• Das Lernen der Praktikanten oder unsere Schrauben-Babs
  • Das Altwerden – ein paar Gedankenspritzer
  • Aufräumen befreit
  • Wenn Psychologinnen sich was wünschen
  • Angewandte Psychologie
  • Vom Win-Win Denken zum Urinstinkt
  • Rollenspiel
  • „Das stille Örtchen“
  • Die neurotischen Psychologen oder die Gesundheit mancher Kunden
  • Lebenspraktische Orientierung von Sekretärinnen
  • Über den Versuch Kunden- und Serviceorientiert zu sein
  • So wird man in Kneipen anonym bekannt
  • Das Lernen der Praktikanten oder unsere Schrauben-Babs

    Praktikanten gehören zu so einem kleinen Betrieb, wie wir es sind dazu, schon aus Gründen der Berufsehre. Den psychologischen Nachwuchs fördern, ihm helfen, möglichst praktische Ahnung zu bekommen, in welchem Berufsbereich er sich entwickeln kann und persönliches Feedback geben, was man selbst empfiehlt, ist Ehrensache und gehört einfach dazu.

     

    Es gibt manche Betriebe, die selektieren Praktikanten, testen an ihnen herum, wollen nur die Besten, und das alles, obwohl sie überhaupt keine offene Stelle haben, um nur solche vorzuselektieren, die sie, hätten sie eine Stelle, dann vielleicht auch anstellten. Ich finde das keine gute Haltung, da Praktikanten da sind, um zu lernen, um zu schnuppern, um noch ohne die Alltagssorgen eine reine Lernperspektive einnehmen zu können und dieses Lernen auch zu genießen.

     

    In diesem Sinne, es ist schon einige Jahre her, hatten wir eine junge Dame im Hause, die intellektuell sehr begabt war und vor 10 oder 15 Jahren hätte man sie vielleicht als Tochter aus gutem Hause, die sicherlich auf einer höheren Töchterschule war, bezeichnet: Sehr gescheit, sehr ehrgeizig, sehr viel Buchwissen in sich gespeichert, in der Kritik messerscharf, von uns allen verlangend, dass jede Intervention auch fundiert und kritisch durchleuchtet war.

     

    Sie merken schon, es war eine anstrengende Praktikantin und es war für uns alle eine Aufforderung, und eine Herausforderung, mit ihr zu einer Intervention zu gehen. Man wusste, es gab anstrengende Tage.

     

    Und auch ihr Vorname war ihrer vornehmen Art Beispiel: Sie hieß Barbara.

     

    Barbaras Praktikum endete Ende Juli, so dass sie, wie das seit Jahren bei uns üblich ist, in unserer KVP-Woche noch mit dabei war.

     

    Und hier passierte nun das, was ich Ihnen eigentlich berichten möchte. In dieser Woche, bei uns PSEA-Woche genannt, ist immer der erste Akt, dass wir für die Ästhetik unserer Räume sorgen. Wir retouchieren, wir stellen eventuell um, wir ersetzen Kaputtes mit Neuem oder reparieren etc., so dass unsere Tage handwerklich orientiert sind. In unseren Räumen besteht das Licht aus 12 Volt-Halogen-Anlagen und unsere Barbara hatte einen Höllenrespekt vor elektrischem Strom. Wir gaben ihr die Aufgabe die kaputten Halogenlämpchen zu ersetzen und statteten sie aus mit einem kleinen Schraubenzieher, den entsprechenden Imbusschlüsseln, den entsprechenden Ersatzbirnen und sie konnte loslegen.

     

    Am Anfang stand ihr die nackte Angst auf der Stirn, bis wir ihr zeigten, dass man 12 Volt ohne weiteres aushalten könnte. Mit herausgestreckter Zunge im Mundwinkel sah man die nächsten Tage Barbara auf der Leiter und mit immer entspannterem Gesicht die Strahler ersetzen. Das entspanntere Gesicht wechselte über ein stolzes zu einem sehr stolzen Gesicht und Barbara berichtet am Ende:

     

    So etwas habe ich noch nie gemacht, ich hätte es mir nie zugetraut, ich bin sehr froh, dass ich dies machen konnte. Seither heißt Barbara bei uns die „Schrauben-Babs“ und das ist ganz liebevoll gemeint.

     

    Somit ist es offensichtlich manchmal auch für Praktikantinnen und Praktikanten wichtig, etwas anderes zu lernen als Psychologie. Auch das sollten wir berücksichtigen.







  • Das Altwerden – ein paar Gedankenspritzer

    Hochsommer.

    Ein Kunde (ein langjähriger Kunde) war so nett und lud uns auf das Zeltmusikfestival in Freiburg zu dem Abend von James Brown ein. Eine meiner Mitarbeiterinnen (deutlich jünger als ich) kam mit ihrem gleichaltrigen Freund, ich mit meiner Ehefrau.

    Wir trafen den Kunden, der als Begleitung seine Ehefrau und seine beiden Töchter dabei hatte, in dem so genannten VIP-Zelt (nebenbei: hier sieht man mehr vom Zelt als von den VIPs).

     

    Der Abend startete gut und bei einem Glas Bier war der einladende Kunde und ich, wie es sich für so einen Abend gehört, tief in Fachgespräche rund um aktuelle Themen vertieft.

     

    Im Laufe des Abends verschwanden alle Begleiter und Begleiterinnen (die Mitarbeiterin, die Ehefrau...) in Richtung Konzert ins Haupt-Zelt.

     

    Wir beiden Herren, vertieft in unser Gespräch, winkten ab und sagten „Geht ihr schon mal, wir kommen dann nach.“ und zogen uns in ein ruhiges Eckchen zurück.

     

    Man hörte deutlich eine Vor-Band das Beste von sich geben. Irgendwann wurde es lauter, wahrscheinlich legte in diesem Moment James Brown los. Zu diesem Zeitpunkt schlich sich schon der Verdacht in uns ein: „Wir werden heute nicht viel von James Brown sehen.“ Es war laut und warm, also konzentrierten wir uns weiterhin auf unser spannendes Gespräch, was sich sehr gut entwickelt hatte.

     

    Man trank noch ein Bier und ließ das Gespräch gedeihen. Da saßen wir nun, die beiden älteren Herren, ließen die „Jugend“ ins Konzert gehen und wir konzentrierten uns, was so Altherren tun, aufs Geschäft...

     

    Gegen 23:30 Uhr kam die „Jugend“ wieder, sichtlich erbaut, verjüngt durch die Supermusik des Oldtimers James Brown. Dies war deutlich an ihren Gesichtern zu erkennen. Es gab kaum Verständnis für die beiden älteren Herren, die aber für alle sichtbar auch sehr zufrieden waren. Ein kleines Lächeln war jedoch auf den Lippen der „Jüngeren“ zu sehen.

     

    Ich habe am Tag darauf lange über diesen Abend nachgedacht. So soll es wahrscheinlich sein: man lernt so wie es ist, wenn das Altern langsam auf einen zuschleicht - besonders an solchen Abenden.

     

    Bei manchen Events hat man eben nicht mehr das Gefühl, dass man etwas verpasst, wenn man nicht teilnimmt, obwohl man sehr, sehr eng daneben sitzt. Dies ist für mich eine schöne Art und Weise, das Altern auf mich zukommen zu spüren.

     

    Deshalb noch einmal: Ein herzliches Dankeschön an den Kunden für diese Einladung.







  • Aufräumen befreit

    Die kennen Sie doch auch? Diese wunderbaren Plastik- oder auch Metallablagen, die man sich auf den Schreibtisch stellt und in denen man dann seine vielen Zettel, Hefter und Broschüren so verstauen kann, dass der Tisch nach wie vor aufgeräumt aussieht?

     

    Natürlich hat hier jeder Ablageteil seine ganz eigene Ordnung: bei mir liegen z. B. die am schnellsten zu erledigenden Aufgaben im obersten Teil, die nicht ganz so wichtigen in der Mitte, und all das, was irgendwann mal bearbeitet werden soll oder von dem ich mich nicht recht trennen kann, stapelt sich im unteren Drittel.

     

    Ja, und dann ist mal wieder Ostern, der Urlaub steht bevor, oder es ist ganz einfach Montag und man beschließt, richtig Ordnung zu schaffen. Und beim durchschauen finden sich plötzlich noch drei Wochen alte Schmierzettel zusammen mit Artikeln, die man schon nach dem ersten Blick hinein als uninteressant zur Seite gelegt hat. Nach kurzem Hadern mit sich selbst – „Könnte ich die Aufzeichnungen oder den Artikel nicht doch irgendwann noch mal gebrauchen?“ – fliegt das Schriftstück dann tatsächlich in den Papierkorb, oder findet auf sehr wundersame Weise seinen Weg zurück in die heimische Ablage. Was tun, fragt man sich, wenn die Ablage trotz langem Ausmisten, schlussendlich fast genau so voll wie vorher ist, oder sich ganz schnell schon wieder neue Zettelberge in genau dieser türmen?

     

    Mittlerweile gibt es auch zu diesem Thema Unmengen an Ratgeberliteratur. Nur mithilfe dieser teilweise mehrer hundert Seiten langer Wälzer, wollen uns die Autoren weismachen, seien wir in der Lage, unser Leben zu „ent-rümpeln“. Aber seien wir doch mal ehrlich: eigentlich wissen wir doch selber schon genau wie es geht und wo es hapert! Wir sind alle Sammler und haben es gar nicht gern, wenn wir unsere „Beute“ – sei sie auch noch so unwichtig – irgendwann wieder hergeben müssen. Andererseits: Wenn wir es schaffen würden unseren Sammeldrang zu überwinden und uns regelmäßig und sofort von all den Sachen trennen, die wir wirklich nie mehr brauchen, dann hätten wir das „Ablagenproblem“ auch ohne Ratgeber gelöst. Und noch eins: Wie wahrscheinlich ist es in Zeiten der multimedialen Informationstechnologie, dass z. B. ein weggeworfener Artikel unwiderruflich verloren ist?

     

    Deshalb unser Fazit: die Fähigkeit zum Entrümpeln beginnt in unseren Köpfen. Und am besten fangen wir damit an, uns zunächst einmal unserer Sammelleidenschaft zu entledigen. Ist die erstmal weg, leert sich unsere Ablage wahrscheinlich von ganz alleine – und wir werden endlich frohen Herzens sagen können: Aufräumen befreit!!!







  • Wenn Psychologinnen sich was wünschen

    Als wir uns vor kurzem im Kollegenkreis unterhielten, kam uns die innovative Idee für neue Geschäftsfelder (Ja, Psychologen unterhalten sich nicht nur über ihre Befindlichkeit, sondern auch über das Geldverdienen). Wir eröffnen eine Kundenschulungsakademie!

     

    Es gibt Seminare zur Kundenorientierung, Verkaufstraining, Training zum Beschwerdenmanagement usw. aber nur für...Verkäufer und Berater! Wo werden eigentlich die guten Kunden ausgebildet? Wo lernen Kunden höflich und freundlich mit dem Verkaufspersonal oder auch den Beratern und Trainern umzugehen. Wo erklärt ein kompetenter Trainer einem Kunden, wie er sich durch effektivere Kommunikation schneller verständlicher macht. Das Verkaufspersonal, die Dienstleister sind heutzutage schwer beschäftigte Menschen, ihr Alltag ist hart genug. Wie motiviert ein Kunde seine Trainer oder Berater zu Höchstleistungen? Wie wird aus einem ganz normalen Kunden ein Spitzenkunde. Kunden geben konstruktives Feedback- ein wäre weiteres Wunschseminar. Die Welt der Verkäufer, Berater, Trainer wäre eine bessere. Das käme natürlich den Kunden wieder zugute.

     

    Wir entdecken viel Potential, ungeahnte neue Geschäftsfelder. Und unser Job: Erst schulen wir unsere eigenen Kunden, erst dann dürfen sie topfit an unseren sonstigen Seminaren teilnehmen. Der perfekte Kunde, schöne neue Welt. Der Kunde wird sich zum Wunschkunden entwickeln.

     

    Oder haben wir da intern etwas mit unserem Dienstleistungsgedanken und der eigenen Kundenorientierung missverstanden?

     

    Wie war das mit der Lösungsorientierung und dem Verändern, fing das nicht bei einem selbst an...Wir wissen das als Psychologen natürlich, aber schön wäre es ja trotzdem, wenn die anderen...







  • Angewandte Psychologie

    Eines meiner Lieblingsmodelle der PSEA-Pychologie ist das Modell der nutzvollen Perspektive. Jeder Mensch hat seine Sicht der Welt und der Realität, eine absolute oder richtige Sicht dieser Dinge gibt es nicht. Diskussionen über die Wahrheit, über richtig oder falsch, über den richtigen Weg zum Ziel usw. sind meistens verlorene Zeit und alles andere als gewinnbringend.

     

    Wenn Zwei sich streiten oder in endlose Diskussionen verstrickt sind, ist es hilfreich nach einer dritten, nutzvollen Perspektive zu suchen. Nicht die eigene begrenzte Perspektive durchsetzen, sondern eine neue Perspektive finden, die die Sache und gemeinsame Interessen voranbringt und nützt. Dieser Perspektivenwechsel erweitert den eigenen Horizont und damit auch den Handlungsspielraum.

     

    Leider gelingt er nicht immer.

     

    Eine immer wiederkehrende Situation, (es gibt offenbar lernresistente Gehirnteile) in der ich mich ertappe ist die folgende:

     

    Ich setze mich auf mein Fahrrad und fahre in die Stadt. Als erstes ärgere ich mich über parkende Autofahrer, die unberechenbar Türen öffnen, ohne zu blinken abbiegen, eng an mir vorbeifahren, die mich rücksichtslos und egoistisch, Autofahrer eben, gefährden.

     

    Als umweltbewusste Radfahrerin steht mir ein hartes Urteil zu.

     

    Ab und zu nehme ich die Straßenbahn. Es ist schon erstaunlich, wie rücksichtslos Autofahrer auch Fußgängern gegenüber sind. Die Zeiten sind vorbei, als diese noch an Zebrastreifen hielten. Autofahrer behindern auch besonders gerne die Straßenbahn, sie biegen einfach ab und blockieren die Schienen.

     

    Als Fußgängerin kann ich aber auch ein Lied über Radfahrer in der Fußgängerzone singen. Ich finde es gut, dass die Polizei dies streng kontrolliert und Strafzettel ausstellt. Denken Sie nur an die alten Leute, die können gar nicht so schnell springen, wie diese Radfahrer an einem vorbeifahren. Selber schuld, wenn da mal einer in der Straßenbahnschiene hängen bleibt.

     

    Großeinkäufe erledige ich mit dem Auto. In Freiburg mit dem Auto unterwegs zu sein, erfordert gute Nerven. Fahren Sie nachts durch Freiburg! Radfahrer, ohne Licht, zu zweit und dritt nebeneinander, riskieren sie ihr Leben und meine Lackierung. Aber auch tagsüber, gegen Einbahnstraßen, über rote Ampeln, die selbst ernannten Umweltbewussten sind die schlimmsten. Stress entsteht auch in den Straßen, wo sie zum Abbiegen die Straßenbahnschiene kreuzen. Standen Sie schon einmal im fließenden Verkehr und eine dauerklingelnde Straßenbahn hinter Ihnen?

     

    Schade nur, dass ich in diesen Situationen mein Perspektivenmodell immer vergesse. Manchmal sind es die kleinen Alltagsdinge, in denen angewandte Psychologie Nutzen bringt.







  • Vom Win-Win Denken zum Urinstinkt

    Eines meiner liebsten psychologischen Themen ist die Beschäftigung mit konstruktivem Verhandeln, Konsens orientierter Konfliktbearbeitung, Win-Win Haltung. Ich bin in diesem Denken und in der dazugehörigen Haltung gut geübt und erfahre den praktischen Nutzen häufig.

     

    Dachte ich zumindest bis vor kurzem...

     

    Ein bekannter Billiganbieter hatte eine Werbeaktion für Radfahrer:

     

    Fahrradhelm für EU 9,00, Trinkflasche für EU 2,00, Trikot für EU 5,00 und ein ganzes Fahrrad für den Stadtverkehr ...echte Schnäppchen. Nun gehöre ich eigentlich zur Gattung „markenorientiert“, „schönes Einkaufsambiente“, „gehobene Qualität“, aber die Anreize des „gut und günstig Gefühles“ hatte mich doch überwältigt. Als nicht erfahrene Billiganbieter-Schnäppchenjägerin war ich zur offiziellen Öffnungszeit am Ort des Geschehens, meine Verwunderung war angesichts voller Parkplätze, drängelnder Menschen und schon geöffnetem Discounter groß. Erste gelernte Lektion: Früher als pünktlich dort sein! Im Laden innen schubsten und drängelten „Menschentrauben“ sich vor den Angeboten. Durch Beobachten lernte ich die nächsten wichtigen Regeln: sofort alles festhalten, nichts in den Wagen legen, es wird geklaut! Jeder andere Kunde ist ein Konkurrent im Kampf um die Beute. Immer schauen ob ein Anderer etwas ablegt, selber klauen.

     

    Mein Einkaufswagen füllte sich schnell, ich hatte eine feine Beute erlegt, hoch befriedigt schleppte ich sie zum Auto. Auf der Rückfahrt dachte ich über meine nächste Seminarvorbereitung nach. Themen: Konflikte fair und konstruktiv klären, dachte an wertschätzende Haltungen und gewaltfreie Kommunikation... befand ich mich in einem Dilemma?

     

    Anspruch und Realität-, endet mein Win-Win Denken beim Schnäppchenjagen? Ist bei beschränkter Ressource mein Entgegenkommen gegenüber dem Anderen verschwunden?

     

    Überlagert mein Jagdinstinkt dann meine konstruktive Psychologinnenseele? Wie war das mit „gedacht ist nicht getan“ ...

     

    Sind Psychologinnen gar nur zeitweise zivilisierte Steinzeitmenschen?

     

    Oder lerne ich vielleicht gar nicht in Führungskräfteseminaren mich zu behaupten sondern...Schluss mit den geschäftsschädigenden Grübeleien, aber vielleicht testen Sie es ja mal. Ich habe jedenfalls eine Erkenntnis gewonnen, win-win Denken anwenden und lehren sind zweierlei. Was bedeutet: (mit der Erkenntnis ist es bekannter weise nicht getan) weiter an mir arbeiten.







  • Rollenspiel

    Es war ein Tag im Juli. Ich hatte eine Gruppe von 15 Leuten in einem Gesprächsführungsseminar über mehrere Tage vor mir sitzen. Nachdem sich die Teilnehmer kennen gelernt hatten, wollte ich von ihnen wissen, welche Erwartungen und welche Befürchtungen noch da seien bevor wir in das Thema einsteigen.

     

    Es passiert nicht selten – und darum überraschte es mich kaum - , dass ein paar Teilnehmer äußerten, dass Rollenspiele vor der Kamera so künstlich wären und außerdem sowieso nie die reale Wirklichkeit abbilden. Nach einer kurzen Diskussion einigte sich dann die Gruppe, es doch zumindest einmal auszuprobieren und dann zu sehen, wie diese Proben der Realität wirken.

     

    Ich bildete Gruppen, die jeweils eine typische Situation aus dem Arbeitsalltag vorbereiten sollten , um sie dann vor der Kamera in Bezug auf Gesprächsführungstechniken durchzugehen und sie danach analysieren zu können.Und schon bei der ersten Übung erlebten wir alle eine Überraschung: Die Gesprächsteilnehmer nahmen Platz und plötzlich legte der, der den Kunden darstellen sollte so realitätsnah los, dass wir alle erstaunt den Atem anhielten. Er stellte die Situation so wirklichkeitsgetreu dar, dass wir alle binnen von Sekunden nachvollziehen und miterleben konnten, welchen Bedingungen bzw. Gesprächen und Fragen die Teilnehmer im Alltag begegneten. Die Teilnehmer waren zutiefst beeindruckt, so dass nach Aufzeichnung diese Sequenz erst einmal eine begeisterte Äußerung der Teilnehmer nach der anderen laut wurde wie: „Oh, genau so ist es.“, oder „Das war ja toll, das ist ja hochinteressant. Euch geht es genauso wie mir, mir passiert das auch öfter.“, oder auch „Das war jetzt wirklich ein Erlebnis, jetzt konnte ich mal richtig spüren und sehen, wie das wirklich sonst auch im Alltag läuft.“, oder „Oh, das war wirklich eine sehr realistische Darstellung.“

     

    Kurzum: Alle waren begeistert von diesem Mittel, Gespräche zu üben und neue Arten der Gesprächsführung durchzuführen und somit erstmal in Seminaren zu üben. Wir alle machten uns hochmotiviert an den Rest des Tages vom Seminar und nutzten diese Möglichkeit der Übung noch häufig und sehr erfolgreich.

     

    Diese Episode ist mir noch lange im Gedächtnis geblieben und ein lebendiges Beispiel geworden für den Leitsatz: „Man sollte über nichts urteilen, was man nicht erst einmal ausprobiert hat.“







  • „Das stille Örtchen“

    Wer PSEA kennt weiß, dass wir zu jedem Seminar ein recht umfangreiches Skript mit allen Folien und Erläuterungen ausgeben. So war es auch geschehen, ein Zwei-Tages-Seminar mit entsprechendem Skript hatte stattgefunden.

     

    Ca. ein halbes Jahr danach fand ein sogenannter „Nachfasstag“ statt, also ein Tag, an dem die Erfahrungen aus dem Seminar reflektiert, vertieft, erweitert werden. An diesem Tag musste auch die Trainerin mal auf die Toilette und erblickte direkt neben dem Spülkasten Folgendes: Fein säuberlich, einzeln in Klarsichthüllen eingetütet, sorgfältig zusammengebunden und befestigt, hing da just das Skript zum vergangenen Seminar. Der erste Gedanke war: „Wie kann man nur...“, der nächste Gedanke: „Vielleicht gar keine schlechte Idee...“ und die Trainerin schmunzelte. Und als sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer daraufhin ansprach erhielt sie folgende Antwort: „Wissen Sie, wenn wir wollen, obwohl eigentlich niemand Zeit hat, Dinge gelesen und Informationen verbreitet werden, dann hängen wir die bei uns auf die Toilette. Da kommt jeder hin und hat Zeit.“

     

    Das „stille Örtchen“ als „Verteiler“ in stressreichen Zeiten – auf die Idee muss man erst mal kommen.







  • Die neurotischen Psychologen oder die Gesundheit mancher Kunden

    Auch hier möchte ich von der Begebenheit mit einem Kunden berichten, die schon lange Jahre zurückliegt.

    Wir hatten den Auftrag, für eine kleine Abteilung eines großen Unternehmens am Rheingraben eine Mannschaft von 10 höchst qualifizierten Menschen zu diagnostizieren und ihnen Hilfe zur persönlichen Weiterentwicklung zu geben.

     

    Es war eigentlich der Traumjob, von dem jeder begeisterte ehemalige Therapeut träumt, der mittlerweile durch und durch ein Arbeits-, Betriebs- und Organisations-Psychologe geworden ist: Diagnostisches Setting im arbeits-. betriebs- und organisationspsychologischen Bereich und Veränderungsmultiplikation dieser Menschen.

     

    Wir führten jeweils zu zweit Interviews durch und machten unsere Testdiagnostik. Alles funktionierte ganz gut, bis eines Tages ein spezieller Mensch zu uns kam, den wir interviewten. Ab einer gewissen Zeit bat ich um eine Pause, schickte den Menschen wieder an seinen Arbeitsplatz und sagte, wir würden uns heute wieder melden.

     

    Der Grund hierfür war, dass ich das Gefühl hatte, er würde uns irgend etwas verheimlichen.

     

    Ich diskutierte gemeinsam mit der Kollegin darüber, die das ebenso empfand, woraufhin sich eine rege Diskussion entwickelte, wie dieser Mensch zu knacken sei.

     

    Nach geraumer „Knackdiskussion“ fiel mir plötzlich noch eine weitere Möglichkeit ein: Was, wenn es gar nichts zu knacken gäbe, wenn der Mann schlicht und einfach kerngesund wäre, geborgen aufgewachsen, höchst intelligent? Manches sprach dafür: Promotion in Physik mit 26 Jahren, glücklich verheiratet, zwei Kinder. Er hatte berichtet von einem geborgenen Elternhaus, die elterliche Botschaft war, „mache etwas aus deinem Leben, wir sind für dich da“, und als wir uns beide auf diese Perspektive einließen, kamen wir zu dem Schluss, er könne tatsächlich kerngesund sein. Da saßen wir beiden Psychologen nun, mit unserem Wissen, mit unseren Fähigkeiten, die häufig auf dem Mist früherer Jahre gewachsen sind, vor einem gesunden Menschen. Uns plagte Ungläubigkeit darüber, dass es so jemanden gibt und wir fühlten uns sehr unvollkommen.

     

    Nach dieser Diskussion baten wir unseren Ansprechpartner wiederum zum Gespräch, nach dem wir ausgemacht hatten, ihn direkt zu fragen, was er selbst von seiner Gesundheit hielt. Und prompt bekamen wir die Antwort: „ Ich denke, ich bin ein sehr gesunder Mensch und hatte bisher viel Glück in meinem Leben. Mir geht es richtig gut.“

     

    Die Moral von der Geschichte ist diesmal zweischichtig:

     

    a. Auch wenn wir Psychologen den geschärften Blick für den neurotischen Teil dieser Welt haben, und das sollten wir auch, so sollten wir nie vergessen, dass es zwar statistisch selten, aber dennoch möglich ist, dass wir Menschen begegnen, die schlicht und einfach kerngesund sind. Hier ist Misstrauen nicht angebracht.

     

    b. Als wir ein paar Tage später diese Begebenheit verdaut hatten, mussten wir herzlich über uns selbst lachen: Die verknoteten Psychologen, völlig hilflos vor Gesundheit. Nicht weil ich viel über angeknackste Seelenzustände gelernt habe, muss das auch für alle Menschen gelten. Seien wir vorsichtig mir unseren Projektionen und lassen dankbar auch andere Menschen richtig gut leben.







  • Lebenspraktische Orientierung von Sekretärinnen

    Ich arbeite seit Jahren mit der gleichen Dame in meinem Sekretariat, die inzwischen schon lange zur Assistentin bzw. Organisationsleiterin gewachsen ist.

     

    Vor einiger Zeit habe ich sie gebeten, ihre andere Halbtagsstelle aufzugeben und den Organisationsbereich ganz bei uns zu übernehmen. Sie bat um Bedenkzeit und wir setzten uns nach dieser Bedenkzeit zusammen. Ich lobe sie immer für ihre Direktheit, die die tägliche Arbeit sehr erleichtert. Doch diesmal kam es „dicke“ und das war mir dann doch zu viel.

     

    Gesprächseröffnung seitens meiner Sekretärin: „Herr Donnen, was passiert mir denn, wenn Sie sterben.“ Meine Kinnlade klappte herunter, meine Augen rollten vermutlich zur Seite, dabei hatte sie nur eine dezidierte Frage gestellt, die sich natürlich bei einer Personengesellschaft stellt: Wenn der Unternehmensgrund wegfällt, ist die Stelle logischerweise auch nicht mehr gesichert, und welche Maßnahmen sich der Geschäftsführer in diesem Falle ausgedacht hat, ist zu klären. In meiner Hilflosigkeit stotterte ich etwas wie: „Wenn ich tot bin Frau ... , dann ist mir alles egal, diese Sorge werde ich dann definitiv nicht mehr haben.“ Wir sahen uns an, lachten laut und fanden dann selbstverständlich eine gute Regelung.

     

    Die Moral der Geschichte: Vergesse die lebenspraktische Orientierung von Sekretärinnen nie und arbeite selbst daran, sie zu erhalten.







  • Über den Versuch Kunden- und Serviceorientiert zu sein

    Für die Fälle, in denen Kunden oder auch zukünftige Kunden zu Besprechungen oder kleineren Seminaren unsere Räume nutzen, bestand seit einigen Jahren die Idee, ein kleines Cafe einzurichten, in dem die wenigen Minuten Wartezeit mit einer Kleinigkeit, sei es einem Kaffee, Tee oder Saft, überbrückt werden können.

     

    Gesagt getan. In einem Sommer bauten wir eine Ecke um, und um eine anständige Theke zu bekommen, ließen wir uns nicht lumpen. Wir investierten in feinsten brasilianischen Granit. Eine entsprechende Kaffeemaschine dazu, ein paar Tassen, so dass das Ganze ein gewisses Niveau hatte. Wir wollten unseren Kunden etwas Gutes tun und nannten unsere Cafeecke mit einer kleinen Portion Selbstironie „Cafe Coaching“. Doch wie immer waren wir wiederum viel zu naiv und dachten, dass dieses nur positive Reaktionen hervorrufen würde.

     

    Ich möchte deshalb Ihnen zwei typische Kundenreaktionen nicht vorenthalten.

    Ein Kunde, den wir seit Jahren gut kennen, ein ruhiger, gesetzter Mann, kam zu einer Besprechung und als er das Cafe Coaching sah, bemerkte er: „Oh, das ist ja richtige Kundenorientierung, das ist für mich, also werde ich es auch nutzen.“

     

    Er selbst war sehr viel mit Kundenorientierung beschäftigt und versuchte seinen Bereich in seinem Unternehmen kundenorientiert zu gestalten, was für ihn schwierig genug war. Ich war über seine Reaktion hoch erfreut und dachte, wir sind auf dem richtigen Weg. Dies war aber weit gefehlt, da am nächsten Tag aus dem gleichen Unternehmen, allerdings aus dem Einkaufsbereich, eine weitere Führungskraft kam, die unser Cafe Coaching sah, und folgende Bemerkung machte: „Herr Donnen, haben wir schon so viel Geld hier gelassen“. Ich war sprachlos.

     

    Die Moral der Geschichte:

     

    Kundenperspektive einzunehmen ist offensichtlich eines der schwierigsten Dinge, die wir jeden Tag und immer wieder neu entdecken müssen und auf die wir uns immer wieder ohne Arroganz neu einzustellen haben.







  • So wird man in Kneipen anonym bekannt

    Kürzlich habe ich bei einem Kunden eine Führungskräfte-Entwicklung erfolgreich abgeschlossen. In den knapp 1,5 Jahren habe ich die Führungskräfte mit einigen Techniken und Methoden ausgestattet, sie in vielen praktischen Übungen zum Selbst-Tun gebracht und sie immer wieder, durchaus mit zunehmend drängendem Unterton an die Anwendung und Übung im Arbeitsalltag erinnert. Man kann vielleicht sagen, ich bin dem einen oder anderen wohl auch einmal auf die Nerven gegangen, dass ich Hausaufgaben vergeben und im nächsten Termin nachgefragt habe. Schließlich bringt noch so viel gute Theorie nichts, wenn man es nicht selbst unter Alltagsbedingungen ausprobiert und für sich anpasst.

    Dies alles hat offensichtlich Früchte getragen, denn auch die Mitarbeiter der Führungskräfte bestätigen die deutlichen Veränderungen.

    Am Ende des vorerst letzten gemeinsamen Termins erzählte einer der 12 Herren, dass ich in einer Kneipe, die in der Stadt eine Institution ist, als "die Frau, die die Stadtwerke-Herren im Griff hat" bekannt sei.
    "Wie komme ich denn zu diesem Ruf?!" war mein erster Gedanke und ich musste ziemlich schlucken. "Bin ich wirklich so hart, dass rüber kommt, ich hätte 12 erfahrene Führungskräfte im Griff?"

    Dass diese Aussage durchaus als Lob gemeint war, ging mir erst einen Moment später auf. Sie war mir immerhin im Zuge von sehr wertschätzenden Worten des Dankes und sogar der Überreichung eines Blumenstraußes gebracht worden. Die anderen Führungskräfte stimmten zu, dass meine Hartnäckigkeit sehr wichtig war für die Veränderungen und sie sich durch mich gut begleitet und unterstützt fühlen.
    An das Gefühl musste ich mich dennoch erst gewöhnen, dass ich bereits bei Leuten als in irgendeiner Form "tough" bekannt bin, ohne dass mich diese kennen oder bisher gesehen haben.

    Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es als Beraterin auf jeden Fall wichtig ist überhaupt wahrgenommen zu werden und einen Ruf zu haben, anstatt unbekannt zu sein und vergessen zu werden. Für die Entwicklung von Führungskräften und des Unternehmens ist es außerdem durchaus zuträglich, denn Hartnäckigkeit und Durchsetzungsstärke braucht es, um Respekt und Vertrauen zu schaffen und gestandene Führungskräfte in ihrer Entwicklung zu fördern.

    Mir blieb also nur zu sagen: "Vielen Dank für die Blumen!"