stadt sah ihn trauern. Normalerweise wurde so etwas in diesen Zeiten nicht toleriert. Doch Brothans, den sie alle brauchten, hatte hier Freiheiten.

    Seine Eltern waren noch kein Jahr tot, da machte Hans den geplanten Schritt: Durch den Marktschreier ließ er in der ganzen Stadt verkünden, dass Brothans seinen Bäckerladen zu Ostern schließen wird, jedoch sofort und direkt anschließend einen Wörterladen eröffnet und er sich ab jetzt Wörterhans nannte. Die Menschen in der Stadt nahmen das zur Kenntnis und sie wunderten sich eigentlich nicht. Das wenige Brot, das sie bei Hans kauften, war sowieso unwichtig, da sie - und viele taten das schon seit längerem - das wirklich gebrauchte Brot woanders kauften, sowieso nur wegen den Wörtern von Hans zu ihm gingen. Den Geizigen unter ihnen tat es weh, da sie jetzt sicherlich bald für Wörter bezahlen mussten. Das sahen diese natürlich nicht ein. Diese wurden jedoch von ihren Ehepartnern streng ermahnt, dass sie sofort damit aufhören sollten. Die Wörter wurden gebraucht. Und die Ehepartner wiesen auf die Unfähigkeit der Geizigen, mit Wörtern umzugehen, hin, das diese zum Nachgeben zwang.

    Brothans nahm das uralte Schild mit dem Brot und dem Wort Brothans ab, wickelte es in eine Öldecke ein und legte es auf den Speicher. Er hatte heimlich beim Schmied ein neues Schild machen lassen auf dem ein Kopf, der redete, abgebildet war und unten drunter mit dem Wort „Wörterhans" verziert war. Er hielt am Morgen des Ostermontags dieses Schild in der Hand, holte die Leiter und hing es andächtig auf, endlich mit dem Gefühl, dass er jetzt alles richtig mache. Und so legte Hans los, wobei er so weiter lebte wie bisher. In der Nacht redete er sich die Lösungen der Sorgen der Menschen herbei und erarbeitete sich neue Perspektiven für diese und am Tag verkaufte er dann diese Wörter und die Leute gaben ihm gerne ihr Geld dafür.

    Er wurde sogar noch viel besser, als er war: Er musste dieses lästige Teig machen und Brot backen nicht mehr jede Nacht absolvieren, sondern er konnte sich ausschließlich auf die Wörter konzentrieren, die für diese Menschen alle wichtig waren.

    So ging dem Brothans sein Leben - oh, Entschuldigung, auch der Autor muss sich noch daran gewöhnen - dem Wörterhans sein Leben erst richtig los.

    Wörterhans wurde in der Stadt, und vor allem außerhalb der Stadt, noch bekannter. Jetzt kamen auch vermehrt die Händler zu ihm. Da die Händler viel reisten und auf ihren Handelsreisen über die guten Wörter von Wörterhans zählten, um sich bei ihren Kunden wichtig zu machen, fingen diese auch an, sich für Wörterhans zu interessieren und reisten in diese Stadt.

    Neue Lösungen, neue Perspektiven, Geld zu verdienen, war für alle Händler wichtig, so dass plötzlich ein reger Reisebetrieb in dieser Stadt entstand. Heute würde man sagen: Wörterhans war wichtig für die Tourismusbranche der Stadt und alle waren sehr zufrieden. Auch die Händler reisten zufrieden mit neuen Ideen für ihre Geschäfte ab.

    Und immer mehr kamen. So viele sogar, dass der Bürgermeister irgendwann Hans als Ehrenbürger der Stadt erhob, da auch der Rat durch die vielen Übernachtungen und Eintrittsgelder mehr Geld zur Verfügung hatte.

    Jedoch damit war es nicht genug.

    Es kamen plötzlich Menschen zu ihm und sagten: „Meister Wörterhans" - man nannte ihn jetzt Meister - „ich möchte bei Dir in die Lehre gehen." Es kamen auch Mönche, Pfarrer, Anfänger und viele zu ihm, die bei ihm in die Lehre wollten. Sogar zwei Bischöfe baten ihn um eine Lehre in Diskretion. Diese nahm unser Wörterhans natürlich nicht, und überhaupt hatte er sich lange überlegt, ob er das machen sollte.

    Er fand jedoch eine gute Lösung.

    Er nahm die Lehrlinge zu der Bedingung, dass sie einfach in der alten Backstube saßen, ohne ein Wort zu sagen und ihm zuhörten, damit er seine vielen Wörter in der Nacht sortieren konnte. Die waren einverstanden worüber er sich selbst wunderte, denn er hörte diese ja nie reden. Auch hier passierte es: Eines Tages durchbrach der Lehrling die stille Regel und er fing an über seine Sorgen und seine Geschichten zu erzählen und Wörterhans machte - Entschuldigung, Meister Wörterhans - machte das Gleiche wie immer: Er fing an über diese Geschichte laut zu reden und fand so eine gute Lösung.

    Meister Wörterhans entwickelte nun diesen Ansatz weiter.

    Er bat nun seine Lehrlinge, bei einfachen Geschichten, zu denen er bereits vor Jahren Lösungen erarbeitet hatte, diese mit den Menschen am Tag zu besprechen.

    Diese murrten jedoch am Anfang, wenn Meister Wörterhans nicht selbst kam. Aber was sollten sie tun? Besser eine Lösung von Meister Wörterhans, die zwar von ihm nicht vorgetragen wurde, als keine Lösung. Aber richtig zufrieden waren sie nicht.

    Und so gingen die Jahre der Erfolge hin und alle hatten sie sich an ihren Meister Wörterhans und an sein komisches Geschäft gewöhnt. Meister Wörterhans genoss hohes Ansehen weit über die Stadt. Der Rat freute sich bei jeder Zusammenkunft, wie viel die Stadt an Wörterhans verdiente und die fanden das gut so.

    Nach langen Jahren war Meister Wörterhans in die Jahre gekommen. Er merkte, dass sich seit geraumer Zeit etwas änderte.

    Jedoch, da nicht wirklich etwas Schlimmes geschah, machte er weiter.

    Allerdings gab es da schon einen Unterschied: seine eigenen Geschichten erzählte er sich in der Nacht nicht mehr, da ja alle seine Lehrlinge um ihn herum saßen. Und das ging diese nichts an. Am Tag redete er mit seinen Kunden. Er hatte also keine Zeit, sich Geschichten über sich selbst zu erzählen und somit zu merken, dass gerade die Dinge sich änderten.

    Manchmal, kurz vor dem Schlafengehen, rutschten ihm doch einige Sätze raus. Diese Sätze klangen so:
    „Das habe ich doch nun schon tausend mal gesagt."
    „Warum weiß der die Lösung nicht, sie ist doch so einfach?"
    „Kann man eigentlich so dumm sein, um dafür noch Sorgen zu entwickeln?"
    „Das habe ich doch schon seit Jahren gelöst."
    „Die Lehrlinge werden auch immer dümmer."
    „Früher waren diese sehr viel intelligenter."
    „Die Leute erzählen mir nichts mehr Neues, alles alte Kamellen, die mich langweilen."

    Er sagte diese Sätze, immer öfter vor dem Schlafengehen und vor dem Aufstehen. Er hatte ja nie viel Zeit, da er für andere Lösungen machen musste. In der Stadt erzählte man sich, dass die Kunden unzufriedener wurden mit Meister Wörterhans. Die Lehrlinge erzählten Blödsinn, banale Lösungen. Manche fingen an manche Lehrlinge total abzulehnen. Meister Wörterhans schmiss sie raus. Die bösen Zungen der Stadt freuten sich, weil sie einen neuen Gesprächsstoff hatten: „Meister Wörterhans macht seine Arbeit schlecht." Und tatsächlich war es auch so: Meister Wörterhans langweilten alle diese Sorgen, die er doch alle bereits seit Jahren gelöst hatte und er spulte einfach diese Wörter ab.

    Er merkte plötzlich gar nicht, dass der dann doch so wurde wie seine Verwandtschaft: seine Wörter wurden unehrlich.

    Die Zeit ging dahin und sein Geschäft ging schlechter. Er konnte jedoch gut davon leben.

    Die Wichtigen, die zu ihm kamen, Bürgermeister, Pfarrer, Äbte, reiche Händler, wurden immer unzufriedener und ärgerten sich immer mehr über seine Preise, die Wörterhans in den letzten Jahren stolz in die Höhe getrieben hatte.

    Meister Wörterhans redete in seinen Wörterverkaufsstunden immer mehr, immer lauter, immer schneller. Er trieb seine Lehrlinge an. Diese fühlten sich oft ungerecht behandelt. Er fertigte die Leute richtig in der ehemaligen Backstube ab, beleidigte sie, bewertete sie, weil er das richtig fand.

    Die Geschichte nahm dann seinen Lauf und eines Tages war es dann so weit.

    Der gesamte Rat stand in der Brothansgasse vor dem Wörterhansladen und der Bürgermeister ging mit einer kleinen Delegation in den Laden hinein. Meister Wörterhans saß, wie immer, in der ehemaligen Backstube und wunderte sich. Der Bürgermeister sprach: „Brothans".

    Brothans erwiderte: „Mein Name ist Wörterhans, Bürgermeister, das weißt Du ganz genau". Der Bürgermeister wiederholte: „Brothans, hiermit werfen wir Dich raus aus der Stadt. Wir brauchen Dich nicht mehr. Wir brauchen in diesen Räumen wieder einen Bäcker, wie sich das für eine Stadt gehört und ein Bäcker in der Stadt fehlt. Deine Wörter sind hohl geworden. Verschwinde! Wenn Du bis heute Abend nicht draußen bist, lassen wir Dich, ehe die Tore schließen, vor diese werfen. Verschwinde!"

    Wörterhans klappte die Kinnlade runter und zum ersten mal passierte ihm, was er gar nicht kannte, er war sprachlos. Wörterhans ohne Sprache existierte nicht.

    Er empfand Todesangst, rang nach Wörtern und nach Luft und als er wieder etwas zu sich kam, war der Bürgermeister und die Delegation weg.

    Allerdings standen zwei Wachen vor seinem Wörterladen. Jetzt packte es Wörterhans bei seinem Stolz. Er lief hoch in seine Wohnung, nahm das Allerwichtigste und ging aus seinem Laden und fing an lauthals über die Ungerechtigkeit der Bürger dieser Stadt, über die Unfähigkeit mit seinen Lösungen umzugehen, zu reden. Er fing an, die Geschichten der Menschen, die bisher immer unter vier Augen besprochen wurden, laut hinaus zu posaunen und gegen diese Menschen zu pöbeln.

    Er schrie und schrie.

    Er ging alle wichtigen Straßen dieser Stadt ab, damit jeder mitbekam, dass Wörterhans mit erhobenem Haupt dieses Heuchelpack verließ. Hier gab es nur Unehrliche und Undankbare.

    Wörterhans zeigte, dass er diese Stadt mit seinem verletzten Stolz verließ.

    Mit hoch erhobenem Kopf verließ er die Stadt- er ließ es sich nicht nehmen, erst drei Minuten vor Toresschluss aus der Stadt zu gehen, nachdem er den ganzen Tag Zeder und Mordio geschrien hatte, ohne sich umzudrehen. Man hörte ihn noch lange außerhalb der Stadtmauern über die Undankbarkeit dieser Menschen schreien.

    Wörterhans war in dieser Stadt nie mehr gesehen.

    Er ging durch den Wald und redete und redete und redete. Er wiederholte alle Geschichten, wie gute Lösungen er gefunden hatte und er wanderte und redete tage- und nächtelang. Er wusste selbst nicht, wo er diese Energie her hatte. Nach Tagen, es mögen auch Wochen oder Monate gewesen sein, passierte ihm das, was noch nie passiert war: Er hatte gar keine Wörter mehr, alles war gesagt.

    Er hatte alle Städte, die er von Weitem an den hohen Mauern erkannte und alle Dörfer vermieden.

    Als ihm dann die Wörter fehlten war er gerade an einem Fluss, an dem Trauerweiden wuchsen.

    Er brach zusammen und schleppte sich mühsam zu einer der Trauerweiden und lehnte sich gegen den Stamm.

    Den Wanderstock noch in der Hand haltend, saß er still - lieber Leser, Brothans saß still - an der Trauerweide. Er weiß nicht mehr, wie lange er da saß. Er weiß nur noch Folgendes:

    Irgendwann kam ein kleines Mädchen daher gehüpft, das ihn erst von Weitem, dann immer von Näherem anschaute, bis es vor ihm stand. Das kleine Mädchen guckte ihn mit großen Augen an. Wörterhans wurde völlig unsicher und was sollte er machen? Er schaute kurz auf das Mädchen und dann wieder zu Boden und dann wieder auf das Mädchen und dann wieder zu Boden. Er war völlig hilflos.

    Das Mädchen machte ein schiefes Köpfchen und guckte ihn an. Vielleicht vergingen auch hier wieder Tage bis das Mädchen irgendwann zu ihm kam und sich an ihn kuschelte. Für Hans war das ein völlig unbekanntes Gefühl. Er spürte den Körper dieses kleinen Mädchens an sich kuscheln und es kamen ihm seit langer, langer Zeit die ersten Wörter wieder und er fragte sie: „Warum kommst Du zu mir?"

    Das Mädchen sagte: „Wegen Deiner Stille."

    Das Mädchen schaute ihn noch lange Zeit an und sah Wörterhans im Stillen weinen.

    Niemand weiß heute mehr was aus beiden geworden ist.

     

    jd







  • 2016: Die Rückkehr der Prinzessin ohne Land

    (Die Prinzessin ohne Land II,

    Folge der Weihnachtsgeschichte vom Jahr 2010)


    Von der Grausamkeit des Scheiterns einer persönlichen Entwicklung und von den Unschuldigen, die geschädigt werden

     

     

    Das stille Grab

     

    Nach weiteren langen Jahren stand eines Tages ein Mann vor dieser Franziskanerkirche. Er war vom Leben gezeichnet, sehr alt und er hinkte. Auch hatte er irgendwie einen schiefen Rücken. Das Leben war wohl nicht sehr gut zu ihm gewesen.

     

    Am Portal saß ein Mann.

    Der vom Leben Gezeichnete schaute ihn an. Er kannte ihn, nur dass dieser noch so aussah, wie vor langer, langer Zeit.

     

    Der Mann, der am Portal saß, sagte: „Troubadour, Du bist zurück?" Der Troubadour sagte: „Oh, Du kennst mich noch?"

    Der Mann am Portal sagte: „Ich bin doch nur wegen Dir da."

     

    „Ich komme zum Grab."

    „Ja," sagte der Mann, „ich weiß. Bist Du Dir sicher?"

     

    Der Troubadour schaute den Mann an und sagte „Wieso stellst Du so eine Frage, Du weißt doch, dass ich vor langen Jahren die Sicherheit hinter mir gelassen habe."

     

    Der Mann am Portal sah den Troubadour an und fragte erneut: „Bist Du Dir sicher?" „Nein", antwortet dieser und ging in die Franziskanerkirche hinein bis zu diesem Grab.

     

    Es war ein Doppelgrab, aber nur mit einem Namen: Die Prinzessin ohne Land.

     

    Man konnte die Inschrift gerade noch lesen, da viele Leute in dieser alten Kirche auf und ab gingen. Das Grab sah auch schon aus, als hätten die Menschen das alles schon lange vergessen.

     

    Der Troubadour fühlte sich sehr alleine.

     

    Der Troubadour blieb vor dem Grab stehen und ließ sich ein. Es war wie ein Tagtraum, …

     

     

    Die Reise ins Land der Prinzessin ohne Land

     

    … Er wartete jedoch lange. Der Troubadour kam nie mehr sein Zeug holen.

     

    Menschen aus den umliegenden Dörfern berichteten jedoch, dass sie einen Mann mit einer kleinen Gestalt gesehen hatten. Sie berichteten alle, dass sich dieser Mann ganz intensiv mit dieser kleinen Gestalt unterhielt. Ebenfalls berichteten sie, dass beide weinten.

     

    Nur die Mutigsten unter ihnen flüsterten: „Sie sind auf dem Weg in das Land der Prinzessin ohne Land. Stehe ihnen Gott bei."

     

    Der Troubadour und sein Gnom gingen Hand in Hand eine Weile weiter und sie weinten leise, beide auch sicherlich zum Glück, dass sie sich jetzt so an der Hand nehmen konnten.

     

    Der Gnom sagte: „Ich bin Dir dankbar, dass Du mich rausgelassen hast."

     

    Der Troubadour sagte: „Ich hoffe, es war kein Fehler, aber ich merke, es war richtig."

     

    „Sag mir Gnom, weißt Du wo das Land der Prinzessin ohne Land ist?"

     

    Der Gnom sagte: „Ja."

     

    Der Troubadour blieb erstaunt stehen: „Aber dann sage, mir doch, wo es ist, dann müssen wir dort hingehen, denn da ist die Prinzessin ohne Land mit ihrem Gnom und mit denen, die damals alle ausgezogen sind mit ihrem Gnom."

     

    Der Troubadour spürte, dass er böse wurde und der Gnom reagiert sofort. „Troubadour, Du hast grausame Gedanken. Du weißt, dass Du mich damit wachsen lässt. Du wirst dann auch wiederum grausam. So ist die Regel."

     

    Der Troubadour beruhigte sich sofort und sagte: „Ja, Entschuldigung. Du hast Recht. So frage ich Dich noch einmal sehr freundlich lieber Gnom, kannst Du mir sagen, wo das Land ist?"

     

    Der Gnom lächelte verschmitzt und sagte: „Wir sind schon da!"

     

    Der Troubadour spürte kurz wieder Wut. Der Gnom reagierte wieder. Doch plötzlich sah der Troubadour vor sich ein Dorf liegen in dem Menschen auf der Straße umherliefen, die auch die ganze Zeit eine kleine Gestalt neben sich hatten.

     

    Der Troubadour verstand und er wusste, hier bin ich im Land.

     

    Sie gingen beide auf das Dorf zu.

     

     

    Heimat finden im Land der Prinzessin ohne Land

     

    Der Troubadour und sein Gnom kamen auf dem Dorfplatz an. Vor der Kirche stand eine große Linde, die, da es Frühjahr war, hellgrün leuchtete und von überall kamen Menschen auf diesen Platz geströmt. Alle hatten ihren Gnom dabei und sie beäugten den Neuen mit lächelndem Gesicht. Manche sagten: „Willkommen." Manche sagten: „Wie schön, dass Ihr beide auch da seid." Manche sagten: „Wir freuen uns auf Euch." Der Gnom, der viele Gnome sah, war völlig überfordert, weil einer häßlicher als der andere war und er wusste um seine eigene Hässlichkeit. Weil die Gnome dieses Gefühl gut kannten, sagten sie: „Lieber Gnom des Troubadours, hab keine Angst. Hier sind wir frei. Hier dürfen wir einfach sein. Grausamkeit darf hier so leben, dass sie nicht mehr grausam ist. Du auch, weil Du ebenfalls hier herzlich willkommen bist."

     

    Der Troubadour, der bisher still war, räusperte sich etwas und sagte: „Ich bin ja nur ein Troubadour und in dem anderen Land war ich ein Taugenichts. Ich weiß gar nicht, ob ich hier zu etwas nütze sein kann."

     

    Es wollten bereits mehrere Gnome und Menschen ihre Stimme erheben, um ihm das zu erklären, wie es in diesem Land anders war als in dem anderen, jedoch wurde es plötzlich still und die Menschen stoben auseinander und bildeten eine Gasse an der Kirche vorbei.

     

    Von Weitem sah man die Prinzessin in einem wunderschönen Kleid mit ihrem Gnom auf dem Arm kommen.

     

    Die Stille wurde so laut, dass sie kaum noch auszuhalten war. Die Menschen verneigten sich. Offensichtlich genoss die Prinzessin auch hier großen Respekt, so wie sie in alten Zeiten als sehr Grausame, die Tradition ihrer Eltern übernehmend, bekannt war.

     

    Es wurde still.

     

    Der Troubadour und sein Gnom sahen sich an und keiner von den beiden wusste, was sie jetzt tun sollen. Sicherheitshalber hat der Troubadour seinen Gnom ebenfalls auf den Arm genommen und so, wie er es in der alten Welt gelernt hat, kniete er nieder. Die Prinzessin sagte mit einer festen Stimme: „Troubadour steh auf, hier brauchst Du das nicht mehr. Sei willkommen hier bei uns und pflege Deine Beziehung zu Deinem Gnom. Das alleine reicht. Du fragtest nach der Nützlichkeit. Weißt Du, das ergibt sich hier. Das Einbinden Deiner Grausamkeit, die Beziehung zu Deinem Gnom, das freie Leben Deines Gnoms hier, das reicht für ein Leben."

     

    Der Troubadour flüsterte nach und schaute sich seinen häßlichen Gnom auf seinem Arm an. „Die Beziehung zu meinem Gnom, reicht für ein Leben?" und er spürte seinen Zweifel. Der Gnom reagierte und schaute ihn etwas böse an. Die Prinzessin sagte: „Es ist wirklich so hier."

     

    Ein älterer Herr sagte zum Troubadour: „Komm mit, bei mir ist das Haus nebenan noch frei, da könnt ihr wohnen." Der Troubadour erkannte einer der grausamsten Barone und sein Gnom in der anderen Welt.

     

    Der Baron lächelte und sagte: „Ja, ich verstehe dass ihr Angst habt. Ich war ein sehr grausamer Baron und habe viele an den Henker und an den Folterknecht ausgeliefert." Er hatte an seiner Seite einen besonders häßlichen Gnom, der aber die Neuankömmlinge mit großen, begeisterten Augen anschaute. Er sagte: „Seid gewiss, wir kommen mittlerweile gut klar und ich muss nicht mehr die Grausamkeit spielen", und sie gingen vom Dorfplatz.

     

    Von dem Zeitpunkt an war der Troubadour und sein Gnom Nachbarn von diesem grausamen Baron und er übernahm die Musikfeste, das Singen und Musizieren in der Kirche und spielte auch öfters in der Dorfkneipe einfach so, um den Tag ausklingen zu lassen. Beide gingen in die Gnomschule, die mittlerweile von der Prinzessin eingerichtet war, um zu lernen wie sie beide sehr zusammenhingen, der Troubadour und seine Grausamkeit in Form des Gnoms.

     

    Es war komisch die Geschichten der Gnome zu hören, die erzählten wie es zu Beginn war und wie es jetzt ist. Auch die Prinzessin kam immer wieder und erzählte immer wieder, wie es für sie war, als sie damals auszog und wie es vorher war. Der Troubadour und sein Gnom waren dann sehr verbunden.

     

     

    Die unglaubliche Nähe

     

    Der alte Mann, der neben dem Troubadour wohnte, saß in der Kneipe und sagte zum Wirt, dessen Gnom gerade auf dem Weinfass tanzte, „Hast Du es schon gesehen?"

     

    „Mmmhh", meinte der Wirt, „wenn Du das Gleiche meinst wie ich, dann ja". Sie schauten sich eine Weile in die Augen und sie schwiegen wieder.

     

    Der alte Mann schaute in sein Weinglas.

     

    Draußen vor der Kneipe tollten die beiden Gnome von der Prinzessin und dem Troubadour herum. Sie kletterten flink in den Baum, spielten dort und waren einfach glücklich.

     

    Zwei Frauen kamen gerade vom Waschen am Bach zurück und schauten fröhlich in den Baum hinein. Die eine sagte zur anderen „Schau mal, man glaubt fast, es sind Zwillinge." Die andere schaute hoch und sagte: „Ja, tatsächlich."

     

    Bei näherer Beobachtung war es tatsächlich so. Der Gnom der Prinzessin und der Gnom des Troubadours glichen sich immer mehr.

     

    „Jetzt, wo ich daran denke", sagte die eine Frau, „die Prinzessin und der Troubadour sieht man ja auch immer öfters zusammen". „Ja, stimmt", sagte die andere. Und so war es auch. Die Prinzessin und der Troubadour sah man öfters am Dorfbach sitzen und miteinander reden, dann sah man sie wieder in dem kleinen Wäldchen spazieren gehen oder man sah sie auch einfach unter der Linde im Dorf sitzen.

     

    Irgendwie merkten die Leute, dass man sie besser in Ruhe zu lassen hat, denn sie waren so etwas wie abgekapselt.

     

    Die beiden Gnome trollten und spielten miteinander und es war alles gut.

     

    Alle freuten sich über diese Entwicklung und fanden das einfach spannend.

     

    Nur der alte Mann und der Wirt reagierten auf dieses Thema eher abweisend und mürrisch, aber niemand nahm sie wirklich ernst.

     

    Nach vielen Monaten, wo jeder sich an diese Nähe zwischen der Prinzessin und dem Troubadour gewöhnt hatte, mittlerweile waren die Gnome so gleich geworden, dass man sie definitiv nicht mehr unterscheiden konnte und die Leute sich immer irrten, wenn sie einer von beiden ansprachen, rief die Prinzessin das ganze Dorf auf dem Dorfplatz vor der Kirche zusammen. Alle waren sehr gespannt, weil sie wussten, dass jetzt sicherlich etwas Wichtiges kommen würde.

     

    Die Prinzessin ohne Land machte nie Ansprachen, denn eigentlich war sie ja gar keine Prinzessin, sondern sie hieß aus ihrem früheren Leben so.

     

    Ehe sie begann wischte sie sich einige Tränen weg und es wurde in der Menge sehr still.

     

    „Liebe alle, ich möchte Euch heute sagen, der Troubadour und ich, wir sind ein Paar."

     

    Ein Raunen ging durch die Menge, eher ein gelangweiltes, weil irgendwie wussten das ja alle schon.

     

    Die Prinzessin lächelte und sagte entschuldigend: „Ja, ich weiß, das ist jetzt nicht gerade eine Neuigkeit. Die echte Neuigkeit ist es, dass wir auf unseren Sohn warten, der jetzt bald geboren wird."

     

    Das Raunen wurde erstaunter, weil plötzlich alle merkten, dass in diesem komischen Land, ohne dass sich je jemand einen Gedanken gemacht hat, es das erste Kind war. Als das allen bewusst wurde ging ein Freudenschrei durch das ganze Dorf und alle hatten Tränen in den Augen.

     

    Die Prinzessin sagte: „Das eigentlich Wichtige, was ich", sie korrigierte sich, „was wir sagen wollen, wir möchten dieses Kind so betreuen, dass es nie einen Gnom braucht, um die Bosheit abzukapseln und wir möchten Euch bitten, dass Ihr alle helft."

     

    Das Dorf war plötzlich still und man hörte den Wind etwas durch die Gassen fegen und alle waren sehr ergriffen. Alle dachten an ihre Kindheit, wo sie herkamen.

     

    Alle dachten an diese Grausamkeiten, die sie erlebt hatten und wie das Leben eigentlich ohne Gnom wäre. Alle Gnome saßen plötzlich auch mit Tränen in den Augen und sie fühlten wie schön es wäre, eins zu sein mit den Menschen, zu denen sie gehörten.

     

    Dieser Tag war wohl ein besonderer in dem Land der Prinzessin ohne Land.

     

     

    Der alte Mann und die Prinzessin

     

    Nach einigen Monaten, die weiter in dieses Land der Prinzessin ohne Land hineinzogen, wurde es langsam Frühjahr, und es war die Zeit kurz bevor die Geburt des Sohnes der Prinzessin und des Troubadours angesagt war.

     

    Der alte Mann, der ehemalige Nachbar des Troubadours, denn der Troubadour wohnte mittlerweile bei der Prinzessin, ging an einem Abend zur Prinzessin. Die Prinzessin saß in ihrem Garten mit ihrem Gnom. Ihr Bauch war schon deutlich rund.

     

    Die Knospen kamen bereits an den Gehölzen im Garten und es war so ein Abend, wo man sich auf den Sommer freute.

     

    „Sei willkommen alter Mann", sagte die Prinzessin.

     

    Der alte Mann sah die Prinzessin an, setzte sich und er schaute auf die Prinzessin und dann auf den Gnom und sagte zur Prinzessin: „Prinzessin, es ist gefährlich, was ihr macht. Vielleicht wollt ihr zu viel. Es ist schon ein großes Glück hier mit unseren Gnomen und nicht gegen sie leben zu können und jetzt wollt ihr einen Sohn, der ohne Gnom lebt. Seid vorsichtig ihr beiden und sorgt gut für Euch, weil nach der Geburt des Sohnes alles anders ist. Reizt das Glück nicht bis aufs Messer. Das schafft Ihr nicht."

     

    Die Prinzessin zog die Augenbrauen zusammen und zum allerersten mal seit Jahren reagierte der Gnom sofort. „Alter Mann", sagte die Prinzessin, „fort mit Dir, du schwarzer Rabe. Was willst Du hier?" Die Prinzessin war wütend. Der Gnom schaute besonders häßlich in Richtung alter Mann und der alte Mann nahm seinen Gnom sofort auf den Schoß und sagte: „Hab keine Angst, mein Gnom. Für uns bleibt alles beim Alten" und er schaute die Prinzessin traurig an und ging tatsächlich fort.

     

    Die Prinzessin zog es vor, daran nicht mehr zu denken.

     

     

    Die glückliche Zeit

     

    In diesem Frühjahr noch wurde Jesoph geboren. Der Troubadour und die Prinzessin nannten ihn so. Es war ein großes Fest im ganzen Dorf. Alle Gnome und alle die dazugehörigen Menschen feierten diese Geburt und fühlten sich glücklich und alle nahmen sich vor zu helfen, dass Jesoph kein Gnom braucht.

     

    Manche fragten sogar ihren Gnom: „Sag mal Gnom, wie ist es denn für Dich, dass wir alle damit arbeiten, dass Jesoph kein Gnom hat. Ist es gut? Stell Dir einmal vor, es wäre bei mir so gewesen, dann würdest Du ja gar nicht existieren." Der Gnom lächelte vielwissend und sagte: „Ja, ich verstehe, was Du meinst, aber weißt Du, die Vorstellung einfach mit Dir so eins zu sein, dass ich in Dir lebe, ist so eine schöne, dass ich dabei gerne mithelfe." Sie schauten sich beide an und weinten eine Träne.

     

    So konnten die Gnome gut mit dieser Situation leben.

     

    Jesoph wurde schnell größer und spielte im Dorf ganz viel mit den Gnomen und war ein sehr, sehr glückliches Kind.

     

    Der Troubadour und die Prinzessin ohne Land sah man häufig als glückliches Paar durchs Dorf gehen und die beiden Gnome als Zwillingspaar waren nie weit weg.

     

    Der Troubadour kümmerte sich sehr viel um seinen Sohn und die Prinzessin und der Prinz genoss dies.

     

    Und irgendwie war es auch so, dass der Troubadour sich um alles Häusliche mit dem Sohn kümmerte, während die Prinzessin oft mit ihrem Sohn glücklich durchs Dorf stolzierte.

     

    Niemand störte das und es war alles gut.

     

    Der Troubadour saß oft unter der Linde und erzählte anderen, wie glücklich er sei mit Jesoph, weil er so viel aus seiner Kindheit neu erlebt. Er erzählte, dass er geschlagen wurde. Er erzählte, dass sein Vater sich gar nicht um ihn kümmerte. Er erzählte auch, dass die Mutter ihn eigentlich gar nicht haben wollte, so dass er eher einsam und alleine aufwuchs. „Ich genieße diese Zeit mit Jesoph hier mit Euch und ich kümmere mich so gerne um ihn, dass ich mich freue, in einer gewissen Form auch mein Leben wieder mit zu erleben."

     

    In diesen Momenten saß der Gnom auf seinem Schoß und schmiegte sich eng an den Troubadour. Er weinte oft, weil er wusste, dass er in dieser Zeit geboren war.

     

    „Und ich musste ja dann auch meinen Gnom verstecken in der Nische, die für die Gnome eingerichtet war in unserem Keller. Hatte auch diesen blöden Schlüssel, den ihr alle um den Hals hattet und schaut mal Jesoph, wie er hier ganz frei rumtollt."

     

    Viele Menschen hörten dem Troubadour bei diesen Geschichten zu, weil sie hier ein Stück von dem wieder miterleben konnten.

     

    Jesoph wurde älter. Er konnte mittlerweile schon sprechen, trollte sich durchs Dorf und war jetzt bereits zu einem richtigen kleinen Jungen aufgewachsen.

     

     

    Die dunkle Zeit kommt zurück

     

    In dieser Zeit hörte man plötzlich öfters Geschrei aus dem Haus der Prinzessin ohne Land. Der Troubadour und die Prinzessin stritten. Auch sah man die Prinzessin mürrisch und wirsch durchs Dorf laufen und oft auch die Menschen anblaffen. Man sah den Troubadour immer öfters mit Jesoph allein. Jesoph war immer noch glücklich, liebte seinen Vater, den Troubadour, und seine Mutter, die Prinzessin ohne Land. Nur, es blieb so. Es kam öfters Geschrei aus dem Haus.

     

    Eines Tages sah man den Troubadour mit seinem Gnom und Jesoph allein im Dorf. Er saß mit großen Augen in die Leere schauend unter der Linde. An diesem Tag sah man die Prinzessin mit blauen Flecken im Gesicht durchs Dorf laufen. Sie hatte ihren Gnom in der Hand und dieser, erinnerten sich die Menschen, sah wieder aus wie am Anfang.

     

    Solche Szenen wiederholten sich.

     

    Auch der Troubadour hatte plötzlich blaue Flecken, hinkte manchmal durchs Dorf und das Geschrei im Hause der beiden wurde immer mehr.

     

    Alle Menschen drumherum konzentrierten sich auf Jesoph, weil dieses Kind so eine Lichtgestalt war, dass alle daran Freude hatten.

     

    Den Troubadour sah man immer mehr alleine mit Jesoph und er schaute sehr traurig. Sein Gnom hing sehr eng an ihm und der machte gar keine gute Mine. Man sah deutlich, dass er sehr angestrengt war und viele erinnerten sich an früher, wie ihr eigener Gnom war.

     

    Niemand wagte es dies beim Troubadour anzusprechen.

     

    Es war offensichtlich: Die Prinzessin ohne Land und der Troubadour waren kein Paar mehr. Sie taten sich Gewalt an, ja sie schlugen sich in die Fresse. Und niemand wusste damit umzugehen.

     

    Alle Gnome spürten jedoch, dass hier etwas passierte, was sie alle wieder betraf. Die Menschen fühlten sich alle an die grausamen Zeiten erinnert. Sie wollten damit nichts mehr in diesem glücklichen Land der Prinzessin ohne Land zu tun haben.

     

    Eines Abends saß der alte Mann wieder beim Wirt. Der Wirt sagte: „Weißt Du eine Lösung?" Sein Gnom hing sehr an ihm und dieser schaute den Gnom des alten Mannes an, der auch eng umschlungen den Kopf auf die Brust des alten Mannes legte.

     

    Der alte Mann schaute in sein Weinglas und sagte: „Nein, aber ich werde hingehen." Der Wirt sagte: „Danke." Der alte Mann erhob sich und ging zur Prinzessin ohne Land. Er hatte Angst. Ein Gefühl, das er schon seit langen Jahren nicht hatte und merkte, sein Gnom reagierte, und auch Wut stieg in seinem Bauch hoch. Ein Gefühl, was er eigentlich nicht mehr kannte.

     

    Er fand die Prinzessin in dem Haus. Der Troubadour und Jesoph waren offensichtlich wieder weg. Er sagte: „Prinzessin ohne Land, ohne Dich wären wir alle nicht hier. Du hast damals den riesigen Mut gehabt, Deinen Gnom aus dem Verließ zu lassen, den Schlüssel wegzuwerfen, um uns allen den Mut zu geben, Dir hier her zu folgen. Prinzessin ohne Land, ich bin zu Dir gekommen, um Dir das noch einmal zu sagen. Ich habe Dir damals gesagt, als Du mit dem Troubadour zusammen gekommen bist, pass auf, die Nähe kann auffressen, die Nähe kann enttäuscht werden, die große Nähe kann grausam und aggressiv machen, Prinzessin. Wir kennen alle diese Welt aus der alten Welt und sie rückt wieder näher."

     

    Der alte Mann schaute die Prinzessin an und wurde bleich.

     

    Er sah am Hals der Prinzessin einen Schlüssel: den Schlüssel sah er.

     

    Er und sein Gnom schauten panisch umher und suchten den Gnom der Prinzessin. Er war nicht da. Voller Angst schaute der alte Mann die Prinzessin an und flüsterte: „Prinzessin ohne Land, Du wirst doch nicht …" Die Prinzessin ohne Land unterbrach ihn und sagte: „Doch, Du blöder alter Mann. Diese Welt hier ist nur eine Illusion. Die gibt es gar nicht. Ihr seid alle Idioten und Naive. Meine Eltern hatten Recht. Alles, das was sie gesagt und gemacht hatten, war richtig. Hier ist es grausam. Hier ist die Illusion." Und dann, der alte Mann wartete fast darauf, sagte die Prinzessin leise „und ich gehe jetzt zurück."

     

     

    Das Land ohne Prinzessin

     

    Am anderen Tag hörte man den Troubadour laut schreien. Er stand unter der Linde und schrie und weinte herzzerbrechend. Er schrieb unentwegt: „Jesoph, wo bist Du? Jesoph, wo bist Du?"

     

    Sein Gnom, der sich ebenfalls wieder zurück verwandelt hat, saß neben ihm auf dieser Bank und lächelte brutal. Das ganze Dorf kam zusammen und hörte diese Schreie. Der alte Mann, von seinem Gnom eng umschlungen, kämpfte sich vor und sagte: „Troubadour, sie ist weg mit Deinem Sohn Jesoph." Er stieg dann auf die Bank, die um die Linde herum war, streichelte seinen Gnom und sagte zu allen: „Wir sind jetzt hier ein Land ohne Prinzessin" und weinend verkündete er, dass die Prinzessin gestern wieder einen Schlüssel um den Hals hatte.

     

    Panische Gesichter waren zu erkennen. Manche Gnome lächelten wieder brutal und der alte Mann bat um Ruhe und sagte: „Wir alle hier sind der Prinzessin zu Dank verpflichtet. Ohne ihren Auszug, ohne ihren Mut, hätten wir alle heute noch Schlüssel um den Hals und auch ich, mein lieber Gnom, würde Dich nicht so kennen." Der Gnom schmiegte sich zärtlich an den alten Mann. „Wir sind heute Waisenkinder geworden und jeder von uns muss jetzt selbst entscheiden, ob er im Land ohne Prinzessin weiterhin leben möchte."

     

    Der Troubadour saß wie ein Häufchen Elend auf der Bank. Sein Gnom schmiegte sich wieder an ihn.

     

    Zitternd stand der Troubadour auf, nahm seinen Gnom auf den Arm und kletterte auch auf die Bank. Er sah dem alten Mann ins Gesicht, weinte und sagte: „Danke, alter Mann!"

     

    Der alte Mann streichelte ihm zärtlich über die Wange und sagte: „Troubadour, bist Du so weit?" Der Troubadour flüsterte: „Alter Mann, ich weiß es nicht, aber ich werde diesen Weg gehen." Man sah die beiden, der Troubadour und den alten Mann, wie sie sich zärtlich umarmten, beide Gnome an ihren Körpern.

     

    Der Troubadour löste sich und wandte sich an die Dorfbewohner. Mit zittriger Stimme sprach er: „Wir sind der Prinzessin ohne Land in diesem Land ohne Prinzessin zu Dank verpflichtet. Ohne sie wären wir nicht hier. Ich habe viele Fehler in den letzten Monaten gemacht und ich habe schwere Schuld auf mich geladen. Und glaubt mir, ich habe großes Drängen in mir und große Lust in die Welt von früher zurück zu gehen, mir einen Schlüssel um den Hals zu hängen und mich an der Prinzessin grausam zu rächen: sie klaut mir meinen Sohn und der kann nichts dafür. Ich hasse sie. Nein, ich werde doch nicht in diese Welt zurück kehren."

     

    Er zog sein Oberkleid aus und die Menge war erstaunt. Er sagte: „Schaut, ich habe keinen Schlüssel und ich werde keinen Schlüssel haben." Der Gnom legte sich wieder eng an ihn und er nahm ihn wieder auf den Arm. „Ich und mein Gnom werden zusammen bleiben und ich werde Wege finden, die ich nicht kenne, um meinem Sohn zu helfen, was die Prinzessin ohne Land auch immer mit ihm vorhat. Ich muss mit meinem Gnom zurück in die alte Welt." Die Menge raunte und einer sagte: „Troubadour, das ist lebensgefährlich. Der Troubadour schaute in die weite Ferne und sagte: „Ja, ich weiß. Ich habe nicht die Wahl. Ihr werdet das verstehen: Jesoph!"

     

    Das Dorf war wie eine Kathedrale. Alle verstanden den Troubadour und alle dachten an Jesoph. Die Stille war jetzt dann definitiv vor lauterer Laute nicht mehr auszuhalten.

     

     

    Die Prinzessin und die alte Welt

     

    Zu jener Zeit erzählte man sich in der Stadt, dass die Prinzessin wieder zurück gekommen ist. Sie war, wie man sie damals kannte: grausam. Sie hatte einen Sohn dabei, der ihr Erbe sein sollte. Sie ließ die großen Festungsmauern neu aufbauen, setzte grausame Barone ein und sie konnte die altgewordenen Barone der Grausamkeit wieder aufleben lassen. Die Stadt war wieder wie früher. Viele freuten sich. Diejenigen, die nie ihren Schlüssel abgegeben hatten, freuten sich.

     

    Man erzählte sich draußen vor den Toren gäbe es eine kleine Lehmhütte in dem ein Mensch und ein komisches Wesen lebte. Alle waren erstaunt, dass die Prinzessin das tolerierte. Manche raunten, dass er etwas mit dem Erbe der Prinzessin zu tun hätte, dem Sohn Jesoph. Niemand wusste, was er denn machte und warum er da war. Üblicherweise ließ die Prinzessin jegliche Ansammlung um die Mauern sofort abreißen. Die Menschen raunten, dass hier irgend ein Zauber war.

     

    Eines Abends hörte man diese komische Kreatur mit dem komischen Gnom an seiner Seite laut schreien und weinen. Bis ins Herzen der Stadt hörte man ihn weinen. Nur die Aufmerksamen unter ihnen hatten bemerkt, dass an diesem Tag der Erbe der Prinzessin, Jesoph, zum ersten mal einen Schlüssel um den Hals trug. Das Geheule, das Weinen, das Geschrei dieses Wesens vor der Stadt ging tagelang.

     

     

    Die Franziskanerkirche

     

    Der geschundene Troubadour wachte aus seinem Tagtraum auf. Er lag mittlerweile auf dem Grab, stand auf und ging vor die Kirche. Der Mann vor der Kirche war noch da und sagte zu ihm: „Und, kann ich jetzt gehen oder muss ich noch bleiben?" Der Troubadour, der hinkte und überall Schmerzen hatte, sagte: „Nein, bleibe, ich brauche Dich noch. Ich muss mich um meinen Sohn kümmern und ich muss zwischen dem Land ohne Prinzessin und diesem grausamen Land, Wege finden, dass ich in beiden Ländern leben kann." Der Mann vor der Kirche schaute den Troubadour lange an und nickte dann still. Der Troubadour sagte: „Du weißt, dass ich eines Tages hier zurück kommen werde, weil ich hier neben der Prinzessin begraben gehöre." Der Mann nickte wieder still und der Troubadour bat ihn: „Bleibe hier, bis ich dann hier begraben bin."

     

     

    Für ck.

    Voraussichtlich ein allerletztes mal.

     

    Betet für Jesoph, dass es einen Gott gibt.

     

    Betet für den Troubadour, dass er nicht doch zum Schlüssel greift.

     

    Betet für die Prinzessin ohne Land, damit sie ihren Schlüssel wieder wegwirft.

     

    jd







  • 2017: Frau Madeleine Keßler ist tot

    Frau Madeleine Keßler ist tot

    Gerechtigkeit?
    Die Hoffnung stirbt vielleicht zuletzt, doch sie stirbt.


    Meine liebe Frau Keßler,

    Sie sind tot!

    Sie sind am Freitag, den 01.12.2017 während einer Bronchoskopie in der Universitätsklinik gestorben, unter Narkose, allein, und - so wie Ihr ganzes Leben war - mutig.

    Sie waren 30 Jahre alt.
    Sie sind jetzt tot!

    Damit haben Sie sich vielleicht sogar zum ersten mal aufgezwungen: Zum 1. Advent inmitten der Weihnachtsgefühlsduselei sind Sie gestorben.

    Für Sie, Frau Keßler, möchte ich nicht eine verklausulierte Geschichte schreiben, noch eine Geschichte nach dem Motto: „Wer verstehen will, kann verstehen.", sondern ich möchte hier direkt mein Entsetzen, meine Traurigkeit, meine Wut und dieses entsetzliche Elend, welches Ihr Tod auslöst, ausdrücken.

    Sie waren die mutigste Frau, der mutigste Mensch, den ich kenne.

    Zu Ihrem Leben:
    (Oder zu dem, was ich darüber weiß.)

    Als Sie vier Jahre alt waren, also noch nicht lange her, vor 26 Jahren, ist Ihre Mutter abgehauen, und Sie blieben mit zwei weiteren Schwestern und Ihrem Vater alleine.

    Wie auch immer hatten Sie keine Wahl:
    Sie mussten schnell erwachsen werden.
    Ihre Kindheit, Ihr Recht auf Kindsein mussten Sie vakuumieren, tiefgefrieren oder - wie auch immer - konservieren.

    Sie haben für Ihren Vater, dessen Restaurant, und für Ihre Schwestern gesorgt.

    Wie es wirklich für Sie war, haben Sie für sich behalten.

    Wir haben Sie nicht einmal darüber jammern hören. Nicht einmal!

    Sie haben erzählt, dass die studierte Schwester dann später etwas von oben herab auf Sie heruntergeschaut hat.
    Auch darüber hörten wir Sie nie sich ärgern.

    Irgendwann musste Ihr Vater das Restaurant aufgeben, weil das Geld nicht reichte.

    Restaurant, das ist wirklich ein wichtiges Wort in Ihrem Leben.

    Ich habe Sie kennengelernt in der Orangerie, in diesem sogenannten schönen Städtchen Freiburg, wo Sie der Sonnenschein als Kellnerin waren.

    In der Orangerie habe ich Ihnen immer gesagt: „Sagen Sie doch bitte an, was da ist. Es ist kürzer, als das anzusagen, was nicht mehr da ist.

    Das haben Sie sooo gut gemacht!

    Die Orangerie musste auch aufhören, auch wegen dem Geld.

    Sie ließen nicht locker. Ich hörte von einem Taxifahrer, dass direkt neben unserem Büro die „Orangerie-Leute“ ein Restaurant eröffneten.

    Ich dachte: „Oh je, dann gibt es wieder nichts.”

    Als ich Sie dann in der „Kräuterküche“, Ihrem neuen Restaurant, wieder gesehen habe, habe ich sofort gefragt, ob dies so weiter ginge wie in der Orangerie.
    Sie haben mich mit Ihrem Blick getötet und Sie haben gesagt:
    „Hier bin ich die Chefin, das gehört mir!”

    Stolz waren Sie.

    Damit die Peinlichkeit ganz meinerseits und sicherlich definitiv bei mir geblieben ist, empfahl ich Ihnen dann noch, dass dieser Dunkelhaarige, der auch aus der Orangerie stammte, damals wohl der Chef war, besser nicht hier arbeitet, weil dessen Freundlichkeit sehr speziell war.

    Sie meinten darauf nur lapidar: „Mmh, das ist mein Freund.”

    Sitzen blieb ein hochroter Kopf, der sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen hätte, vor lauter Schämen.

    Ich habe diesen Freund, als Amir dann kennen gelernt.

    Ich möchte ihm mit diesem Schreiben auch mein persönliches Leid und Beileid ausdrücken.

    Frau Keßler, Ihr Leben ging weiter, wie Ihr Leben eben war:
    Das Restaurant war nicht in den Normen gebaut: Der Vermieter hat es Ihnen nicht leicht gemacht, er wollte Ihnen sämtliche Kosten weiter reichen.

    Wie immer:
    Sie haben gekämpft.

    Ihre Freundlichkeit ließ dennoch in keinster Weise irgendwelche Wünsche offen.

    Später habe ich dann mitbekommen, dass Sie neben dem Restaurant, das Sie ab 18:00 Uhr übernahmen, Sie ganztags bereits in einem Basler Chemiekonzern als Sekretärin gearbeitet haben.

    Ich muss mich kaum wundern, wieviel Menschen arbeiten, weil ich eher zu der Spitzengruppe, wie Frau Albers ebenfalls, gehöre.

    Damals ist mir jedoch die Kinnlade hinunter gefallen und ich fragte: „Wann schlafen Sie, Frau Keßler?“
    Die Antwort war: „Das frage ich mich auch.“

    Ich war stolz auf mich, dass ich Sie als Sekretärin gewinnen konnte, was zumindest etwas Entlastung für Sie bedeutete.

    Sie waren nicht nur mutig, sondern auch fleißig und haben anderen Leute einen Arbeitsplatz geboten. Und das alles mit 25 Jahren.

    Frau Albers und ich waren uns immer einig, dass wir drei eine Familie sind.

    Sie hatten Ihr Restaurant, was viel mehr für Sie war, als ein Restaurant:
    Ein Stück Heimat, ein Stück Rache an die Ungerechtigkeiten, die Ihnen passiert waren, vielleicht sogar ein ganzes Stück Leben.

    Doch, die Rechnung wird bekannterweise nicht ohne den Wirt gemacht:

    Die Ungerechtigkeit hat dann wieder zugeschlagen.

    Diagnose: generalisierter Krebs.

    Kaum Überlebenschancen.

    Frau Keßler, auch hier zeigte sich wieder Ihr unendlicher Mut:
    Experimentelle Chemotherapie in Hamburg, keine Möglichkeiten mehr Kinder zu bekommen, Glatze, körperliche Einschränkung, …, und alles, was Sie nicht erzählt haben.

    Darf es denn wirklich noch etwas mehr sein?

    Und auch hier:
    Kein Wort, kein Satz des Jammerns von Ihnen.

    Sie haben mir und Frau Albers, als das Restaurant dann schließen musste, eine Pflanze geschenkt.

    Ich habe immer auf die Pflanze geschaut und gedacht: So lange die wächst, lebt Frau Keßler.

    Das war falsch.

    Ich habe drei Tage vor Ihrem Tod noch mit Ihnen gesprochen und Sie zur Weihnachtsfeier eingeladen.

    Sie haben kein Wort über Ihren Zustand gesagt.
    Sie sagten: „Ich komme gerne.“

    Am Tag darauf telefonierten Sie mit Frau Albers eine Stunde lang.

    Frau Keßler:

    Sie sind jetzt tot.

    Sie waren 30 Jahre alt.

    Sie haben nur gekämpft.

    Sie haben immer verloren.

    Sie haben nie gejammert.

    Ihr Leben bestand ganz sicherlich nicht aus Hoffnung, nur aus purem Mut.

    Ich möchte Ihnen, auch im Namen von Frau Albers, meinen tiefsten Respekt aussprechen. Sie sind ein Vorbild.

    Ihr Tod ist Mist.



    Für Madeleine Keßler.

    Weihnachten 2017

    Auch im Namen von Martina Albers.

    Jacques Donnen



    PS: Erlösend wäre, wenn Sie jetzt in Ihrem Kräutergarten wären, mit hunderten von frischen Kräutern, die Sie im eigenen Restaurant verarbeiten könnten.
    Das ist aber nur ein Gedanke, der uns besser Ihren Tod aushalten lässt.
    Sie sind tot.